Plagiate: Wieder wackelt ein Doktorhut

30. Juli 2013, 17:40
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Bundestagspräsident Lammert unter Beschuss

In Deutschland gibt es erneut Plagiatsvorwürfe gegen einen Spitzenpolitiker. Diesmal ist Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) betroffen. Ein anonymer Plagiatsjäger, der sich "Robert Schmidt" nennt, schreibt auf der Internetseite lammertplag.wordpress.com, dass Lammert 1974 bei der Erstellung seiner Doktorarbeit nicht sauber gearbeitet habe.

Auf "42 Seiten finden sich Passagen aus 21 Quellen, bei denen ich Unregelmäßigkeiten festgestellt habe. Hierbei handelt es sich vorwiegend, aber nicht ausschließlich um Plagiate", heißt es auf der Seite. Darunter sind die Fundstellen feinsäuberlich aufgelistet. Lammert hat an der Uni Bochum im Fach Sozialwissenschaften promoviert. Der Titel seiner Doktorarbeit lautet: "Lokale Organisationsstrukturen innerparteilicher Willensbildung. Fallstudie am Beispiel eines CDU-Kreisverbandes im Ruhrgebiet".

Laut der Tageszeitung Welt ist "Robert Schmidt" derselbe Aktivist, der im Vorjahr als Erster auf Tricksereien in der Doktorarbeit von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hingewiesen hatte. Die zuständige Universität Düsseldorf leitete darauf ein Prüfungsverfahren ein. Schavan, die eine enge Vertraute von Kanzlerin Angela Merkel ist, wurde letztendlich der Doktortitel entzogen, sie trat zurück.

Über Lammert schreibt "Robert Schmidt": "Einen erheblichen Teil der als verwendet angegebenen Literatur hat er ganz offenbar nicht gelesen; dies wird insbesondere anhand der Übernahme zahlreicher charakteristischer Fehler aus der Sekundärliteratur deutlich."

Lammert selbst erklärt, er habe seine Arbeit "nach bestem Wissen und Gewissen" angefertigt. Er hat die Uni Bochum um eine Prüfung der Dissertation gebeten. Der 64-Jährige ist seit 2005 Bundestagspräsident und genießt über die CDU hinaus einen Ruf als kluger Kopf und brillanter Redner.

In Deutschland sind bereits einigen Politikern Titel aberkannt worden. Der spektakulärste Fall war jener des CSU-Shootingstars Karl-Theodor zu Guttenberg, der 2011 als Verteidigungsminister zurücktreten musste. Die FDP-Europaabgeordneten Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis verloren ebenfalls das "Dr." vor dem Namen. Auch gegen Österreichs EU-Kommissar Johannes Hahn (VP) gab es Vorwürfe, er behielt aber seinen Doktor. (Birgit Baumann aus Berlin /DER STANDARD, 31.7.2013)

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    Bundestagspräsident Lammert schwitzt.

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