Amazons Kindle Fire HD im Test: Android-Tablet für Medienkonsum

6. August 2013, 10:14
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Praktisch für Musik, News und E-Books - aber mit Einschränkungen

Seit Mitte Juni bietet Amazon das Kindle Fire HD 8.9 und den kleineren 7-Zöller auch in Österreich an. Die Tablets basieren zwar auf Android, die User Experience ist von der bekannten Nutzeroberfläche anderer Android-Tablets aber weit entfernt. So dreht sich bei den Kindles alles um Amazons Content-Angebot, das von Musik über Zeitschriften bis zur eigenen App-Auswahl reicht. Das Zeitschriftenangebot rückt durch die jüngste Übernahme der "Washington Post" durch Amazon-Gründer Jeff Bezos in ein neues Licht. Der WebStandard hat sich das größere Modell genauer angesehen.

Hardware

Das Kindle Fire HD 8.9 ist Amazons derzeit größtes Tablet. Die Display-Größe ist eine Rarität. Auch Samsung brachte 2011 ein Galaxy Tab mit 8,9 Zoll großen Bildschirm auf den Markt. Ansonsten ist die Auswahl an 8,9- oder 9-Zoll-Modellen knapp. Amazons Tablet besitzt ein 240 x 164 x 8,8 mm großes Gehäuse und wiegt 567 Gramm. Das Samsung-Modell ist etwa gleich dick, wiegt mit 470 Gramm aber deutlich weniger.

Die gummierte Rückseite wirkt stabil, lässt sich aber wie bei den meisten anderen Tablets nicht abnehmen, um den Akku austauschen zu können. An der unteren Längsseite befinden sich ein Micro-USB- und ein Mini-HDMI-Anschluss. An der rechten Seite sind Kopfhörerausgang, Lautstärkeregler und Einschalttaste untergebracht.

Lautsprecher

Nicht optimal ist die Position der Lautsprecher auf der Rückseite, die beim Halten leicht von den Händen verdeckt werden können. Der Ton der Stereolautsprecher ist jedoch für ein Tablet sehr gut.

Speicher und Verbindungen

Beim Speicher können Nutzer beim WLAN-Modell zwischen 16 und 32 GB wählen. In den USA wird auch eine LTE-Variante angeboten, die 32 oder 64 GB verbaut hat. Eine Erweiterung durch Micro-SD-Karten ist nicht möglich.

GPS ist nur bei Modellen mit mobilen Daten vorhanden, also bei den Geräten, die in Österreich verkauft werden, nicht integriert. WLAN 802.11 a/b/g/n kann sowohl über 2,4 GHz als auch 5 GHz genutzt werden. Bluetooth befindet sich ebenfalls an Bord, etwa um Tastaturen kabellos anzubinden.

Display

Das 8,9 Zoll große IPS-Display bietet eine Auflösung von 1.920 x 1.200 Pixel und somit eine Pixeldichte von 254 ppi. An das iPad 4 oder Googles Nexus 10 reicht das nicht ganz heran, die Displays von iPad Mini oder dem kleineren Kindle Fire HD werden aber übertroffen. Das Display weist intensive Farben und einen hohen Betrachtungswinkel auf, spiegelt aber auch stark. Lesen im Freien bei Sonnenschein ist – wie auch bei vielen anderen Tablets – nur eingeschränkt möglich.

Kamera

Beide Kindle-Fire-HD-Modelle sind mit einer Frontkamera ausgestattet, die 720p-Videos aufnehmen kann. Auf eine höherauflösende Kamera auf der Rückseite hat Amazon verzichtet. Die Kamera ist damit höchstens für Videotelefonate geeignet und bietet auch keine weiteren Bearbeitungsmöglichkeiten von Fotos oder Videos.

Performance

Als Prozessor kommt ein 1,5 GHz getakteter Dual Core OMAP 4470 von Texas Instrument zum Einsatz. Beim AnTuTu-Benchmark-Test erreichte das Testgerät einen eher niedrigen Wert von 7.236, der mit etwas älteren Smartphones vergleichbar ist. Speziell bei Games ist die Performance nicht immer sehr flüssig.

