Stolze Schrammen statt Hochglanz

Ansichtssache31. Juli 2013, 18:14
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Für die Ausstellungen zur Festspielzeit gehen die Salzburger Galeristen meist auf Nummer sicher: Bis auf Ausnahmen siegt Hochkarätiges und gefällig Buntes. Ein Lokalaugenschein während der sommerlichen Hochsaison an der Salzach

Salzburg – Für den großen Auftritt in Salzburg – ob nun auf den Festspielbühnen oder den Defilees davor – ist jeder Schwindel erlaubt. Nur auffliegen sollte er nicht. In der Malerei von Joachim Grommek verhält es sich genau anders herum. Wird das Geheimnis gelüftet, der Fake erkannt, offenbart sich sogar der noch viel größere Reiz. Denn die gegenstandslosen Bilder wirken so, als hätte Grommek konstruktivistische und konkrete Kunst (etwa jene Piet Mondrians) mit bunten Klebebändern auf Spanplatte nachempfunden.

Das "What you see is what you get" ist jedoch ein riesiger Fake, den sehr aufmerksame Betrachter an der weißen Farbe an den Bildkanten erkennen können: Die Spanplatte ist ebenso Trompe-l'OEil wie die scheinbar mit Tixo auf ihr befestigte Komposition aus farbigem Karton. Allein die Haptik des Farbauftrags ist Tatsache.

Sorgfalt wendet der Künstler, der einst Pappe wie rostigen Stahl, Leinwand wie Holz aussehen ließ, allerdings nicht nur für die trügerische Erscheinung, sondern auch bei der Wahl des Kolorits auf. Als Inspiration dienen oft Farbkombinationen von Lkw-Planen oder aus der Werbung. Trotz des Spiels mit der Illusion sind es unaufgeregte Bilder – Reflexionen über die Wahrnehmung von Kunst und das Wesen des Bildes. Grommeks Arbeiten zeigt die Galerie UBR – immer ein guter Anlaufpunkt für Positionen jenseits des Hypes.

Ein schöner Kontrapunkt zum schönen Schein und den aufpolierten Society-Paraden vor dem Festspielhaus ist nicht nur der 2011 installierte, gehässige Gurkerl-Aufmarsch (Erwin Wurm), sondern auch die jüngst hinter der Kollegienkirche aufgestellte, tonnenschwere (und mittels Tieflader in die Altstadt transportierte!) Aluminiumskulptur Hans Kupelwiesers: Ein großes Aluminiumblech wurde von einem Bagger zerknüllt weshalb der verbeulte Koloss jetzt Spuren wie von einem Kampf trägt: stolze Schrammen statt Hochglanz. ZKRRRSH! titelt lautmalerisch passend seine Schau in der Galerie von Heike Curtze.

Ihr Festspielunterschlupf in Nebenräumen der Kollegienkirche hätte Josef Karl Rädler (1844-1917) gefallen, denn dieser, der Art brut zuzurechnende Künstler, forderte zur Jahrhundertwende, Kirchen sollten in Museen und Galerien umgewandelt werden. Der ehemalige Porzellanmaler, der überzeugt war, seine Familie hätte ihn zu Unrecht weggesperrt, schilderte ab 1893 das Leben in der "Irrenanstalt" als biedermeierliche Idylle, üppig verziert – ganz so wie Tässchen und Tellerchen – mit Blumenranken und Bordüren. 850 Blätter fand man in den 1960ern in einer Mülltonne in der Anstalt in Mauer-Öhling; rund zwei Dutzend zeigt nun die Galerie Altnöder unter dem Titel Denker! Maler!. In Rädler schlummerte ein kritischer Geist, der seiner Umwelt mit Reden zu Moral und Frieden lästig fiel, darum notierte er sie gerne auf den Rückseiten seiner Zeichnungen. Auch diese säuberlich gerahmt und farblich voneinander abgesetzt, sodass einige (etwa Am Morgen täglich, 1911/14) sogar an eine Farbfeldkomposition erinnern. Er forderte dort gleiche Rechte für Frauen und zürnte – wackelig reimend – dem Kaiser: "Da wird ihm viel Weihrauch geräuchert?Und was hat er gethan? – Den Staat mit Milliarden Schulden bereichert."

Vom Wirrkopf zu dessen geheimem inneren Leben: Zu den Höhlungen der Augen und den verborgenen Tiefen im Inneren des Körpers, die Leonardo da Vinci faszinierten und zu denen er vordringen wollte. Aîtres heißt die von dieser Idee inspirierte Präsentation in der Galerie Mauroner mit Werken u. a. von Carlos Aires, Walter Pichler, Antoni Tapies oder Tony Cragg. Letzterer ist freilich auch in der Jubiläumsausstellung von Thaddaeus Ropac vertreten, der in der Villa Kast und in der Ropac Halle (vornehmlich männliche) Kapazunder aus 30 Galeristenjahren an der Salzach versammelt.

Von Beuys bis Warhol reicht die Palette (teils liehen Sammler hier erworbene Stücke) in der jeder Lieblinge entdecken kann. Vielleicht den frechen Daniel Richter, der einen selbstverliebten Jüngling mit verrutschtem Badehöschen zeigt? Einen der gusseisernen Figuren von Antony Gormley? Spannend sind die rostigen und aus amorphen Formen zusammengesetzten Figuren (alle 2012), die zwischen figürlich und abstrakt zu springen scheinen. Oder Elaine Sturtevants Warhol Flowers (1965), das lapidar über einer der Flügeltüren hängt – leichtfüßige Ironie, die man an diesem Ort gar nicht vermuten würde.

Der Kreis schließt, wie er begann: mit konkreter, konstruktivistischer Kunst und einem ihrer Hauptvertreter: François Morellet ist Lichtpunkt der minimalistische Positionen vorführenden Ausstellung Secondary Structures in der Galerie Nikolaus Ruzicska. Die Lichtinstallation Triple X Néonly Rouge (2012) war in Blau zuletzt im Frühjahr im Grand Palais in Paris zu sehen. Der 87-jährige Franzose zählt diese beiden, ebenso harmonischen wie dynamischen Arbeiten zu seinen bedeutendsten Werken der letzten 25 Jahre. Man möchte das Leinwandduett Entre deux mers N°1 hinzuzählen, auf denen zwei Meeresoberflächen aus gebürstetem Edelstahl die Sehnsucht wecken. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 1.8.2013)

foto: galerie gerlich

Kunst im Festspielsommer: Retrospektive zum 80. Geburtstag von Robert Hammerstiel in der Galerie Gerlich.

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foto: ghezzi/galerie nikolaus ruzicska

Nikolaus Ruzicska zeigt Francois Morellet.

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foto: galerie altnöder

Josef Karl Rädler predigt bei Altnöder.

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foto: ubr galerie ulrike reinert

UBR setzt auf Joachim Grommek.

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foto: kupelwieser

Die Galerie Curtze auf Hans Kupelwieser.

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foto: galerie thadadeus ropac paris

Den Schulterstand führt Antony Gormley bei Ropac vor.

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