Mode unter dem Mikroskop

30. Juli 2013, 17:22
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Zerbröselnde Hippie-Stiefel und angesengte Fashion von Helmut Lang: Forscherinnen vom Institut für Konservierung und Restaurierung der Angewandten versuchen das Ablaufdatum von Textilien hinauszuzögern

Normalerweise verbindet man das Handwerk der Konservierung und Restaurierung mit alten Gemälden, Fresken und Baukunstwerken, an denen der Zahn der Zeit seine Spuren hinterlassen hat. Am Institut für Konservierung und Restaurierung der Universität für angewandte Kunst in Wien landen aber auch Gegenstände jüngeren Datums - wie Textilien, die noch vor gar nicht langer Zeit alltagstauglich waren.

Während Kunstgegenstände oft Jahrhunderte und Jahrtausende überdauern, ist Kunststoff, der seit den 1960er-Jahren Design und Mode erobert hat, weniger langlebig, als man es sich damals versprach. Das einst moderne Material sieht erschreckend alt aus.

Sophie Kurzmann, Diplomandin im Bereich Textilkonservierung des Instituts, bearbeitet aktuell ein Accessoire der Hippie-Ära. Die Knautschlackstiefel aus dem Jahr 1972 stammen aus der Modesammlung des Wien-Museums. Mit Literaturrecherche, Kameraendoskopie und Infrarotspektrometrie erarbeitete sie sich die genaue Zusammensetzung der Plateautreter. Denn nur, wenn die Restauratorin weiß, was sie vor sich hat, kann sie geeignete Maßnahmen setzen. Überlieferte Farben und Techniken machen dabei weniger Schwierigkeiten als die Materialmischung eines 40 Jahre alten industriellen Produkts.

Die Probenahme war kein Problem: Die Stiefel bröseln, kleben und verlieren Flüssigkeit. Nach mehreren Monaten Arbeit steht fest: Das Kunstleder in Crash-Optik hat noch nie eine Kuh gesehen. Sohle, Polsterung und Beschichtung bestehen aus zwei Varianten von Polyurethan und die verwendeten Gestricke im Schaft aus Polyamid. Zudem erfasste Kurzmann Schadensbilder am Stiefelpaar: Weiße Ausblühungen, also Auskristallisierungen von bestimmten Materialbestandteilen an den Sohlen, sich auflösende Polyurethanbeschichtungen, brüchige Schäfte.

Kristalle am Plateauabsatz

Das etablierte Erfahrungswissen greift bei gemischten Materialien und Kunstfasern nicht. "Moderne Materialien machen viel mehr Probleme, als solche aus dem zwölften Jahrhundert. Kunststoffe eignen sich einfach nicht für die langfristige Aufbewahrung. Das Material vertschüsst sich unaufhaltsam", bestätigt die Institutsvorständin Gabriela Krist.

Die Konservierungswissenschaften nähern sich den neuen Materialien empirisch. Es gilt, Kennwerte zur Alterung des Materials und zur Verzögerung des Verfalls zu sammeln. Die weißen Kristalle am Plateauabsatz etwa sind Adipinsäure, ein Bestandteil von Polyurethan. Die Sohle baut sich also langsam, aber sicher ab. Im Klimazelt bestimmte Sophie Kurzmann auch die Ausdünstungen in Menge und Zusammensetzung: "Die Stiefel sind eines von vielen Objekten aus Knautschlack im Depot. Wir müssen darauf achten, dass andere Teile der Textilsammlung durch die säurehaltigen Ausgasungen nicht beschädigt werden."

Zu den Zielen der Wissenschafterinnen gehört neben der Restaurierung und Konservierung schließlich auch die Entwicklung von Methoden zur optimalen Aufbewahrung. Angesichts der irreversiblen Abbauprozesse tüftelt Kurzmann an der idealen Kombination von Luftfeuchte, Licht, Temperatur und Sauerstoff im Depot - um den Verfall der Stoffe möglichst lang hinauszuzögern.

Yuppie-Mode mit Geschichte

Gundula von Troyer wiederum beschäftigt sich in ihrer Diplomarbeit mit der Bekleidung der Yuppie-Ära. Sie kümmert sich um Stücke des Modeschöpfers Helmut Lang, die bei dem New Yorker Atelierbrand im Februar 2010 durch Feuer, Rauchgase und Löscharbeiten beschädigt wurden. Sie sind Teil einer Schenkung an das MAK. Von Troyer war bereits bei der Aufnahme des Sammlungsbestandes im Frühjahr 2011 dabei.

Einige Stücke aus der Feder des minimalistischen Designers weisen beißenden Brandgeruch oder Verfärbungen auf. "Unter dem Mikroskop sieht man, dass Partikel wie Sandkörner an den Fasern reiben", erläutert von Troyer. Sie recherchierte - ohne eingenähte Material- oder Pflegeangaben - Reinigungslösungen, die im großen Stil handhabbar sind. Gemeinsam mit dem Chefrestaurator des MAK, Manfred Trummer, konstruierte von Troyer für nichtwaschbare Textilien einen einfachen Belüftungsschrank, der merk- und messbare Verbesserungen bringt.

Sechs Oberteile wusch von Troyer mit dem Tensid Hostapon. In einer Wanne wurde Schaum mit einem Naturschwamm auf die Textilien getupft. Nach dem Trocknen konnte so den völlig verfalteten Ärmeln wieder ihre ursprüngliche Gestaltungsform entlockt werden. Sorgfältig aufgebreitet zwischen Papierlagen kehrten die Oberteile ins MAK zurück. Die Leiterin der dortigen Textiliensammlung, Barbara Karl, ist zufrieden. Sie wollte nicht den weißen Riesen losschicken: "Die Objekte haben eine Geschichte, die wir nicht auslöschen wollen. Wer weiß, was auf den Aftershowpartys los war. Make-up-Flecken, Schweißränder, Rotwein, der Brand - das gehört alles dazu." (Astrid Kuffner, DER STANDARD, 31.7.2013)

  • Nicht ganz wie neu, aber genauestens rekonstruiert: ein Shirt von Helmut Lang im Vorher-nachher-Vergleich (oben) und Lackstiefel aus dem Jahr 1972 (unten).
    fotos: universität f. angewandte kunst wien

    Nicht ganz wie neu, aber genauestens rekonstruiert: ein Shirt von Helmut Lang im Vorher-nachher-Vergleich (oben) und Lackstiefel aus dem Jahr 1972 (unten).

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