Heinrich Treichl wird 100 Jahre alt

31. Juli 2013, 08:28
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Der ehemalige Chef der Creditanstalt kritisierte die Bankiers der Gegenwart und ist kein Freund der Sozialdemokratie

Wien - Eine bedeutende Persönlichkeit des österreichischen Bankwesens, der ehemalige Generaldirektor der Creditanstalt (CA), Heinrich Treichl, feiert am 31. Juli seinen 100. Geburtstag. Treichl ist nicht nur ein Teil der CA-Geschichte, sondern hat sich auch als langjähriger Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes und bei der Aktion "Nachbar in Not" einen Namen gemacht. Vor einem Jahrzehnt erschienen seine Memoiren ("Fast ein Jahrhundert") im Wiener Zsolnay-Verlag - das Jahrhundert hat er nun ganz erreicht.

Lernte Europa kennen

Der am 31. Juli 1913 in Wien geborene Heinrich Treichl ist der Sohn einer geborenen Baronesse von Ferstel. Sein Vater brachte es, aus einer bäuerlichen Familie stammend, bis zum Handelskammerfunktionär und Privatbankier. Heinrich Treichl erhielt seine Ausbildung zunächst in Wien und in Frankfurt, wo er Gymnasium und Universität absolvierte. Noch im Jahr seiner Promotion (1936) zum Doctor juris an der Universität Wien trat er als Devisenhändler in die Zentrale der Pariser Banque des Pays de l'Europe ein. Es folgten Engagements bei der Mercur-Bank und der Länderbank in Wien.

Die Kriegsjahre verbrachte er zunächst als Soldat der deutschen Wehrmacht, zu der er eingezogen wurde. Er desertierte in Paris und kam schließlich in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Sein jüngerer Bruder Wolfgang starb als Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Regime 1944 bei einem Fallschirmabsprung in Italien.

Vom Verlags- ins Finanzwesen

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Heinrich Treichl zehn Jahre lang im Verlagswesen (Ullstein-Verlag) tätig, bis er 1956 als Leiter der Finanzabteilung in die damalige Verstaatlichten-Holding IBV (Österreichische Industrie- und Bergbauverwaltungs-Ges.m.b.H.) eintrat.

1958 wurde er vom damaligen Generaldirektor der Creditanstalt, Josef Joham, in die mehrheitlich staatliche CA geholt. Bereits vier Jahre später wurde Treichl in den Vorstand berufen, von 1970 bis 1981 prägte er als CA-Generaldirektor die Geschicke der Bank mit zahlreichen Industriebeteiligungen.

Liebe für große Auftritte

In Treichls Ära fällt die Internationalisierung der Bank ebenso wie die Öffnung für den Privatkunden und das Massengeschäft. Seine persönliche Vorliebe galt der "großen Ökonomie", der Industriepolitik sowie Auftritten in der internationalen Finanzwelt. Kritiker warfen ihm vor, Adelige bei Postenbesetzungen zu bevorzugen. Sein weltmännisches Auftreten habe der Bank eine angesehene Position verschafft, mussten sie einräumen.

Dass sein Nachfolger an der CA-Spitze ausgerechnet der Sozialdemokrat Hannes Androsch wurde, der von Bruno Kreisky dorthin entsandt worden war, und nicht sein eigener bürgerlicher "Kronprinz" Guido Schmidt-Chiari, konnte Treichl lange nicht verwinden.

Ungeliebte Sozialdemokratie

Für die Sozialdemokratie hatte der großbürgerliche Treichl wenig übrig. 1995 erklärte er, er werde bei den Nationalratswahlen die ÖVP wählen. "Nach 25 Jahren sozialistischer Allein- oder Mehrheitsregierung, an deren Folgen wir leiden, wünsche ich mir einen deutlichen Wechsel: eine schwarz-rote Koalition mit einer ÖVP, die so stark ist, dass eine schwarz-blaue Koalition vermieden werden kann."

In einem Interview im Jahr 2003 mit den "Salzburger Nachrichten" meinte er dann, die ÖVP hätte eine Koalition mit den Grünen bilden sollen. "Die erste schwarz-blaue war richtig - um aufzubrechen. Doch das Ende dieser Koalition hat bewiesen, dass die Freiheitlichen keine Partner sind. Schon der Name ist Etikettenschwindel, ist doch bei der FPÖ von freiheitlich im Sinne von liberal keine Spur. Die FPÖ ist eine populistische Provinzpartei, im Sinne geistiger Provinz."

Trauriges Nachspiel

1997 - lange nach Treichls Manager-Zeit - wurde die Creditanstalt von der Bank Austria übernommen, diese wiederum von der Münchner HypoVereinsbank und diese von der italienischen UniCredit. Die Übernahme "seiner" CA stimmte Treichl "tieftraurig": Das sei ein "rein politisches Manöver" gewesen und ein "großer Fehler", denn eigentlich hätte die CA die "schwache Bank Austria" übernehmen sollen.

In einem Interview im Oktober 2008, nach dem Ausbruch der weltweiten Finanzkrise, sagte der damals 95-jährige Heinrich Treichl dem "Format", dass er "oberflächlich" eine Ähnlichkeit zur Weltwirtschaftskrise der Dreißigerjahre sehe. Die 1855 von Anselm Salomon Freiherr von Rothschild gegründete Creditanstalt hatte 1929 die angeschlagene Bodencreditanstalt übernehmen müssen und war in der Folge selbst zusammengebrochen, was die Finanzkrise in Österreich und Mitteleuropa auslöste.

Kritik an Bankern von heute

Die Entwicklung der Finanzbranche geißelte er diskret: "Ich habe eine gewisse Scheu gehabt, als ich versuchte zu verstehen, welche wirklichen Risiken in den neuen Instrumenten der Veranlagung liegen. Das ist für mich nicht mehr durchschaubar und daher unheimlich gewesen." Die Banken müssten sich ändern: "Eine Bankführung soll konservativ sein, Angst vor Neuerungen haben und wenig protzen."

Aktiv in der Pension

Treichl war Mitglied in zahlreichen Aufsichtsräten - von 1981 bis 1991 auch jenem der CA - und gehörte von 1970 bis 1992 auch dem Generalrat der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) an. Für seine Leistungen und Verdienste erhielt er zahlreiche Auszeichnungen aus dem In- und Ausland.

Treichls Ehefrau Helga aus der Verlegerfamilie Ullstein ist schon 1995 verstorben. Seine zwei Söhne sind auch in der Finanzbranche tätig: Andreas Treichl ist Chef der Erste Bank. Michael Treichl ist als Investor in Großbritannien tätig. (APA, 31.7.2013)

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    Heinrich Treichl

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