Forscher wollen Bäume zum Leuchten bringen

30. Juli 2013, 18:13
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Es klingt nach einem ziemlich verrückten Plan: Ein privates Forscherteam plant, Leuchtgene in Pflanzen einzuschleusen, um damit nachts die Straßen zu beleuchten

Zahlenkolonnen flirren über den Bildschirm, bahnbrechende Erfindungen der Zivilisation und auch die Mondlandung rasen vorbei, dann taucht ein Mann mit schwarzem T-Shirt auf. In der rechten Hand hält er eine Glühbirne, in der linken Hand eine unscheinbare Pflanze. "Warum brauchen wir das, wenn wir das haben?", sagt er und rückt das Gewächs nach vorn.

Antony Evans ist Absolvent der Universität Cambridge und Manager des Glowing Plant Project. Seine Vision: Im Dunkeln leuchtende Pflanzen sollen künstliche Beleuchtung in der Nacht überflüssig machen. Evans und seine Kollegen wollen im ersten Schritt Leuchtgene aus Glühwürmchen modifizieren und sie dann in das Erbgut der Ackerschmalwand einschleusen, dem Lieblingsgewächs der Pflanzengenetiker.

Geht es nach Evans, könnten Bäume bald ganze Straßenzüge beleuchten. Licht verursacht schon jetzt so viel CO2 wie Autos. Und der weltweite Energiehunger wächst unaufhaltsam, allen voran in Schwellenländern. In Gegenden, die nur unzureichend mit Elektrizität versorgt sind, könnten biolumineszente Pflanzen effektiv eingesetzt werden. Die Wissenschafter schätzen, dass lediglich 0,02 Prozent der Energie, die für die Fotosynthese absorbiert wird, ausreicht, um genügend Licht zu produzieren.

Die Idee ist nicht neu: Schon in den 1980er-Jahren stellten Biotechnologen eine leuchtende Pflanze künstlich her, indem sie einem Tabakblatt ein bestimmtes Gen hinzufügten. Als die Pflanze mit dem chemischen Substrat Luciferin besprüht wurde, leuchtete sie auf. Das Glowing Plant Project will nun einige Schritte weitergehen - und zwar jenseits der universitären Grundlagenforschung.

Spenden für die Forschung

Startkapital haben sie schon einmal mittels Schwarmfinanzierung besorgt: Die Bio-Hacker stellten ihr Projekt am Fundraising-Portal "Kickstarters" vor und hofften auf 65.000 US-Dollar. Im Juni hatten mehr als 8000 Freiwillige 484.013 Dollar gespendet. Ihre Hoffnung: Wird das Projekt realisiert, kriegen die Spender gratis Samen der Leuchtgewächse.

Das Geld wird nun wohl auch dafür investiert werden, um sich mit den Methoden der synthetischen Biologie die zusätzlich nötigen Gensequenzen für die Leuchtbäume designen zu lassen. Dafür gibt es mittlerweile eigene Firmen wie das in San Francisco beheimatete Unternehmen Cambrian Genomics. Ob es dem kleinen Team des Glowing Plant Project mit den radikalisierten Möglichkeiten der Gentechnik tatsächlich gelingen wird, Bäume zum Leuchten zu bringen, ist fraglich. Laut Experten wird im besten Fall ein schwaches Glimmen zu sehen sein.

Den Betreibern des Projekts ist eines jedenfalls schon einmal gelungen, die synthetische Biologie auch in den gentechnisch aufgeschlossenen USA in die Diskussion zu bringen: Die Umweltorganisationen ETC Group und Friends of the Earth kritisieren, mit dem Projekt würde ein Präzedenzfall geschaffen. Eindeutige Verbote für das, was Evans und Kollegen vorgaben, gibt es in den USA jedenfalls (noch) nicht.

Unkontrolliert, unreguliert

Jim Thomas, Forschungsdirektor der ETC Group, geht mit dem Projekt hart ins Gericht: "Das Wahnsinnige daran ist, dass man wahllos hunderttausende Samen verstreut - unbeobachtet, unkontrolliert und unreguliert." Das sei der schlimmste Weg, synthetische Biologie zu betreiben.

Evans und seine Kollegen ficht das nicht an. Auf kritische Nachfragen weicht der Jungunternehmer aus. Man wolle sich voll auf das Projekt konzentrieren, teilt er per E-Mail mit. (Adrian Lobe, DER STANDARD, 31.7.2013)


Wissen: Synthetische Biologie

Sie gilt als die neueste Entwicklung der modernen Biologie. Umstritten ist allerdings, ob die synthetische Biologie nur eine logische Fortsetzung der Gentechnik oder doch etwas ganz Neues ist. Jedenfalls geht es der Fachrichtung an der Schnittstelle von Biologie, Ingenieurwissenschaften und Chemie darum, neue biologische Systeme zu erzeugen, die in der Natur so noch nicht vorkommen. (red)

Link
Glowing Plant Project

  • Die Hoffnung des Glowing Plant Project: eine gentechnisch veränderte Tabakpflanze, die zum Leuchten gebracht werden konnte. Bio-Hacker aus den USA wollen mittels synthetischer Biologie nun Bäume schaffen, die nachts die Straßen beleuchten. Das Startkapital dafür haben sie schon.
    foto: antony evans

    Die Hoffnung des Glowing Plant Project: eine gentechnisch veränderte Tabakpflanze, die zum Leuchten gebracht werden konnte. Bio-Hacker aus den USA wollen mittels synthetischer Biologie nun Bäume schaffen, die nachts die Straßen beleuchten. Das Startkapital dafür haben sie schon.

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