Akkulaufzeit

Amazon gibt für das Tablet eine Laufzeit von rund zehn Stunden an. Für den WebStandard-Test wurde die Display-Helligkeit auf 100 Prozent gestellt und der Antutu-Akkutest genutzt, der die CPU-Auslastung auf 100 Prozent steigert und das Display durchgehend eingeschaltet lässt. Nach 3,5 Stunden war der Akku vollständig entleert. Auffällig war die starke Wärmeentwicklung an der Rückseite, die bei längerem Halten des Geräts in den Händen oder auf den Knien unangenehm werden kann.

Software

Die Software des Kindle Fire HD basiert auf Android 4.0, das bekannte Android-Interface wurde von Amazon aber drastisch überarbeitet und reduziert. Anstatt der Homescreens, auf denen man Apps und Widgets ablegen kann, wird ein Startbildschirm mit Content präsentiert. In einer Karussell-Ansicht werden die zuletzt geöffneten Apps, Games, Websites, E-Books etc. angezeigt.

Durch längeres Antippen können Inhalte gelöscht oder zu einer Favoritenleiste hinzugefügt werden, die über einen Stern an Bildschirm aufgerufen wird. Zu den Einstellungen gelangt man über eine Benachrichtigungsleiste, die wie bei den herkömmlichen Android-Versionen vom oberen Bildschirmrand aufgezogen wird. 

Integrierte Cloud

Im oberen Bildschirmbereich befindet sich zudem eine Menüleiste für Amazon-Einkäufe, Spiele, Apps, Bücher, Musik, Videos, Webbrowser, Fotos und Dokumente. Dabei werden jeweils die Inhalte, die direkt auf dem Gerät gespeichert sind, angezeigt, sowie Content aus der Amazon-Cloud. Über CloudDrive stehen Nutzern 5 GB kostenlos für Fotos, Videos und Dokumente zur Verfügung. Amazon-Inhalte können unbegrenzt gespeichert werden.

Intuitive Oberfläche

Die Benutzeroberfläche ist für Android-Nutzer gewöhnungsbedürftig, da man sich weitere Elemente erwartet: App-Launcher, mehrere Homescreens oder das Einstellungsmenü. Allerdings ist die Bedienung durch diese Reduktion auch sehr intuitiv. Alle Inhalte sind von einem Screen aus erreichbar.

Kein Zugriff auf Google Play

Von allen Bereichen gelangt man schnell in Amazons Shops, um weitere Musik, Spiele, Bücher oder Apps nachzuladen. Auf den Google Play Store gibt es allerdings keinen direkten Zugriff und in dem von Amazon kuratierten App-Shop sind nicht alle Anwendungen vorhanden. So findet man darin etwa den offiziellen YouTube-Player nicht. Außerdem können Android-Nutzer ihre bisher gekauften Apps nicht auf den Kindle übertragen, da man sich nicht mit dem Google-Konto anmeldet. Stattdessen ist das eigene Amazon-Konto bereits bei der Lieferung des Geräts eingerichtet.

Die Einschränkungen können jedoch umgangen werden. Optional kann man den Download von Apps aus anderen Quellen zulassen und Apps so von anderen Seiten installieren. Wer seinen Kindle rootet, kann zudem den originalen Google-Play-Store installieren und hat somit Zugriff auf mehr Apps und bereits gekaufte Inhalte.

Zeitschriften

Einen Vorteil gegenüber Googles Play Store bietet der App-Shop im Bereich Zeitschriften, zumindest in Österreich. Denn Googles offizielle Zeitschriften-App Play Magazines ist hierzulande noch nicht verfügbar. Im Amazon-Store steht eine große Auswahl an größtenteils kostenlosen Magazinen zur Verfügung.

Das Angebot umfasst vor allem Lifestyle- und Nachrichtenmagazinen wie "Vogue", "Spiegel", "Focus Magazin", "Cosmopolitan" oder "Harper's Bazar". Österreichische und internationale Tageszeitungen sucht man hingegen vergeblich. Im US-Store ist das Angebot viel größer und inkludiert unter anderem die "New York Times", das "Wall Street Journal" und die "Washington Post", die nun von Amazon-Chef Jeff Bezos übernommen wurde.

