Zahl freier Dienstnehmer weiter gesunken

30. Juli 2013, 17:12
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Die Gewerkschaft sieht in den aktuell 52.000 Verträgen überwiegend Umgehungskonstruktionen und fordert ihre Abschaffung

Wien - Sie können jederzeit gekündigt werden. Kollektivvertrag oder Mindestlohn gibt es für sie keinen. Arbeitsrechte mit ihren Schutzbestimmungen gelten für sie nicht, wie auch kein Mutterschutz existiert. In Österreich arbeiten 52.000 Menschen auf Basis freier Dienstverhältnisse. Ihre Zahl ist in den vergangenen Jahren deutlich gesunken, viele Schlechterstellungen wurden beseitigt. An der prekären Lage atypisch Beschäftigter hat sich aus Sicht der Gewerkschaft dennoch wenig geändert.

32.940 freie Dienstnehmer ar- beiten derzeit unter der Geringfügigkeitsgrenze und verdienen monatlich weniger als 387 Euro. Ihre Zahl ist seit 2008 um fast ein Viertel gesunken. Bei jenen mit höherem Einkommen fiel der Rückgang mit 28 Prozent noch stärker aus.

Es sind vor allem Callcenter, die ihre Mitarbeiter unter Druck der Sozialpartner zu Tausenden anstellten. Die Marketingbranche gehe ähnliche Wege, sagt GPA-djp-Geschäftsführerin Dwora Stein - wie auch der Journalismus mit seinem neuen Kollektivvertrag, "wo es mit der Umsetzung aber noch hapert".

Sorgenkind

Sorgenkind sei der Sozial- und Gesundheitsbereich, wo vor allem Frauen auch bei Vollzeitbeschäftigung weit von existenzsichernden Einkommen entfernt seien.

Stein geht davon aus, dass der Großteil der freien Dienstnehmer eigentlich angestellt sein müsste, diese aber Opfer von Umgehungsverträgen seien. Eine Umfrage der Gewerkschaft im Juni unter 315 Arbeitnehmern kam zum Schluss, dass allein die Hälfte unter ihnen von ihren Honoraren leben kann. Die andere Hälfte werde mit Bruttostundensätzen zwischen sieben und 20 Euro abgefertigt. Rund 45 Prozent wüssten nicht, ob ihre Ar- beitsverträge rechtlich korrekt seien. Ihre Löhne selbst aushandeln konnten nur 14 Prozent der Frauen und 28 Prozent der Männer. An gut Ausgebildeten mangelt es un- ter den Freien freilich nicht: Fast 50 Prozent seien Akademiker.

Stein fordert einklagbare Mindesthonorare und Einbezug in das Mutterschutz- und Elternkarenzurlaubsrecht. Letztlich brauche es aber eine "komplette Abschaffung freier Dienstverträge". Flexibilität gebe es auch so schon genug.

Anderer Blick

Was die Wirtschaftskammer naturgemäß völlig anders sieht. Die Arbeitswelt sei nicht schwarz und weiß, das Gesetz müsse Schattierungen zulassen, sagt Sozialpolitik-Experte Rolf Gleißner im Gespräch mit dem Standard. Missbrauch sei abzustellen, in der Regel seien freie Dienstverträge aber "von beiden Seiten erwünscht".

Auch der Arbeits- und Sozialökonom der Wiener Wirtschaftsuni, Herbert Walther, warnt davor, über einen Kamm zu scheren. Systematische Umgehungen, das Outsourcen von Risiken und das Aushöhlen des Arbeitnehmerstatus gehörten bekämpft. In gewissen Branchen aber sei die Flexibilität freier Dienstverträge ökonomisch notwendig. "Es ist schwierig, einen Mittelweg zu finden."

Er wurde von seinem Arbeitgeber angehalten, bei Kontrollen der Gebietskrankenkasse falsche Angaben über die Arbeitsbedingungen zu machen, ansonsten wackle mit dem freien Dienstvertrag auch sein Job, erzählt ein Wiener Grafiker. Exakte Daten zu den boomenden Werkverträgen fehlen. Bis zu 50.000 Frauen etwa arbeiten als 24-Stunden-Pflegerinnen für ein Tageshonorar zwischen 40 und 60 Euro. Stein: "Das ist beschämend und unhaltbar." (Verena Kainrath, DER STANDARD, 31.7.2013)

  • Callcenter stellten in den vergangenen Jahren tausende Mitarbeiter an. Im Sozialbereich überwiegen freie Dienstverhältnisse.
    foto: reuters

    Callcenter stellten in den vergangenen Jahren tausende Mitarbeiter an. Im Sozialbereich überwiegen freie Dienstverhältnisse.

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