Achtung: Posten kann den Journalismus gefährden

Kommentar30. Juli 2013, 18:54
406 Postings

Versuch zur rationalen Annäherung an eine irrational geführte Debatte

Die Foren auf derStandard.at sollten erst ab 18 zugänglich sein, die Poster sind abgrundtiefschlechte obszöne Crétins und überhaupt bringt die Möglichkeit des anonymen Postens unsere gesellschaftlichen Grundwerte ins Wanken.

Diesen Eindruck könnte man bekommen, wenn man die aufgeregte Debatte verfolgt, die sich nach einem Kommentar Julya Rabinowichs im STANDARD vom 19.7. entwickelt hat.

"Macht Posten im Internet dumm?" fragt Robert Misik polemisch in seinem aktuellen Videoblog-Beitrag. (Gemäß Betteridges Gesetz der Überschriften ist die Antwort ein klares Nein.) Im Falter titelt derweilen Ingrid Brodnig reißerisch mit "Die neue Gefahr für den Journalismus" (in ihrem Blog hat sie für den selben Text einen etwas abgeschwächten Titel gewählt). Und im sozialen Netzwerk ist sich die Twitteria einig dabei, dass anonyme Foren ein Irrweg sind. "Und noch immer verstehe ich das Beharren auf Anonymität im Standard-Forum nicht", fragt Armin Wolf an die Adresse von Standard-Community-Manager Christian Burger. Rabinowich konstatiert: "Eine Meinung ohne Namen ist keine Meinung."

Vorauszuschicken ist: es ist völlig falsch, den Anschein zu erwecken, es existierten Überlegungen bezüglich der Abschaffung von Pseudonymen im Standardforum. Diese Debatte ist eine, die von außen hereingetragen wird. Dass die Moderation und Pflege eines Onlineforums einen erheblichen Aufwand bedeutet, ist natürlich klar, dass es zum Auftreten von Trollen und pöbelnden Usern kommt, unbestritten. Unbestreitbar ist jedoch auch, dass die in den genannten Kommentaren geäußerten Vorwürfe maßlos übertrieben sind und mit der Realität wenig gemein haben, diese vielmehr auf eine hysterische Weise verzerren und darüber hinaus die große Mehrheit der sich korrekt verhaltenden User mit der Minderheit jener, die die Forenregeln verletzen, in einen Topf wirft. Es ist falsch, so zu tun, als ob die Flegel in der Mehrheit oder auch nur eine relevante Größe wären. Wer dies behauptet, hat sich mit der Dynamik eines Onlineforums nicht auseinandergesetzt.

Keine andere Tageszeitung im deutschsprachigen Raum investiert mehr Aufwand in ihr Forum als der Standard. Dass dies zeitweise nicht genug sein mag, soll hier gar nicht geleugnet werden, doch erscheint der Ruf nach Klarnamen in Onlineforen genauso absurd wie eine Forderung nach dem Tragen von Namensschildern bei öffentlichen Massenveranstaltungen. Überall, wo Menschen zusammenkommen, wird es einzelne geben, die sich daneben benehmen - sei es im realen Leben oder im Internet. Aber es ist unanständig, die große Mehrheit zu diskreditieren, nur weil es schwarze Schafe gibt. Mit dem im Rahmen der derzeit stattfindenden Umstrukturierung des Standard neu geschaffenen Ressorts User Generated Content soll jedenfalls den Anforderungen Rechnung getragen werden, die ein dynamisches Userforum stellt. Wir erleben dabei gerade die Entstehung eines neuen journalistischen Berufsbildes, so wie vor eineinhalb Jahrzehnten beim Aufkommen des Onlinejournalismus.

"Beschmutzte" Artikel

Brodnig zitiert in ihrem Kommentar eine Studie, wonach Leser Artikel negativer bewerten, wenn aggressive Postings darunter stehen, als wenn im Forum in höflicher Form diskutiert wird. Die Artikel würden "beschmutzt", schließt sie daraus, die Journalisten schadeten sich selbst. Nun, auch im realen Leben wird in den meisten Fällen einer laut und heftig vorgetragenen Kritik eher Aufmerksamkeit geschenkt werden. Dies liegt in der menschlichen Natur, deshalb wäre es überraschend, würde eine Studie im Internet ein gegenteiliges Ergebnis zeigen. Inwieweit dies jedoch eine "Gefahr für den Journalismus" und sogar die Demokratie, wie Brodnig befürchtet, darstellen soll, ist schwer nachvollziehbar. Wenn Journalismus und Demokratie schon durch aggressive Meinungsäußerung ins Wanken gebracht werden, dann kann es mit beiden nicht weit her sein.