E-Reader

Der integrierte Reader für E-Books und Dokumente bietet ein breites Spektrum an Funktionen und Optionen. So lassen sich etwa Schriftgröße, Zeilenabstand, Ränder, Farbmodus oder Schriftart ändern. Nutzer können zwischen ein- und zweitspaltiger Darstellung wählen und für ausgewählte Bücher den Text auch vorlesen lassen.

Eine praktische Funktion ist das Markieren von Begriffen, die im Wörterbuch, Wikipedia oder Web nachgeschlagen werden können. Nutzer können sich auch anzeigen lassen, an welchen weiteren Stellen im Buch die Begriffe vorkommen, und Notizen machen. Diese Notizen können über Facebook, Amazon und Twitter veröffentlicht werden. Zudem können Stellen im Buch markiert und populäre Markierungen anderer Leser und Leserinnen durchstöbert werden.

Formate

Die letzte gelesene Seite, Lesezeichen, Notizen und Markierungen werden synchronisiert und stehen über die Kindle-Apps auf anderen Tablets, Smartphones oder Computern bereit.

Bei Textdokumenten werden von Haus aus die Formate Kindle (AZW), TXT, PDF, ungeschützte MOBI, PRC nativ, DOC und DOCX unterstützt. Eine Bearbeitung ist über den E-Reader allerdings nicht möglich, abgesehen von Notizen.

Musik

Musiktitel können direkt vom Computer per USB auf den Kindle übertragen, aus der Amazon-Cloud heruntergeladen oder neu im Amazon-Store gekauft werden. Um von Amazon gekaufte oder aus der Cloud geladene Musik auf einem Gerät hören zu können, muss das Tablet für das jeweilige Nutzerkonto autorisiert werden. Will man Cloud-Musik von einem anderen Konto am Kindle abspielen, kann für 180 Tage kein anderes Konto genutzt werden. Das Anlegen mehrerer Benutzerkonten wird nicht unterstützt.

Der Online-Speicher ist für alle Amazon-Käufe und 250 importierte Titel kostenlos. Importierte Songs werden zudem mit dem Amazon-Katalog abgeglichen und bei Übereinstimmung zu 256-Kbps-Audiodateien konvertiert.

Videos und Games

Videos können nur vom Computer auf das Tablet übertragen werden. Die Video-on-Demand-Streaming-Plattform Lovefilm steht nur in Deutschland zur Verfügung. Wer Full-HD-Filme auf das Gerät übertragen will, wird beim geringen Speicherplatz allerdings schnell anstehen.

Für Spiele gibt es ähnlich zu Apples Game Center unter iOS den Game Circle. Nutzer können ein Profil anlegen, erzielte Erfolge anzeigen und sich mit anderen Spielern vergleichen. Spielstände und Levels werden online synchronisiert und stehen auch auf anderen Geräten zur Verfügung.

E-Mail und Facebook-Integration

Die vorinstallierte E-Mail-App unterstützt neben Webmail-Konten auch Microsoft Exchange für die Synchronisierung von E-Mails, Kontakten und Kalendern. Für einen schnelleren Zugriff auf Mails werden dabei die neuesten Nachrichten zuerst geladen. Über die Einstellungen können Nutzer auch ihre Facebook- und Twitter-Konten verknüpfen, um etwa Facebook-Fotos herunterzuladen oder Inhalte über die sozialen Netzwerke zu empfehlen.

Browser

Mit Silk hat Amazon einen Browser entwickelt, der "Cloud-beschleunigtes" Surfen bietet. Ein Teil der Berechnung zum Aufbau einer Website erfolgt über die Amazon Web Services Cloud. Der Browser ist mit einem Sunspider-Wert von 1.630,3 ms allerdings kein Wunderding und glänzt nicht gerade durch gute Performance. Googles eigener Android-Browser Chrome kann übrigens nicht über den Amazon App-Shop heruntergeladen werden, ebenso wenig wie Firefox und Opera.

