Tuch: Stoff mit Rückgrat

1. August 2013, 17:03
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Am Anfang war das Tuch: Kein anderes Accessoire führt in der Mode ein so buntes Dasein - Stephan Hilpold über eines der einfachsten und zugleich kompliziertesten Kleidungsstücke

Von Beau Brummell geht die Sage, dass er allmorgendlich Stunden brauchte, bis seine Halstücher so aussahen, als sähen sie nur zufällig so aus. Er stärkte sie und legte und faltete sie in so raffinierter Art und Weise, dass er weit über London hinaus dafür bekannt wurde. Auf andere Accessoires verzichtete der berühmteste Dandy der Geschichte hingegen beinahe zur Gänze.

Unter den Accessoires führen Tücher bis heute ein Sonderdasein: Eigentlich nicht mehr als ein Stückchen Stoff, das ursprünglich in der Männermode seinen großen Auftritt hatte und im Laufe der Geschichte seinen Weg in die Damenmode fand, trägt es weit mehr Ballast mit sich als fast jedes andere Kleidungsstück. Tücher erzählen genau so von der Geschichte der Mode wie von ihren Zwängen.

Sie sind Symbol und Dekoration, dienen der Behübschung genau so wie dem Ausweis kultureller oder religiöser Besonderheiten. Die Kopftuchdebatte oder die Diskussion über die Bedeutung von Palästinensertüchern übertünchen dabei oft die Vielgestaltigkeit, in der Tücher in der Mode eine Rolle spielen. Sie werden gewickelt, gebunden oder geknotet, Männer machen sie zu Dandys, Rocker zu Gecken, Frauen zu Grace Kellys oder Großmüttern. Sie sind wahrscheinlich die wunderbarsten Projektionsflächen in der Mode, und das ist durchaus wörtlich zu verstehen.

Distinktionsträger Tuch

Es gibt kaum ein anderes Accessoire oder Kleidungsstück, das sich so gut zum Distinktionsträger eignet. Nehmen wir nur etwa Foulards: Lange galten sie als Zeichen höchster Eleganz, irgendwann nur mehr als Zeichen bürgerlichen Biedersinns. Mittlerweile haben sich die quadratischen Seidentücher wieder von ihrem schlechten Nimbus erholt. Im Windschatten des allgemeinen Booms von Tüchern in der Mode sind die Carrées von Hermès und Co zum Ausdruck modischer Zeitgenossenschaft geworden.

Der Anstoß kam dabei aber weniger von den Laufstegen als aus der Straßenmode, wo es allerdings weniger Seiden- als Baumwolltücher waren, die in den vergangenen Jahren plötzlich allerorten wieder zu sehen waren. Erst wurde das Palituch seiner politischen Bedeutung enthoben und erlebte als rein modisches Accessoire ein Comeback, dann begannen junge Designer Stoffe wie wild zu bedrucken. Ob im Wiener Karmeliterviertel oder in Berlin-Kreuzberg: Plötzlich waren überall wieder um den Hals gebundene Tücher zu sehen.

Auf den Laufstegen bemühen sich derweil die großen Modefirmen, dem Trend einen eigenen Schliff zu geben. Von Marni bis Prada verleihen die Modemacher ihren Designkünste in Form ausgefallener Tuchmuster Gestalt. Die einen setzten auf Turbane, andere auf das XXL-Format. In der nächsten Saison werden es wieder andere Varianten sein. Ein Ende der Tüchermanie ist nämlich nicht absehbar. Und das ist auch ganz gut so. (Stephan Hilpold, Rondo, DER STANDARD, 2.8.2013)

Make-up & Hair: Anna Wagner / Monika Leuthner

Bezugsquellen:

  • Swash über Nachbarin, Gumpendorfer Straße 17, 1060 Wien
  • Anntian über Park, Mondscheingasse 20, 1070 Wien
  • Westwood: Tuchlauben 12, 1010 Wien
  • In der Wüste fällt der Blick auf das Wesentliche: Model Johanna Hayder in einem Tuch von Swash.
    foto: michi dürr

    In der Wüste fällt der Blick auf das Wesentliche: Model Johanna Hayder in einem Tuch von Swash.

  • Der Wiener Fotograf Michi Dürr inszenierte die Tücher von Vivienne Westwood ...
    foto: michi dürr

    Der Wiener Fotograf Michi Dürr inszenierte die Tücher von Vivienne Westwood ...

  • ... und von Anntian am Model Johanna Hayder in der Wüste von Sinai.
    foto: michi dürr

    ... und von Anntian am Model Johanna Hayder in der Wüste von Sinai.

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