"Falstaff": Ein Bauch voller Opernträume

  • Elisabeth Kulman (als Mrs. Quickly) und Ambrogio Maestri (als Falstaff). 
    foto: apa/barbara gindl

    Elisabeth Kulman (als Mrs. Quickly) und Ambrogio Maestri (als Falstaff). 

Premiere von Giuseppe Verdis Oper im Haus für Mozart: Regisseur Damiano Michieletto lässt einen ausrangierten Sänger im Altersheim vom Bühnenglanz träumen

Routinier Ambrogio Maestri tut es souverän.

Salzburg - Was kümmert ihn die Wirklichkeit; was kümmern ihn die Menüdüfte aus dem Speisesaal mit all den Rollstühlen und Gehwagerln. Die Wirklichkeit ist nur ein lästiger Altersheimanzug, geschneidert zwar vom fortgeschrittenen Leben selbst - zu eng jedoch für diesen grandiosen, nur leider pensionierten Künstler. So liegt der alte Knabe auf dem Sofa und fliegt durch das Reich seiner Träume. Fliegt in jene Zeit, da ihm die Opernmassen gewogen waren, als er Falstaff war, der gewitzte Hedonist und Pleitevirtuose. Sein Magnetismus ließ die Damenwelt knieweich werden, wie schön war das! Spielt der alte Knabe also gleich die ganze Verdi-Oper traumhaft durch.

Das Angenehme an Damiano Michielettos Regiekunstgriff: Die Casa Verdi, jenes einst vom Komponisten gestiftete Künstleraltersheim, das noch existiert und dessen Mailänder Fassade im Haus für Mozart zweimal (präludiumartig, per Video) präsentiert wird, gibt nicht nur den räumlich-atmosphärischen Alibirahmen für die Geschichte des durch Nöte tänzelnden Wohlbeleibten ab.

Es wäre zwar noch mehr Verknüpfung von Traum und Altersheimrealität möglich gewesen. Michieletto geht nicht konsequent durch die Tür, die er regiemäßig aufstieß. Es gelingt ihm mitunter aber doch, das traumaktive Figuren-Unbewusste mit all seinen Ängsten, Sehnsüchten und Tagesresten szenisch aufleben zu lassen und mit der Falstaff-Geschichte zu verzahnen. Das Ambiente ist doch mehr als nur unkonventionelle Dekoration erzählerischer Konventionen.

Vorzimmer des Todes

Da wird Mrs. Quickly (starke Präsenz, klanglich luxuriös in jeder Stimmlage: Elisabeth Kulman) zur freundlichen Serviererin, die Falstaff gerne Bein zeigt, ihn mit Süßnachtisch versorgt. Da werden Nannetta (nicht immer stabil Eleonora Buratto, aber mit delikaten Momenten) und ihr Sehnsuchtstyp Fenton (klangschön Javier Camarena) mit einem Altersheimpärchen zusammengeführt - zu einem wehmütigen Quartett, das ein ganzes Beziehungsleben in Sekunden zu schildern scheint.

Da ist aber auch die unbewusste Angst des Schläfers vor seinem Ende - davor, im Vorzimmer des Todes angekommen zu sein, im Künstlerheim also seine ultimativ letzte Bleibe über der Erde gefunden zu haben. Die finale Szene: Wie Falstaff gehörnt und vorgeführt wird, inszeniert Michieletto als ein Begräbnis. Topfpflanzen des Altersheims fügen sich zum Parkambiente; der auf dem Sofa Schlummernde wird im Albtraum mit Erde und Blumen zugeschüttet; die Kondukt-Gemeinde hat in tiefer Trauer auch schon den Sarg dabei.

Schweißgebadet ist der Falstaff-Träumer, doch wach wird er erst danach: Während alle vor dem "Filmvorhang" die finale Fuge zelebrieren, sieht man auf der Leinwand, wie sich ältere Damen bemühen, den Träumer zu wecken. Und wenn sich der Vorhang hebt, ist der alte Knabe, dem nur noch ein Fotoalbum seines Opernlebens geblieben ist, wieder da. Der Seniorenklub hat ihn wieder.

Auch kleine Gesten

Hübsch ist das. Elegant meidet Michieletto szenisch das Extreme, bleibt leichtfüßig, zugänglich und wirkt dabei doch nicht konventionell. Davon profitiert auch Routinier Ambrogio Maestri. Er ist imposant, verfügt als Falstaff über den alle überragenden Tonfall, und er vermag auch witzige Parlandodetails diskret und pointenreich zu präsentieren. Ein imposanter Rollenvirtuose im neuen szenischen Milieu. Wobei: Auch Massimo Cavalletti (als Ford) ist stimmlich überragend, während Fiorenza Cedolins (als Alice Ford), Stephanie Houtzeel (als Meg), Luca Casalin (als Dr. Cajus) und die Übrigen solide bleiben.

Die Wiener Philharmoniker animiert Zubin Mehta zu drängender Umsetzung der vielen Details, was eine kurzweilige Grundlebendigkeit ergibt. Zu oft mündet jedoch der Stil in groben Tutti, die alle Feinheiten pulverisieren. Klang mitunter, als wollte man bis nach Le Roncole, wo Verdi vor 200 Jahren zur Welt kam, gehört werden. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 31.7.2013)

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