Als lüsterner Wanderer im Wald der Zeichen

    31. Juli 2013, 17:37
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    Roland Barthes' Essay "Die Lust am Text" (1973)

    In Die Lust am Text machte der französische Zeichen­forscher Roland Barthes (1915–1980) endgültig Schluss mit dem Strukturalismus. Er spricht von "Lust" (Französisch: "plaisir"). Gemeint ist in Wahrheit deren ominöse Schwester, die "Wollust" ("jouissance"). Barthes setzt sich in seinem Essay (1973) einem Befinden auf die Spur, in dem sich höchste Gelehrsamkeit mit der klammheimlichen Freude an abseitigen Gelüsten verbindet.

    Sein Untersuchungsgegenstand sind nicht unbedingt die Bücher. "Texte" bilden die Arbeitsgrundlage des Semiologen, zu Deutsch: des Zeichentheoretikers. Texte sind Verkettungen von Zeichen. Das Spiel der Signifikanten, der Schrift- und Lautzeichen, lässt Gebilde entstehen, die ihrerseits "Räumen" ähneln. Wer sich lesend in modernen Texten ergeht, gerät in ein Gleiten und Treiben. Als verpönt gilt jeder Anflug von Sesshaftigkeit. Wer sich durch ein Textdickicht Bahn bricht, ist immer auf dem Weg.

    Lektüre beschert dem Genießer ein wahres Wechselbad der Gefühle. Bald verspürt er Mangel, bald wieder Fülle. Lust wird ihm nur in Aussicht gestellt – sie würde, als abgegoltene, schnell als schal oder abgeschmackt empfunden. Wollust hingegen meint einen Selbstverlust, der die Begierde wachhält. Gegenstand der Wollust sind beispielsweise Texte, die ihr eigenes, begehrliches Brennen in Szene setzen oder erotisch drapieren (de Sade, Bataille, Proust).

    Zugleich eignet solchen Texten, wie sie Barthes vorschweben, ein Kalkül des Aufschubs. Barthes unterscheidet sowohl Stufen der Lektüre wie solche der Textproduktion. Er kennt Texte, die bloß "plappern". Er macht sich die Psychoanalyse zunutze und erklärt die Arbeit am Text als Spiel am und mit dem Körper der "Mutter".

    Texte bilden daher Figurationen. Die Leiblichkeit des Textes ist eine der Schriftzeichen. Wer diese überfliegt, dem teilt sich eine beglückende Unruhe mit, die durch ihn – den Text – hervorgerufen wird. Schriftstellerische Werke, die Schocks hervorrufen, sind skandalträchtig. Ihnen allen gemeinsam ist eine Bewegung hinein ins Ungewisse: ins Noch-nicht-Abgesicherte, ins Noch-nie-Dagewesene.

    Solche Schriftstücke streifen die Fesseln der Kultur ab, ohne dass sie die Segnungen der Tradition entbehren könnten. In ihnen rumort heftig der "Wille zur Wollust". Nicht nur in solchen Prägungen verdankt Barthes Nietzsche wesentliche Anregungen. Im Grunde träumt der Semiotiker vom "unmöglichen Text". In ihm wäre das ganze Glück der Moderne gespeichert oder, im berühmten Hegel’schen, also mehrfachen Sinne, aufgehoben.

    Barthes selbst wollte einen solchen Roman schreiben. Er ist ihm nie geglückt. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 1.8.2013)

    Die Reihe mit Klassikern des Denkens wird unregelmäßig fortgesetzt.

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