Facebook-Verbot für Lehrer umstritten

1. August 2013, 10:05
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In Deutschland dürfen Lehrer keine Freundschaften mit ihren Schülern schließen - Bundesschulsprecher Wagner fordert mehr Aufklärung statt Verbote

Lehrer und Schüler können keine Freunde sein. Das findet zumindest das Kultusministerium in Bayern. Bereits im September 2012 hat der IT-Beauftragte des Freistaates eine Richtlinie für Staatsbedienstete veröffentlicht, in der Lehrern empfohlen wird, Freundschaftsanfragen auf Facebook von Schülerinnen und Schülern zurückzuweisen. Auch Baden-Württemberg zieht jetzt nach. Das deutsche Bundesland untersagt seinen Lehrerinnen und Lehrern die dienstliche Kommunikation auf Facebook mit Schülern und mit Kollegen. In Österreich gibt es noch keine solchen Regelungen, die Lehrergewerkschaft würde sie sich allerdings wünschen. Das Unterrichtsministerium will den Umgang mit Facebook den Schulen überlassen.

Nicht genügend Datenschutz

Begründet wird die Einschränkung für Lehrpersonen in Baden-Württemberg vor allem mit dem Datenschutz. "Generell ist die Verarbeitung von personenbezogenen Daten im Rahmen der schulischen Arbeit auf sozialen Netzwerken von Anbietern unzulässig, soweit deren Server außerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums beschrieben werden", so das dortige Kultusministerium in einer Unterlage. Die dortigen Datenschutzstandards würden nicht mit deutschen und europäischen Datenschutzstandards im Einklang stehen. Den Lehrkräften ist somit Mailkommunikation, Chats und der Austausch personenbezogener Daten verboten.

In Österreich wird der Umgang mit neuen Medien an Schulen durch einen Erlass des Unterrichtsministeriums zur Medienbildung geregelt. Darin heißt es unter anderem, dass die technischen Möglichkeiten der Vernetzung eine immer größere Rolle für die Schüler spielen und auch Teil ihrer realen Lebenswelt sind. Die Lehrer werden angewiesen, die Schüler zu einer kritischen Reflexion der neuen Medien anzuregen. Handlungsanweisungen im Umgang mit sozialen Netzwerken wie Facebook sind allerdings nicht enthalten. 

"Liegt in Autonomien der Schulen"

"Was den Umgang mit Facebook an Schulen betrifft, liegt das in der pädagogischen Autonomie der Schulen", heißt es aus dem Ministerium in einer Stellungnahme für derStandard.at. Es sei grundsätzlich wichtig, dass junge Menschen den Umgang mit neuen Medien und damit verbundene Technologien erlernen. Sie sollen die Möglichkeiten, aber auch eventuelle Gefahren und Risiken kennen. Dies könne beispielsweise im Informatikunterricht geschehen.

Keine Gleichbehandlung

In Bayern argumentiert das Kultusministerium vor allem damit, dass nicht alle Schüler einen Zugang zu Facebook haben und somit die Schüler nicht gleich behandelt werden. Das Einrichten von offenen Arbeitsgruppen sei deshalb auch hochproblematisch. In Baden-Württemberg ist das Einrichten von Arbeitsgruppen zum Austausch von Materialien und schulischen Terminen explizit untersagt.

"Lehrer können schnell alle erreichen"

Gerade das ist für Bundesschulsprecher Felix Wagner aber ein großer Vorteil der sozialen Netzwerke. "Die Lehrer können schnell alle erreichen", erklärt er im Gespräch mit derStandard.at. Er kenne viele Schulen, an denen die Klasse eine gemeinsame Arbeitsgruppe hat, in der auch der Lehrer Mitglied ist. Heutzutage sei so gut wie jeder Jugendliche auf Facebook, viele Schüler seien auch mit ihren Lehrern befreundet. Jene, die nicht registriert sind, bekämen die Informationen per SMS von den Kollegen weitergeleitet. In der Facebook-Gruppe würden etwa Termine mitgeteilt oder Informationen für die nächste Unterrichtsstunde. "Der Kontakt muss nicht abreißen, nur weil die Unterrichtsstunde zu Ende ist."

