Spießer ärgern für Fortgeschrittene

  • Waldvogel im 20ties-Look: Mirella Hagen in "Siegfried".
    foto: apa/epa/enrico nawrath

    Waldvogel im 20ties-Look: Mirella Hagen in "Siegfried".

Lärm und Krokodile: Frank Castorfs "Siegfried"-Inszenierung provoziert in Bayreuth

Die US-amerikanische Route 66, eine Ölförderanlage in Aserbaidschan - und nun also die DDR: Bunt sind sie ja, die Schauplätze, die Frank Castorf für seinen Ring des Nibelungen bei den diesjährigen Bayreuther Festspielen ersonnen hat. Und mit seiner kräftigen Theaterpranke hat er nicht nur in Rheingold und Walküre einige Konfliktsituationen und Sittenbilder eindrücklich exponiert, sondern auch das Thema "Öl" als Motor weltpolitischer Auseinandersetzungen in Stellung gebracht.

Auch in Siegfried wurde es wieder in Gesichter geschmiert. Doch ansonsten ließ sich kaum erkennen, ob und wie die Geschichte hier fortgesetzt werden sollte. Bühnenbildner Aleksandar Denic hat die bisher opulenteste Kulisse dieser Tetralogie geschaffen, wenn eine Seite der Drehbühne den Ostberliner Alexanderplatz und die andere eine Art kommunistischen Mount Rushmore zeigt, wo ein Mime damit beschäftigt scheint, die Gesichter von Marx, Lenin, Stalin und Mao aus dem Felsen zu hauen.

Ständig wechselt die Szene zwischen den beiden Schauplätzen, die immerhin eine brauchbare Metapher für die Erde und die Unterwelt, in der die Nibelungen hausen, abgeben könnten. Doch auf so schlüssige Dramaturgie kommt es Castorf nicht an - ebenso wenig wie auf Logizität der Ereignisse. Und so bekommt das Schwert Nothung Gesellschaft von gebräuchlicheren Waffen, sei es ein Taschenmesser oder ein Sturmgewehr, mit dem Siegfried den Riesen Fafner (Sorin Coliban) niedermetzelt. Und das unter so ohrenbetäubendem Lärm, dass die Festspiele eine Warnung ausgegeben hatten.

Gesundheitsgefährdend sei der Effekt nicht, hieß es, was aber nicht verhindern konnte, dass ein Besucher einen Kollaps erlitt. Heftige Reaktionen waren dem Regisseur auch sicher, als der hehre Held mit dem Waldvogel (Mirella Hagen im Revuekostüm) knutschend abging und sich dann bei der Liebesszene mit Sieglinde zwei Krokodile miteinander paarten, bevor eines davon den Waldvogel verschlang, der dann aber wieder von Siegfried befreit wurde. Ob das stereotype "Viel Spaß!" der Platzanweiser solche Belustigungen meinte? Erstaunlich bleibt jedenfalls, wie leicht geradezu Pawlow'sche Effekte der Erregung erzielt werden können. Und schade, dass die vielen Einfälle so in der Luft hängen bleiben.

Unfreiwilliger Gleichklang

Gleichklang zwischen den szenischen Vorgängen und der Musik ergab sich wieder nur unfreiwillig und dort, wo das Spiel unvermittelt in Stehtheater umschlug: Wotan/Wanderer Wolfgang Koch konnte da mit rotweinbekleckertem Hemd immer neue vokale Höhen erreichen: mit mächtigem Volumen, zugleich wendig, flexibel und klar artikulierend.

Seine Gegenspieler aus Nibelheim konzentrierten sich eher auf überzeichnete Lächerlichkeit: Burkhard Ulrich (Mime) als meist pressende Karikatur, Martin Winkler (Alberich) mit auch hinsichtlich Lautstärke polternder Übertreibung. Das zentrale Liebespaar, obwohl vom Publikum heiß gefeiert, repräsentierte auch nicht unbedingt den wahren Wagner-Gesang: Catherine Foster bewältigte als Brünnhilde die Anstrengungen nur um den Preis von Freiheit bei der Intonation, Lance Ryan blieb als Siegfried gar zu eindimensional und flach.

Einigkeit herrschte nur beim Dirigat von Kirill Petrenko, der die Sänger zu rhythmischer Präzision zwang und die Partitur neuerlich auf derzeit wohl konkurrenzlose Weise lebendig machte: Gleich, wie zupackend er auch musizieren lässt, klingen noch die massivsten Blechbläserpartien immer so durchsichtig konturiert und elegant phrasiert wie das Ganze. Unter diesen Eindrücken bekamen dann sogar die Krokodile etwas Rührendes. (Daniel Ender, DER STANDARD, 31.7.2013)

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