Aufgeklärter Konservativer

Kolumne30. Juli 2013, 18:24
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Das Erbe des aufgeklärt-konservativen Wirtschaftsbürgertums ist dennoch nicht ganz verloren

Das Großbürgertum in Österreich gibt es noch, aber es tritt kaum mehr in Erscheinung. Einer seiner letzten Repräsentanten, der ehemalige Bankier (nicht: "Banker") Heinrich Treichl, wird dieser Tage hundert Jahre alt. Er ist erstaunlich fit, gibt Interviews - und weiß selbst, dass sein Ideal von einem geistig großzügigeren, unprovinziellen, liberal-konservativen Österreich einer anderen, kleinteiligeren Realität weichen musste.

Das österreichische Großbürgertum entstand im 19. Jahrhundert, indem es mit der beginnenden Industrialisierung den Einfluss des Adels und auch der Kirche in der Monarchie zurückdrängte. In den Anfängen war es eine Meritokratie, die Gründerväter brachten es durch Erfindungen oder durch besonderen Geschäftssinn zu Vermögen und Ansehen. Später, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, erfolgte die gesellschaftliche Anerkennung, durch Erhebung in den Adelsstand, durch Einheirat in den Adel. Wie Treichl selbst in seinem lesenswerten Erinnerungsbuch Fast ein Jahrhundert (2003, Zsolnay) schrieb, waren sie die "zweite Gesellschaft", abgegrenzt vom Hochadel. Ein nicht geringer Teil hatte jüdische Wurzeln. Sie waren die Mäzene der künstlerischen Moderne um 1900, die Kinder der patriarchalischen Gründer wurden oft selbst bedeutende Künstler und Intellektuelle.

Heinrich Treichls Vater war Nationalökonom, seine Mutter stammt aus der Familie des Architekten von Ferstel (Votivkirche, Palais Ferstel). Die Familie war bildungsbürgerlich, konservativ, "kaisertreu", zugleich aufgeklärt-liberal im Sinne einer Absage an Nationalismus und Extremismus. Im Unterschied zum Kleinbürgertum war dieses Großbürgertum weitgehend gegenüber den Nazis immun - Treichls älterer Bruder Wolfgang starb als Widerstandskämpfer.

Im Österreich der Nachkriegszeit war diese zugleich aufgeklärte und elitäre Haltung ein Minderheitenprogramm, auch in der ÖVP. Treichl war immer ÖVP-nahe, Teil der bürgerlichen wirtschaftlichen Führungsreserve, eminent politisch, aber nie in einem politischen Amt. Nach dem überstandenen Krieg arbeitete er beim Ullstein-Verlag (er hatte eine Ullstein geheiratet), dann in einer frühen Form der Verstaatlichtenholding, schließlich ab 1958 in der ehrwürdigen Creditanstalt-Bankverein, früher die Bank der Monarchie. Als Treichl 1970 Generaldirektor wurde, öffnete er die Investmentbank für die Massenkundschaft. 1970 war aber auch das Jahr, in dem ein gewisser Bruno Kreisky Kanzler wurde, und mit dem begann ein Kampf um wirtschaftspolitischen Einfluss.

Die CA hatte einen großen Industriekonzern mit Traditionsnamen (Steyr-Daimler-Puch, Semperit). Kreisky, selbst aus dem Großbürgertum, wollte dort Arbeitsplätze um jeden Preis erhalten, Treichl die Wettbewerbsfähigkeit. Kreisky, Inhaber einer absoluten Mehrheit von 1971 bis 1983, war letztlich der Stärkere. Die wahre Niederlage kam erst, als die CA 1996 unter Treichls Nachfolger Schmidt-Chiari mit einer feindlichen Übernahme an die "rote" Bank Austria fiel. Treichl war einer der wenigen, der gegen die Hegemonie des Staatsinterventionismus kämpfte.

Das Erbe des aufgeklärt-konservativen Wirtschaftsbürgertums ist dennoch nicht ganz verloren. Es wird z. B. von Treichls Sohn Andreas, Chef der Erste Bank Group, weitergeführt, Kulturförderung inklusive. Diese Haltung ist in Österreich jedoch nach wie vor zu wenig vertreten. Zwischen wirklich reaktionären Kräften, die hierzulande auch noch einige Macht haben, und den Populisten aller Parteien (auch in der ÖVP), bleibt auch wenig Platz. Marktwirtschaftliches Denken kann leicht als "neoliberal" denunziert werden. Bei vielen hat die schrankenlose Gier des Turbo-Finanzkapitalismus auch die Marktwirtschaft unglaubwürdig gemacht.

Eine fundierte neue Definition, ein "reset" der Werte des wirtschaftlichen wie des kulturellen Liberalismus wäre notwendig. Das ist die Lage, wie sie sich zum hundertsten Geburtstag des Konservativ-Liberalen Heinrich Treichl darstellt. (Hans Rauscher, DER STANDARD, 31.7.2013)

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