Ein Albtraum in Kanariengelb

Hintergrund30. Juli 2013, 18:07
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Der Präsident mit einem Fuß im Gefängnis, zwei Jahre Uefa-Bann nur vorläufig ausgesetzt, die Fans auf Anti-Erdogan-Kurs: Der Istanbuler traditionsverein Fenerbahce - 18-facher türkischer Meister - tritt im Moraltief zum Champions-League-Spiel in Salzburg an

Für Aziz Yildirim ist es jetzt immer ein bisschen das letzte Mal. Vielleicht der letzte Sommer in Freiheit, die letzten Millionen für einen Transfer, das letzte Champions-League-Spiel. Seinem Verein geht es ähnlich: Salzburg am Mittwoch kann der letzte Ausflug von Fenerbahce sein. Die Sperre für zwei Saisonen in der UEFA-Welt hängt über den Köpfen von Spielern, Trainer und Management des Renommierklubs vom Bosporus. Finsterer war es in 106 Jahren Vereinsgeschichte nie.

An Wochenenden während der Süper Lig röhrt es aus dem Betonei des Sükrü-Saracoglu-Stadions in Istanbul wie aus einem Gorillakäfig. Wenn Fenerbahce spielt, wackelt es in Kadiköy, dem Stadtteil auf der asiatischen Seite. 18-Mal hat der Fenerbahce Spor Kulübü den türkischen Meistertitel eingesteckt, 2011 zuletzt, und wahrscheinlich wäre es so weitergegangen, wenn da nicht diese Betrugsaffäre gewesen wäre. Die Banknoten im Koffer für den Schiedsrichter, die Telefonanrufe von Aziz Yildirim mit den angeblichen Anweisungen für den Spielausgang. Yildirim, der Bauingenieur, der Vereinspräsident wurde und seinen Verein versenkte, ist im Land nun beliebt wie Fußpilz.

"Räuber und Manipulierer"

Als kürzlich der Chef von Kayserispor zu einer Sitzung der türkischen Klubpräsidenten kam und erklärte, er habe die Vollmacht, auch für Fenerbahce zu sprechen - Yildirim zog es vor, nicht selbst zu erscheinen - da platzte dem Präsidenten von Trabzonspor gleich einmal der Kragen: "Schämst du dich nicht, Räuber und Spielmanipulierer zu vertreten?", polterte Ibrahim Haciosmanoglu los, "du wirst keinen Platz in der Türkei finden, um ordentlich begraben zu werden". Letzteres will der Mann vom Schwarzen Meer so nicht gesagt haben, aber in einer Talkshow legte der Trabzonspor-Chef noch einmal nach: Yildirim sei über den türkischen Fußball gekommen wie ein Albtraum. 2011 hatte FB den Meistertitel in der Süper Lig wegen des besseren Torverhältnisses vor dem gleichauf liegenden Trabzonspor geholt - in einem offenbar manipulierten Spiel. Für sechs Jahre muss der Präsident ins Gefängnis, wenn ein türkisches Gericht das Urteil bestätigt.

An die 1000 Fener-Fans sind Ende Juni noch für Klub und Präsident demonstrieren gegangen. Die UEFA hatte ihr Urteil gefällt: zwei Saisonsperren. In ihren Vereinsfarben Blau und Kanariengelb zogen sie die Bagdad-Straße hinunter zum Stadion, Istanbuls teure Einkaufsmeile mit den Edelboutiquen auf der asiatischen Seite, wo man Sushi isst und Rotwein in bauchigen Gläsern schwenkt. Fenerbahce ist der schicke Klub unter den großen Drei von Istanbul - neben den "Arbeitervereinen" Besiktas und Galatasaray.

Soziologisch hält die Einteilung nicht im Mindesten, versichern türkische Fußballfans. Dann verweisen sie regelmäßig auf Tayyip Erdogan, den konservativ-religiösen Regierungschef, der aus dem Streetfighter-Viertel Kasimpasa auf der europäischen Seite stammt, selbst eifrig gekickt hat und dann Fenerbahce-Fan wurde.

Ob er das auch bleibt, ist eine andere Frage. Die fromme AKP-Regierung fürchtet sich vor dem Saisonbeginn der türkischen Süper Lig am 17. August. Sprechchöre mit Anti-Erdogan-Parolen werden von den Tribünen erwartet, denn der Fanclub von Fenerbahce, organisiert um "12 Numara", hatte sich im Juni mit der Protestbewegung im Gezi-Park solidarisiert. Mehr noch: Die Fener-Riege marschierte Arm in Arm mit den Fanklubs der Erzrivalen von Besiktas und Galatasaray auf dem Taksim-Platz auf. Eine historische Verbrüderung.

Nach Salzburg kann Fener nur fahren, weil der internationale Sportgerichtshof Cas den Uefa-Bann ausgesetzt hat. So viel Unsicherheit kann nicht gut sein für die Spielermoral - hofft Red Bull Salzburg. (Markus Bernath, DER STANDARD, 31.7.2013)

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    Die Fans von Fenerbahce neigen zur Auffälligkeit...

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    ...insbesonders nach einem verlorenen Derby gegen Galatasaray.

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