Eumig: Die Blüten eines Pleiteunternehmens

31. Juli 2013, 18:19
42 Postings

Die Eumig-Pleite löschte die Arbeit von drei Generationen aus. Was 1981 beim Konkurs des Technikkonzerns verloren schien, lebt wieder auf

Wien - "Den Eumig-Geist gibt's wirklich", sagt Otto Pferschy, ehemaliger Betriebsleiter im Technikkonzern Eumig. Heute, 32 Jahre nach der Pleite, würde diese soziale Unternehmensphilosophie, die damals bei Industriellen und Gewerkschaftern gleichermaßen Unverständnis auslöste, wiederentdeckt: die vorbildliche Behandlung der Mitarbeiter - Einführung der 40-Stunden-Woche schon in den 1950ern, Umstellung aller Arbeiter und Arbeiterinnen auf Angestelltenverhältnisse - und das offene Betriebsklima. "Jeder, von der obersten bis zur untersten Ebene, konnte jedem in die Augen schauen, das war Herrn Vockenhuber sehr wichtig", fügt Helmut Bidmon, ebenfalls ehemaliger Betriebsleiter, hinzu.

Die beiden Ingenieure Karl Vockenhuber senior und Alois Handler gründeten die Elektro- und Metallindustrie GmbH 1919 in Wien. "Herr Handler ist in seinen letzten Jahren noch mit dem Rollstuhl jeden Tag durchs Werk in Wiener Neudorf gefahren", erinnert sich Wolfgang Skorsch, früherer Verantwortlicher für die Sparte Radio, die 1962 verkauft wurde. Handlers Enkel Raimund Hauser und Vockenhubers Sohn Karl junior "hatten ihre Differenzen", sagt Bidmon. "Vockenhuber war die dominantere Persönlichkeit." Managementversagen, verfehlter Innovationsfokus, zu hohe Investitionen in den 1970ern haben laut Experten dem Technikkonzern den Garaus gemacht. Beim Konkurs betrugen die Schulden über 2,1 Milliarden Schilling (152,6 Mio. Euro).

Die Ex-Eumig-Mitarbeiter oder Eumigianer, wie sie sich nennen, und Wolfgang Pferscher, Miteigentümer des Eumig-Nachfolgers In-Vision, erzählen beim Kaffee im Eumig-Museum von dem Unternehmen, das bei der Pleite 3000 Leute beschäftigte, wie von einer geliebten Person, die einem viel beigebracht hat und von der man sich zu früh verabschieden musste. "Es ging immer um die Menschen", so Skorsch, selbst als in den späten 1970ern zunehmend Gegenwind aufkam.

Das Eumig-Erbe

Vockenhuber und Hauser hätten alles schließen oder verkaufen und auf ihre eigenen Geschäfte schauen können. Aber stattdessen hätten sie versucht, die insgesamt sechs Produktionsbetriebe in Wiener Neudorf, Oberösterreich und der Steiermark zu retten. Nach dem Konkurs blieben drei übrig: zwei in Form von Auffanggesellschaften - die Opto Electronic in Wiener Neudorf (200 Jobs blieben erhalten) und die Druck- und Spritzguss GmbH (100 behielten ihre Arbeit) in Kirchdorf - sowie die Eumig Fohnsdorf GmbH, die 1978 als eigenständiges Unternehmen gegründet worden war.

Wolfgang Pferscher hatte 1983 in der Opto Electronic als Geschäftsführer angefangen, kurz bevor sie erstmals verkauft wurde. "Ich habe drei Eigentümerwechsel mitgemacht, ohne den Schreibtisch zu wechseln", erzählt er. Dann habe es ihm gereicht. 2000 machte er sich zusammen mit ein paar Eumig-Ehemaligen, darunter Otto Pferschy, mit der Firma In-Vision selbstständig. Was die Optikfirma zum selbsternannten Eumig-Nachfolger macht, sind keine erstandenen Unternehmensteile oder Patente, sondern das Know-how der Eumigianer. Heute noch befinden sich unter den 70 Mitarbeitern des Weltmarktführers in digitaler Projektion einige Eumigianer.

Das Eumig-Werk in Fohnsdorf war nur drei Jahre vor der Pleite eröffnet worden, und zwar auf Antreiben Bruno Kreiskys hin, um nach der Schließung des örtlichen Braunkohlewerks Jobs zu schaffen. Diese enormen Investitionen Ende der 1970er sollen, laut Gerhard Friedrich, der bei Eumig für die Kommunikation zuständig war, einer der Knackpunkte für den Untergang gewesen sein.

"Herr Vockenhuber ist zu mir gekommen und hat gefragt, wie lange ich brauche, um aus Bergarbeitern Werkzeugmacher zu machen", erzählt Helmut Bidmon. Obwohl er geantwortet hatte, dass es mindestens fünf Jahre dauern würde, war Vockenhuber entschlossen, eine Leiterplatten- und Werkzeugproduktionsstätte zu eröffnen. In nur 16 Monaten wurde das Projekt realisiert.

1983 ging Eumig Fohnsdorf in den Besitz der Staatsholding ÖIAG über und verschmolz in den späteren 1980ern mit der Austrian Technologie- und Systemtechnik GmbH und der Steirischen Elektronik GmbH zur AT&S. Der Konzern produziert seine Leiterplatten mittlerweile in Österreich, China, Indien und Korea und war bis zur Wirtschaftskrise gut aufgestellt. Seit 2008 hat die AT&S mit schwankenden Umsätzen und Gewinnen zu kämpfen, zuletzt wurde die Schließung eines Werks in Klagenfurt angekündigt.

Ferrari-Lieferant

Aus der Druck- und Spritzguss GmbH entstand der heute europaweit aktive oberösterreichische Automobilzulieferer Unitech, zu dessen Abnehmern VW, Aston Martin und Ferrari gehören. 1998 erwarb der Investor TCG Group den Betrieb. Laut Pferschy befand sich Unitech da gerade auf seinem Höhepunkt, den damaligen Geschäftsführer, einen Eumigianer, sei man aber schnell losgeworden. Unitech selbst gibt an, zu Eumig keine Verbindung mehr zu haben.

Übrigens prangt der Name Eumig auch heute noch vor allem in Diskontern auf technischen Produkten, die aber mit den früheren Eumig-Geräten nichts mehr gemeinsam haben. Eumig ist mittlerweile das eingetragene Warenzeichen der in Anif, Salzburg, ansässigen Eumig Industrie-TV GmbH. (Greta Sparer, DER STANDARD, 1.8.2013)

Share if you care.