Der Tanz eines verlorenen Erzählers

31. Juli 2013, 17:00
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Der südafrikanische Künstler und Theatermann William Kentridge zeigt seine Multimedia-Oper "Refuse the Hour " bei Impulstanz und erstmals in Wien: mit der Choreografin und Tänzerin Dada Masilo, der Musik von Philip Miller sowie Videobeiträgen von Catherine Meyburgh

Der Zeit ist genauso wenig zu entkommen wie der Erinnerung. Es hilft also nicht, die Zeit und ihre Geschichtlichkeit zu verleugnen, man ist in ihr gefangen. Zeit ist relativ, davon war Albert Einstein überzeugt, und somit ist auch vergangene Zeit stets gegenwärtig.

Um die Allgegenwart der Vergangenheit geht es auch in den Arbeiten des südafrikanischen Künstlers und Regisseurs William Kentridge. Sein 1989 mit Johannesburg, zweitgrößte Stadt nach Paris begonnener Animationsfilmzyklus hat ihn als Chronisten der Apartheid-Verbrechen bekannt gemacht. Die Figuren seiner politisch durchtränkten Filme werden immer wieder von blutigen Spuren und schuldhaften Verstrickungen eingeholt.

Die Apartheid wurde 1989 zwar abgeschafft, aber nicht überwunden. Was vergessen, was erinnern wir? Das interessiert Kentridge, der auch im Zeichnen seiner Filme - im Auswischen der Kohle, im Überzeichnen, das Verlaufsspuren hinterlässt - ablaufende Zeit sichtbar machen will. Kentridge fürchtet das Vergessen: "Das Vergehen von Zeit macht die Fragilität unserer Erinnerung sichtbar."

Kann man der Zeit und dem Schicksal entgehen, fragte Kentridge 2012 mit seiner aufwändigen, theatralen Multimedia-Installation The Refusal of Time bei der Documenta 13. Ein komplexer Bilderkosmos bedeckte die Wände. Dort marschierten die Schatten der Vergangenheit auf, während sich Uhren und Tänzer unaufhörlich weiterdrehten, riesige Metronome für bedrohliche Rhythmen sorgten und Maschinen in unbeirrbarem Auf und Ab "atmeten". Mittendrin in einem aufgeschlagenen Buch steht Kentridge als verlorener Erzähler, der sich mit seinen Fragen an die Beschaffenheit von Zeit auch an die Wissenschaft wendet. Den Erzähler gibt er auch in Refuse the Hour (Musik: Philipp Miller, Choreografie: Dada Masilo), der daraus entstandenen Multimedia-Oper.

Sich selbst bezeichnete der Künstler einmal als "verhinderten Geschichtenerzähler", weil er keiner Narration folgt, sondern mit Fragmenten und Lücken gestaltet. So entsteht eine Metaphernfülle, eine Konfusion als Horizont zum Nachdenken über die Zeit und darüber, wie viel Distanz sie verträgt. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 1.8.2013)

Dieser Artikel entstand mit finanzieller Unterstützung von ImPulsTanz. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Die Tänzerin dreht sich und ihre Körperextensionen mit William Kentridge sowie einem Dutzend Musikern und Performern: "Refuse the Hour" im Volkstheater.
    foto: john hodgkiss

    Die Tänzerin dreht sich und ihre Körperextensionen mit William Kentridge sowie einem Dutzend Musikern und Performern: "Refuse the Hour" im Volkstheater.

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