Schweden: Erfundener Serienmörder endgültig freigesprochen

31. Juli 2013, 18:13
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Schweden erschüttert ein Justizskandal erster Güte: Der bekannteste Serienmörder des Landes hat niemanden getötet, stellte die Staatsanwaltschaft nach 18 Jahren Haft fest.

"Dass ein Mensch für so viele Morde verurteilt wird und keinen davon begangen hat, ist ein grobes Scheitern unseres Rechtswesens", räumte Oberstaatsanwalt Anders Perklev am Mittwoch auf einer landesweit im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz in Stockholm ein. Zuvor hatte die Staatsanwaltschaft das letzte Mordurteil gegen Thomas Quick für nichtig erklärt. Es gebe eigentlich keinerlei Beweise, so Perklev.

"Nur noch ein pathologischer Lügner"

Der seit 18 Jahren in Haft sitzende, angeblich berüchtigtste Serienmörder des Königreichs ist damit ganz offiziell und endgültig entlastet. "Der Serienmörder ist kein Mörder mehr, sondern nur noch ein pathologischer Lügner", so ein schwedischer Kommentator. Die Aufhebung des Urteils steht am Ende zahlreicher Revisionsverfahren seit 2008.

30 Morde gestanden

30 Morde zwischen 1964 und 1990 hat Thomas Quick, der sich heute Sture Bergwall nennt, in den 1990er-Jahren gestanden, prompt wurde er für acht der Morde verurteilt. Die anderen waren bereits verjährt oder galten als nicht mehr überprüfbar.

Dann, im Jahr 2008, wandte sich der Serienmörder überraschend an die Öffentlichkeit. Er habe in seinem Leben keinen einzigen Menschen umgebracht, behauptete der heute 63-Jährige, der seit seiner Verhaftung in der gleichen geschlossenen psychiatrischen Anstalt lebt.

Seine Motive bleiben unklar, klingen verwirrt. "Ich will, dass die Menschen darüber Bescheid wissen, dass wir in Schweden nicht in einer rechtssicheren Gesellschaft leben, sondern dass die Gerichte von Polizisten, Psychologen, Psychiatern und Staatsanwälten manipuliert werden", sagte Quick einer Zeitung über sein Handy aus der Anstalt.

Geständnisse genügten

Tatsächlich bauen die rechtskräftigen Verurteilungen in allen acht Mordfällen fast ausschließlich auf den Geständnissen Quicks auf. Exklusives Wissen, das nur dem Täter bekannt sein könnte, oder technisches Beweismaterial gab es nicht. Die Geständnisse genügten.

Gestanden aber hat Quick anscheinend nur, um Aufmerksamkeit zu erhalten. "Ich fühlte mich toll, durfte viel Zeit mit gebildeten Menschen verbringen, die mir zuhörten. Ich war etwas Besonderes", erzählt Quick.

Die ermittelnden Polizeibeamten und der Staatsanwalt sollen entlastende Elemente bewusst ignoriert haben. Ein Inspektor stellte das Aufnahmeband bei Verhören auf Pause, behauptet Quick. "Ich rauchte damals. Wir gingen auf den Balkon, er legte seine Hand auf meine Schulter und sagte mir, was ich betonen und was ich weglassen sollte. Immer und immer wieder", so Quick heute.

Krankhaftes Aufmerksamkeitsbedürnfis

Auch die Staatsanwaltschaft bestätigte am Mittwoch zumindest teilweise Quicks Behauptungen über die angeblichen Manipulationen der Ermittlungen. Zu Beginn seiner Karriere als "Serienmörder" musste er zur Staatsbücherei nach Stockholm fahren, erinnert er sich, um sich Detailwissen über bestimmte nie gelöste Morde anzueignen.

Sein krankhaftes Aufmerksamkeitsbedürfnis soll von Ermittlern ausgenutzt worden sein. Sie legten Quick Detailwissen nahezu in den Mund. Der gestand fleißig immer weitere Morde. Zudem pumpten Anstaltsärzte Quick jahrelang mit berauschenden Psychopharmaka voll. Nach acht Monaten Valiumentzug wachte Quick auf: "Ich bin unschuldig", sagte er und zahlreiche Revisionsverfahren kamen ins Rollen.

Die rechtsmedizinische Anstalt von Säter gab bekannt, Quick müsse weiterhin in der Klinik bleiben. Auch wenn er kein Mörder sei, sei er laut Einschätzung des Klinikpersonals gefährlich. (André Anwar aus Stockholm, DER STANDARD, 1.8.2013)

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    Geht es nach der rechts­medizinischen Klinik, in der Thomas Quick seit 18 Jahren eingesperrt ist, bleibt er dort. Er wurde
    zwar von den Morden entlastet, sei aber weiterhin eine gefährliche Persönlichkeit.

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