Fazit

Amazons Kindle-Fire-HD-Tablets eignen sich sehr gut zur mobilen Mediennutzung – zum Lesen, für Musik- und Videowiedergabe. Cloud und Amazon-Shops sind nahtlos integriert und müssen nicht extra eingerichtet werden. Die Benutzeroberfläche ist sehr reduziert und bietet Zugriff auf alle zur Verfügung stehenden Inhalte auf einen Blick.

Wer mit seinem Tablet allerdings mehr machen will, wird die Kindle-Serie schnell als eingeschränkt empfinden. Widgets und Ordner gibt es nicht, am Homescreen können in einer eigenen Leiste Favoriten, aber keine Apps für schnellen Zugriff abgelegt werden. Der App-Shop bietet nicht den gleichen Umfang wie Googles Play Store. Auch eine Personalisierung durch verschiedene Themes oder Wallpaper ist nicht möglich.

Preis

Preislich zählt der Kindle Fire HD 8.9 zu den attraktivsten Tablets. Werbegestützt – spezielle Angebote werden am Sperrbildschirm angezeigt – kostet die 16-GB-Version 269 Euro. Ohne Spezialangebote muss man 20 Euro mehr dafür berappen. (Birgit Riegler, derStandard.at, 6.8.2013)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testgerät wurde der Redaktion vom Hersteller für einen limitierten Zeitraum zur Verfügung gestellt.

Link

Kindle Fire HD 8.9

Nachlese

Amazon-Gründer kauft US-Traditionsblatt "Washington Post"

  • Amazons Kindle Fire HD 8.9 ist seit Mitte Juni in Österreich erhältlich.
    foto: derstandard.at/riegler

    Amazons Kindle Fire HD 8.9 ist seit Mitte Juni in Österreich erhältlich.

  • Das Tablet basiert zwar auf Android, die Benutzeroberfläche unterscheidet sich aber stark vom bekannten Android-Interface.
    foto: derstandard.at/riegler

    Das Tablet basiert zwar auf Android, die Benutzeroberfläche unterscheidet sich aber stark vom bekannten Android-Interface.

  • Das Interface ist generell stark reduziert.
    foto: derstandard.at/riegler

    Das Interface ist generell stark reduziert.

  • Apps und Spiele können über den Amazon App-Shop heruntergeladen werden, Googles Play Store kann nicht installiert werden (es sei denn, das Tablet wird gerootet).
    foto: derstandard.at/riegler

    Apps und Spiele können über den Amazon App-Shop heruntergeladen werden, Googles Play Store kann nicht installiert werden (es sei denn, das Tablet wird gerootet).

  • Im App Shop gibt es im Gegensatz zu Googles Play Store auch in Österreich eine eigene Zeitschriften-Sektion. Allerdings ist das Angebot hierzulande auf Lifestyle- und einige deutschsprachige Nachrichten-Magazine beschränkt. Internationale Tageszeitungen stehen nur über den US-Store zur Verfügung.
    foto: derstandard.at/riegler

    Im App Shop gibt es im Gegensatz zu Googles Play Store auch in Österreich eine eigene Zeitschriften-Sektion. Allerdings ist das Angebot hierzulande auf Lifestyle- und einige deutschsprachige Nachrichten-Magazine beschränkt. Internationale Tageszeitungen stehen nur über den US-Store zur Verfügung.

  • Der E-Reader bietet viele praktische Funktionen.
    foto: derstandard.at/riegler

    Der E-Reader bietet viele praktische Funktionen.

  • Der Silk-Browser stellt einen Teil der Berechnungen auf den Amazon-Servern an, ist aber trotz Behauptung von Amazon nicht schneller.
    foto: derstandard.at/riegler

    Der Silk-Browser stellt einen Teil der Berechnungen auf den Amazon-Servern an, ist aber trotz Behauptung von Amazon nicht schneller.

  • Die Stereolautsprecher bieten einen guten Klang, die Position auf der Rückseite ist allerdings nicht optimal gewählt.
    foto: derstandard.at/riegler

    Die Stereolautsprecher bieten einen guten Klang, die Position auf der Rückseite ist allerdings nicht optimal gewählt.

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