Gewerkschafter: "Rechtsfreier Raum"

Paul Kimberger, Vorsitzender der Pflichtschullehrergewerkschafter und Christgewerkschafter, sieht das ganz anders. Er empfiehlt allen Lehrern, sich nicht auf Facebook mit ihren Schülern anzufreunden. Lehrer und Schüler seien gleichwertig, aber nicht gleichberechtigt. "Das müsste den Lehrern bewusster sein", sagt er im Gespräch mit derStandard.at. Das vordringlichste Problem für Kimberger ist Mobbing in sozialen Netzwerken. "Wir befinden uns hier im rechtsfreien Raum, das birgt enorme Gefahren", sagt er. Lehrer seien mit Mobbing, Beschimpfungen und Ehrenbeleidigungen konfrontiert und hätten keine rechtliche Basis, auf der sie gegen diese vorgehen könnten. Kimberger wünscht sich hier klare rechtliche Regelungen. "Wer haftet, ist derzeit völlig ungeklärt." Außerdem wolle die Gewerkschaft demnächst auch selbst einen Leitfaden zu dem Thema veröffentlichen. "Wenn wir da auf den Dienstgeber warten, warten wir lange."

Wagner: Keine Verbote notwendig

Bundesschulsprecher Wagner versteht die Argumentation der Gewerkschaft, für ihn sind deshalb aber keine Richtlinien oder Verbote notwendig. Vielmehr sollte der richtige und verantwortungsbewusste Umgang in der Schuler besser gelehrt werden und sich die Lehrer in diesem Bereich fortbilden, meint er. Mobbing-Probleme gebe es zudem auch dann, wenn Lehrer nicht auf Facebook mit ihren Schülern befreundet seien. "Es stellt sich auch die Frage, wie sehr sich die Lehrer auf die Social Media einstellen." Oft würden sie das Thema aus dem Klassenzimmer aussperren, ein Internet-Verbot verhängen und es verteufeln. "Und das nur, weil sie selbst nicht richtig damit umgehen können, das ist nicht der richtige Weg."

"Digitale Lebenswelt der Schüler"

Die österreichische Initiative "Saferinternet.at" ist eine Beratungsstelle für Eltern, Lehrende und Schüler, was den Umgang mit dem Internet betrifft. Für Projektleiter Bernhard Jungwirth ist es generell sinnvoll, dass Lehrer über die digitale Lebenswelt ihrer Schüler Bescheid wissen. "Das ist Teil der pädagogischen Rolle, manche Lehrer greifen Probleme, die auf Facebook besprochen werden, auch im Unterricht auf", so Jungwirth. Seine Initiative rät Lehrern, nur dann mit ihren Schülern auf Facebook befreundet zu sein, wenn sie die Aktivitäten der Schüler erzieherisch begleiten oder Facebook in den Unterricht einbeziehen möchten. Wichtig sei aber, so Jungwirth, dass die Lehrer keine Schüler ausschließen, sondern entweder alle oder keine Freundschaftsanfragen annehmen.

Ein Facebook-Verbot für Lehrer hält Jungwirth für falsch, da sie so nicht darüber Bescheid wissen, was die Jugendlichen im Internet treiben. "Richtlinien für den Umgang mit sozialen Netzwerken sind aber sinnvoll." (Lisa Aigner, derStandard.at, 30.7.2013)

  • Lehrer sollten entweder alle oder keine Freundschaftsanfragen von Schülern annehmen, meint die Initiative "Saferinternet.at".

    Lehrer sollten entweder alle oder keine Freundschaftsanfragen von Schülern annehmen, meint die Initiative "Saferinternet.at".

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