"Expeditions: Conquistador": Spiel erhitzt Gemüter in Südamerika

31. Juli 2013, 13:36
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Game lässt Spieler in die Rolle der kolonialen Eroberer schlüpfen - Verbot gefordert

Dass die Kolonialzeit für Südamerika nach wie vor eine offene Wunde darstellt, zeigt erneut eine Debatte um ein kürzlich erschienenes, umstrittenes Rollenspiel-Epos namens "Expeditions: Conquistador". Spieleentwickler des dänischen Studios Logic Artists lassen darin Zocker in die Haut der spanischen Eroberer Lateinamerikas anno 1518 schlüpfen.

Eine Handlung, die von der Spielergemeinde, die per Crowdfunding via Kickstarter kräftig mitfinanzierte, offenbar goutiert wird, wie hohe Bewertungen in einschlägigen Foren zeigen.

Ganz anders sieht das Hugo Cabral, Volksanwalt von Tucumán, der kleinsten Provinz Argentiniens, wo nach einem Befreiungskrieg 1816 die Unabhängigkeit von Spanien erklärt wurde. Für ihn ist das Spiel die "Darstellung eines Genozids" und Grund, Klagen bei Gericht und dem staatlichen Anti-Diskriminierungsinstitut INADI einzureichen.

Spielverbot gefordert

Im Schulterschluss mit der Föderation iberoamerikanischer Volksanwälte will er das Spiel, das "ein Frontalangriff auf die Gefühle der überlebenden Nachfahren der indigenen Völker" sei, verbieten und jegliche Beiträge im Internet dazu löschen lassen: "Das Spiel fördert den Glauben an die europäische Überlegenheit und die damit verbundene Legitimierung, andere Völker zivilisieren zu müssen."

Das Geschehene, Rassismus, Gewalt, Habgier und die Entmenschlichung des anderen, werde darin "so weit banalisiert, bis es zur Unterhaltung verkommt", empörte sich Cabral in der spanischen Zeitung El País, wo sich online mehr als 1500 Poster eine Schlammschlacht über den Atlantik lieferten.

Manuel Delgado, Anthropologe der Universität Barcelona, kann die gekränkte Haltung des Volksanwaltes nachvollziehen: "Wir auf dem Alten Kontinent werden uns niemals vorstellen können, was die Kolonialisierung für die Bevölkerung Lateinamerikas bedeutete. Europa kam, Blut und Feuer folgten." Die wahren Dimensionen des Vielvölkermordes seien kaum greifbar: "25 Millionen Menschen wurden damals ausgeweidet und an Bäumen aufgehängt."

Wenig Einsicht

Die Misere vieler südamerikanischer Völker habe mit dem ersten Tag begonnen, als Europäer ihren Fuß in die Neue Welt setzten, betont Delgado. Nicht zuletzt ist der 12. Oktober, an dem Christoph Kolumbus vor den Bahamas vor Anker ging, und an dem Spanien die "Hispanität" feiert, ein Tag der Trauer für Staaten Lateinamerikas. Denn: "Die Kolonialisierung geht mit dem Kapitalismus westlicher Prägung und der Ausbeutung der Rohstoffe des Kontinents weiter", betont der Wissenschafter.

Logic Artists zeigt sich ob der harschen Kritik überrascht: "Microsofts Age of Empires widmet sich doch derselben Thematik", ist der Spanier Juan Ortega, Mitarbeiter des 20-köpfigen Teams in Kopenhagen, überzeugt: "Außerdem kann man sich ja entscheiden, ob man gut oder böse ist. Selbst Allianzen mit Azteken sind möglich." (Jan Marot, Der Standard, 31.07.2013)

Video: Expeditions-Trailer

  • Die Entwickler können die Aufregung nicht nachvollziehen.
 
    foto: logic arts

    Die Entwickler können die Aufregung nicht nachvollziehen.

     

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