Gute Gründe für soziale Monogamie

29. Juli 2013, 22:29
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Gleich zwei Forscherteams machten sich unabhängig voneinander auf die Suche nach evolutionären Erklärungen – und kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen

Monogamie ist bei Säugetieren – etwa im Vergleich zu den Vögeln – relativ selten. Die Erklärung dafür ist relativ einfach: Der Nachwuchs wächst bei Säugetieren im Mutterleib heran. Und auch nach der Geburt sind sie durch das Stillen noch lange von ihrer Mutter abhängig. Die Väter können in dieser Zeit, in der das Weibchen auch nicht erneut schwanger werden kann, andere Partnerinnen suchen.

Aus diesen Gründen sind nur etwa neun Prozent der insgesamt rund 2.500 bekannten Säugetierarten sozial monogam. Bei diesen neun Prozent (und rund einem Viertel der 230 Primatenarten) leben die Partner in einer Zweierbeziehung und kümmern sich gemeinsam um den Nachwuchs, auch wenn andere sexuelle Kontakte vorkommen können.

Wie es dazu kam, darüber streiten Evolutionsbiologen seit langem. Im Wesentlichen werden drei Theorien diskutiert: Erstens verhindern Paarbeziehungen, dass Weibchen mit rivalisierenden Männchen fremdgehen; zweitens tragen Männchen in Paarbeziehungen zur Aufzucht bei und erhöhen so den Fortpflanzungserfolg; drittens schützen Männchen ihren eigenen Nachwuchs so besser vor Kindsmord durch andere Männchen.

Nun haben sich gleich zwei Forschergruppen mit der Frage befasst, dabei aber unterschiedliche Datensätze verwendet: Das Team um Christopher Opie vom britischen University College London hat für seine Studie im Fachblatt "PNAS" bloß die Primatenarten unter die Lupe genommen und alle möglichen Angaben über das Verhalten zusammengetragen – etwa in welcher Beziehung die Partner zusammenleben, wer den Nachwuchs versorgt oder wie hoch die Zahl der Kindstötungen in der Population ist.

Monogamie wegen der Partnerwahl ...

Dieter Lukas und Tim Clutton-Brock von der Universität Cambridge hingegen wählten als Grundgesamtheit für ihre Untersuchung, die im Magazin "Science" erscheint (und wegen der "PNAS"-Veröffentlichung vorgezogen wurde) alle 2.500 Säugetierarten, darunter eben auch die neun Prozent monogamen - wie einige wenige Nager, einige Primaten sowie Fleischfresser wie Schakale, Wölfe und Erdmännchen. Und im wesentlichen prüften Lukas und Clutten-Brock nur, ob Monogamie bei Säugetieren eher aus Gründen der Partnerwahl oder der gemeinsamen Aufzucht entstand.

Die Antwort, die sie auf diese Frage liefern, ist eindeutig: Zunächst war wohl das Problem der Partnerwahl zu lösen – insbesondere bei jenen Arten, wo die Weibchen eher weit verstreut und nicht ganz leicht zu finden sind. Da würde Monogamie den Fortpflanzungserfolg deutlich erhöhen. Die gemeinsame Aufzucht wäre dann nur eine Folge des monogamen Paarungsverhaltens.

... oder wegen der Kindstötungen?

Zu einer etwas anderen Lösung kommt die Forschergruppe um Christopher Opie: Ihren Berechnungen zufolge waren die Kindstötungen der stärkste Motor für die Entwicklung von Monogamie – zumindest bei den Primaten. Bei vielen Tierarten (bekanntestes Beispiel sind die Löwen) töten Männchen den Nachwuchs anderer Männchen, damit die Weibchen schneller wieder empfängnisbereit sind. In einer monogamen Beziehung kann der Vater seinen Nachwuchs vor solchen Angriffen schützen.

Werden die Kosten für die Aufzucht des Nachwuchses unter den Eltern geteilt, haben die Mütter mehr Ressourcen für das Stillen, wie die Forscher weiter erläutern. Dies wiederum verkürze die Stillzeit, wodurch die Weibchen schneller wieder schwanger werden können. Davon profitierten auch die treuen Männchen. Mitsorgende Väter würden aber auch – insbesondere beim Menschen – eine lange Kindheit und die lange Entwicklungszeit des Gehirns ermöglichen.

Doch auch in dieser Frage sind Christopher Opies Gruppe und die beiden Kollegen aus Cambridge nicht wirklich einer Meinung. Mit der menschlichen Evolution und unserem großen Gehirn dürfte Monogamie nur bedingt etwas zu tun haben, argumentieren zumindest Lukas und Clutton-Brock: Nicht nur sind Schimpansen, Bonobos und Gorillas polygam. Auch der letzte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Schimpanse lebte wohl eher nicht in monogamen Paarbeziehungen.

Rückschlüsse auf den Menschen

Clutton-Brock ist jedenfalls skeptisch, ob die Rückschlüsse von anderen Säugetierarten auf den Menschen überhaupt möglich sind. Zudem sei es gar nicht selbstverständlich, ob Homo (sapiens) aufgrund seiner Vorgeschichte so einfach zu den sozial monogamen Säugetieren gezählt werden könne. Wenn ja, böten sich seiner Meinung nach die folgenden beiden Erklärungsansätze an: die geringe Dichte an möglichen weiblichen Partnerinnen oder die lange Zeit, die der Nachwuchs zur Entwicklung braucht.

Christopher Opie jedenfalls gab sich am Montag sicher, dass die von ihm mitverfasste "PNAS"-Studie schlüssig zeigen würde, dass Kindstötungen die Ursache sind, warum etliche Primatenarten sozial monogam sind. Der konkurrierende "Science"-Artikel, der eigentlich erst am Donnerstag hätte erscheinen sollen, zeigt einmal mehr, dass Gewissheiten in der Wissenschaft mitunter eine kurze Halbwertszeit haben. Die Debatte um die soziale Monogamie bei Säugetieren scheint fürs Erste jedenfalls weiterhin offen. (tasch, DER STANDARD, 29.7.2013)

  • Nur neun Prozent der Säugetierarten leben sozial monogam, so auch die Erdmännchen. Unklar ist, wie es dazu kam - und ob der Mensch ein typisches Beispiel dafür ist.
    foto: image courtesy of dieter lukas

    Nur neun Prozent der Säugetierarten leben sozial monogam, so auch die Erdmännchen. Unklar ist, wie es dazu kam - und ob der Mensch ein typisches Beispiel dafür ist.

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