Darüber gibt es doch gar nichts zu diskutieren, dass das Gegenteil der Fall ist: Es handelt sich nicht um eine Gefahr, sondern vielmehr eine Chance, die Chance des Diskurses. Es liegt an den Journalisten selbst, etwas daraus zu machen: ungerechtfertigte Kritik kann richtiggestellt werden, gerechtfertigte soll bitte angenommen werden. Was den geringen Anteil an Meldungen angeht, die die guten Sitten verletzen: da sitzen wir Journalisten doch ohnehin am längeren Ast. Eitelkeiten sind unangebracht, eine entspanntere Sicht täte not.

Interaktion

Die Zeiten, in denen ein Journalist ex cathedra seine Weltsicht predigen konnte, sind vorbei. Gefordert ist eine Interaktion mit dem Leser. Dies ist die Zukunft des journalistischen Profils, aber vielleicht ist es genau deswegen für aus dem Printbereich stammende Kollegen (Brodnig, Misik und auch Rabinowich) oder solche aus Funk und Fernsehen (Armin Wolf) schwer nachvollziehbar - in ihren Medien fehlt der direkte Kontakt mit den Konsumenten der medialen Produkte. 

Der Grundtenor der Stellungnahmen aus diesen Medienbereichen lautet: ich publiziere ja auch unter meinem Namen, also können die anderen das auch. Die Kollegen übersehen dabei, dass sie als Medienvertreter in einer elitären Position sitzen. Durch die seit jeher bestehende Distanz zum Leser mangelt es natürlich an der ständigen Konfrontation mit direkter Kritik, gerechtfertigt oder nicht, höflich oder nicht. Im Onlinebereich sozialisierte Journalisten sind mit dieser Kritik aufgewachsen und haben (meist) gelernt, damit umzugehen. Diese Erfahrung ist auch lehrreich und erhellend: denn jeder gedankliche Fehler wird einem blitzartig unter die Nase gerieben. Man lernt, die eigene Position kritischer zu hinterfragen und sich schon vorab die Frage zu stellen: wo sind die Schwachstellen meiner Argumentation?

Journalisten sollten sich stets bewusst sein, dass sie zu einer privilegierten Bevölkerungsgruppe zählen: sie können ihre Meinung frei äußern. Es wird von ihnen erwartet, doch zu oft nutzen sie diese Möglichkeit zu wenig oder beten selbst Platitüden nach. Denn auch unter ihnen ist, wie quer durch alle Bevölkerungsschichten des Landes, von den Arbeitern bis zu den Kulturschaffenden (man erinnere sich an die Anbiederungen an Erwin Pröll im jüngsten Niederösterreich-Wahlkampf!), Autoritätsgläubigkeit und Untertanenmentalität verbreitet. Das macht zornig, haben sie doch weit weniger zu befürchten als andere Bevölkerungsgruppen. 

Das Schweigen der User

Misik fallen in seinem Videobeitrag lediglich die Grundwehrdiener ein, die sich vor Repression fürchten müssten, während sich "99,9 Prozent" der User nicht zu fürchten brauchten – "vor der NSA, den Bilderbergern oder den Außerirdischen", wie er ironisierend anmerkt und dabei doch einen enttäuschenden Mangel an Empathie für die Lebensrealitäten des Großteils der Bevölkerung zeigt. Tausenderlei Fälle könnte man anführen, in denen es nicht ratsam ist, seine Meinung unter eigenem Namen kundzutun. Sei es nun als öffentlich Bediensteter, der sich in Niederösterreich oder in Wien über Schwarz oder über Rot äußern möchte, sei es als homosexueller Bewohner eines Tiroler Bergbauerndorfes oder nur als jemand, der gegen den Mainstream seines privaten Umfeldes argumentieren möchte. Misik übersieht, dass in Österreich kein Klima herrscht, das freie Meinungsäußerung fördert und er vergisst, dass das Internet nicht vergisst. Während selbst Vorstrafen nach einiger Zeit getilgt werden, fällt einem ein einziges unbedachtes Posting unter Umständen noch nach Jahren auf den Kopf.

Die Alternative zu anonymen Useraccounts ist jedenfalls nicht die Verwendung von Klarnamen, sondern das Ende des Onlineforums. Wie sollte denn eine Identitätsüberprüfung konkret aussehen? Sollen die User etwa mit Pass und Meldezettel ihren Account beantragen und bei positiver Überprüfung die Lizenz zum Posten erhalten? Nein, die Alternative zum Posten unter Pseudonymen ist das Schweigen der User. Die öffentliche Meinungsäußerung bliebe, wie im Prä-Online-Zeitalter, der publizierenden Elite vorbehalten. Schwer vorstellbar, dass Misik dieses Szenario als Ideal vorschwebt, wenn er behauptet, die heutige politische Debatte wäre nicht reifer als vor zwanzig Jahren. (derStandard.at, 30.7.2013)

Christian Burgers Blog
Ansätze zur Schaffung eines positiven Forenklimas: Focus on People, not Postings

Tobias Schulze auf "Digitale Linke"
Über die Reife der politischen Debatte: Antwort auf eine Frage von Robert Misik: Ja.

  • Vorsicht Eltern! Die Standardforen könnten Ihre Kinder verderben!

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