Entdeckungen beim Internationalen Moskauer Theaterfestival

31. Juli 2013, 12:14
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Sehenswertes beim Tschechow-Festival boten unter anderem Dmitri Krymov und Vladimir Pankov sowie ein Piotr Fomenko gewidmeter Schwerpunkt

Wie jede Großstadt, die etwas auf sich hält, schmückt sich auch Moskau seit einiger Zeit mit einem internationalen Theaterfestival. Die von Kulturfunktionär Valery Shadrin gegründete und nach der Schriftstellerikone Tschechow benannte, aber beileibe nicht nur dessen Werke präsentierende Unternehmung feierte heuer ihr 20-jähriges Bestehen.

Besonders stolz ist man auf Veranstalterseite klarerweise immer auf die ausländischen Gastspiele von großen Namen wie Robert Lepage, Matthew Bourne, Joseph Nadj, James Thiérée, Emmanuel Demarcy-Mota, Andreas Kriegenburg, Ricardo Pais oder Declan Donnellan. Andererseits interessieren den ausländischen Besucher wiederum eher die russischen Sachen: Stücke, Stoffe, Theater, Inszenierungen, Regisseure, die er nicht kennt.

Dmitri Krymov und sein "Laboratorium"

Der 55-jährige Dmitri Krymov ist dabei sicher eine der interessanten Entdeckungen. Gemeinsam mit den Mitgliedern seines "Laboratoriums" hat er in den letzten Jahren eine bildende Kunst und Performance verbindende, sehr spezielle szenische Handschrift gefunden, die derzeit ihresgleichen sucht. Eine bildermächtige Theatersprache, wie sonst nur bei Robert Lepage oder Robert Wilson zu finden, aber nicht so technologisch wie beim einen und nicht so gefühlskalt wie beim anderen.

Beim Tschechow-Festival selbst konnte man Krymovs für Stratford-upon-Avon konzipierte Shakespeare-Umschiffung "A Midsummer Night's Dream (As you like it)" sehen, in der vom gesamten vorgesehenen Personal nur die Handwerker auftreten. In seinem eigenen Haus zu erleben waren auch die (von Galerien aus schwindelnder Höhe zu betrachtende) Material- und Schüttaktion "Dämon" und ein Vorgeschmack auf seine herbstliche "Drei Schwestern"-Paraphrase.

Dazu gab es noch in der "Manege", einer ehemaligen Reithalle nahe dem Kreml, eine wiederum sehr eigenwillig gestaltete Ausstellung über sein bisheriges Schaffen, bei der alle Objekte berührt werden durften und sollten. Aus den Tassen konnte und musste man sogar Tee trinken. Die Ausstellung zollte Krymovs Hausgöttern Stanislawski, Meyerhold, dem jüdischen Theatermacher Solomon Michoels und seinem eigenen Vater Anatoli Efros Tribut.

Falls das Gerücht zutrifft, dass die Wiener Festwochen nächstes Jahr seine geniale 150 Personen involvierende Tschechow-Parade "Tarabumbia", 2011 eben vom Moskauer Festival produziert, importieren wollen, wird der Name Krymov ab dann jedenfalls auch bei uns kein Geheimtipp mehr sein.

Vladimir Pankov und SounDrama

Von der noch jüngeren Generation machte Vladimir Pankov, Leiter der Gruppe SounDrama, mit einer furiosen Sing-and-Dance-Version des als Studienabschlussarbeit gefürchteten Tschechow-Einakters "Der Heiratsantrag" auf sich aufmerksam. Nicht unbedingt geschmackssicher, ganz im Gegenteil, aber höchst vergnüglich.

Äußerst wehmütig stimmte hingegen der andere große Schwerpunkt, der Fokus des diesjährigen Festivals. War doch der große und populäre, in Sowjetzeiten zensurierte und in die Provinzen angedrängte Schauspieler und Regisseur Piotr Fomenko erst 2012 verstorben.

Die Besonderheit des russischen Theatersystems, in dem es völlig normal ist, Produktionen 20 Jahre oder mehr im Repertoire zu halten, ermöglichte es jedoch - bei aller Trauer über sein Ableben - mittels zwölf seiner Inszenierungen, die allesamt so frisch wirkten, als ob der Meister noch am Leben wäre, einen eindrucksvollen Überblick über sein vielfältiges Schaffen zu erhalten.

Die innovative Einführung seines Theaters, Zuschauer auf Wunsch mit Tablets auszustatten, auf denen die Übersetzung abgelesen werden kann, erlaubt es dem der russischen Sprache nicht so mächtigen Ausländer außerdem, sich mit noch mehr Lust, außer auf "Krieg und Frieden", "Anna Karenina" oder "Weiße Nächte", auch auf weniger bekannte Stücke berühmter Autoren wie "Wölfe und Schafe", "Talente und Verehrer", "Die Mitgiftlose" (Alexander Ostrovsky), "Familienglück" (Leo Tolstoi), "Graf Nulin" (Alexander Puschkin) oder "Aufzeichnungen eines Toten" (Michail Bulgakov) einzulassen. In diesem Sinne, auch im nächsten Juni/Juli wieder: Nach Moskau! Nach Moskau! (Robert Quitta, derStandard.at, 31.7.2013)

  • Dmitri Krymov in seiner Ausstellung.
    foto: krymov labaratory

    Dmitri Krymov in seiner Ausstellung.

  • Dmitri Krymovs "Tarabumbia".
    foto: krymov labaratory

    Dmitri Krymovs "Tarabumbia".

  • Bulgakovs "Aufzeichnungen eines Toten" in einer Inszenierung des 2012 verstorbenen Piotr Fomenko.
    foto: fomenko theater

    Bulgakovs "Aufzeichnungen eines Toten" in einer Inszenierung des 2012 verstorbenen Piotr Fomenko.

  • Piotr Fomenkos Puschkin-Triptychon.
    foto: fomenko theater

    Piotr Fomenkos Puschkin-Triptychon.

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