Die Widerspruchsstelle

30. Juli 2013, 17:58
19 Postings

Wäre da nicht die tranige Klaviermusik, der Zoom auf sich mit Tränenwasser füllende Augen der Hilfesuchenden und Bildern aus privaten Schlafzimmern könnte ein informatives Format übrigbleiben.

Kahle Gänge, Neonröhrenbeleuchtung und zahlreiche Türen, an die Helena Fürst klopft. "Ist hier die Widerspruchsstelle?" will sie wissen. Fürst ist montags auf RTL die "Anwältin der Armen". Was tun, wenn die Behörde sich bei der Berechnung des Elterngeldes vertan hat und das Geld nicht mehr reicht? Wie den Dschungel aus unzähligen Anträgen, Dokumenten und Nachweisen für diverse Ämter bewältigen? Oder wenn das Ausbildungsgeld so niedrig ist, dass ein Umstieg auf Hartz IV finanziell zumindest kurzfristig die bessere Lösung wäre?

Wie eben bei der 21-jährigen Jasmin, die sich vertrauensvoll an die Fernsehanwältin gewandt hat, die "richtig sauer" ist. 270 Euro bekommt Jasmin im ersten Ausbildungsjahr zur Altenpflegerin. Zehn Euro Taschengeld von der Oma, das war es dann aber auch schon. Trotzdem wurde der Antrag auf Berufsausbildungshilfe abgelehnt. Ein Fall für Fürst.

Wäre da nicht die tranige Klaviermusik, der Zoom auf die sich mit Tränenwasser füllenden Augen der Hilfesuchenden. Würde man auf die Bilder aus den privaten Schlafzimmern und karg gefüllten Kühlschränken verzichten – ja dann könnte ein informatives Format übrigbleiben, das Klartext über Niedrigstlöhne und eine haarsträubende Arbeitsmarktpolitik spricht.

Die hemdsärmelige Helena Fürst konnte für Jasmin übrigens erreichen, dass der erst abgelehnte Antrag doch bewilligt wurde. Warum es erst nach ihrer Intervention klappte, erfahren wir nicht. Lag es nur am Kamerateam und dem Auftreten der reschen Anwältin? Wollen wir es nicht hoffen, denn die meisten müssen die Widerspruchsstelle ohne Frau Fürst finden. (Beate Hausbichler, DER STANDARD, 30.7.2013)

  • "Helena Fürst - Anwältin der Armen".
    foto: rtl

    "Helena Fürst - Anwältin der Armen".

Share if you care.