Siemens: Chaotischer Machtwechsel

29. Juli 2013, 18:02
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Druck auf Aufsichtsratschef Cromme wächst – Wirbel um Löschers Widerstand – Merkel besorgt

Der Österreicher Peter Löscher muss seinen Chefposten bei Siemens aufgeben, sein Nachfolger, Finanzvorstand Joe Kaeser, ist noch nicht im Amt. Doch das Interregnum verläuft in der Münchener Konzernzentrale so chaotisch, dass sich sogar die auf Urlaub weilende deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel einmischte und um Ruhe ersuchte.

"Aus ihrer Sicht ist Siemens ein Flaggschiff der deutschen Wirtschaft, und deshalb ist es ihr wichtig, dass dieses Weltunternehmen wieder in ruhiges Fahrwasser gerät", erklärte Regierungssprecher Georg Streiter am Montag in Berlin. Er streute im Namen seiner Chefin aber dem geschassten Löscher Rosen: Die Bundeskanzlerin habe "seine Arbeit, seine Fachkenntnis und den Dialog mit ihm sehr geschätzt".

Kein ruhiges Fahrwasser

Doch von einem ruhigeren Fahrwasser für den DAX-Konzern konnte zu Wochenbeginn noch keine Rede sein. "Siemens-Chef weigert sich zu gehen", titelte die Süddeutsche Zeitung (SZ) am Montag auf Seite eins. Unter Berufung auf Konzernkreise schrieb das Blatt, Löscher wolle nur weichen, wenn auch der Aufsichtsratsvorsitzende von Siemens, Gerhard Cromme, zurücktrete.

Den macht Löscher für seinen eigenen Rauswurf verantwortlich. Laut SZ will Löscher am Mittwoch bei der entscheidenden Aufsichtsratssitzung versuchen, seine Abwahl mit Zweidrittelmehrheit verhindern, sollte Cromme sich weigern, zu gehen. 

Auch im Aufsichtsrat selber schwindet Crommes Rückhalt. So sollen nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters vor allem die Vertreter der Kapitalseite über die Art und Weise, wie Löscher aus dem Konzern hinausgedrängt wurde, entsetzt sein.

Der frühere Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, Allianz-Chef Michael Diekmann und die Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller sind gegen Löschers Ablösung und sprechen sogar von einem "Putsch". Damit beziehen sie sich auf die am Donnerstag überraschend herausgegebene Gewinnwarnung für 2014. Insidern zufolge hätten sich Löschers Vorstandskollegen gegen seinen Willen durchgesetzt, die Öffentlichkeit zu informieren und hätten damit den Chef ins offene Messer der erzürnten Kapitalmärkte laufen lassen.

Aktionärsschützer rebellieren

Druck bekommt der 70-jährige Cromme auch von den Aktionärsschützern. "Herr Cromme soll den Übergang an der Siemens-Spitze noch gut steuern und dann seine eigene Nachfolgeregelung in die Hand nehmen", fordert die Sprecherin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Daniela Bergdolt. Denn nur mit einem Wechsel auf den Chefsesseln von Vorstand und Aufsichtsrat habe Siemens die Möglichkeit für einen Neuanfang.

Cromme hatte den bis dahin weitgehend unbekannten Löscher im Jahr 2007 vom US-Pharmakonzern Merck an die Siemens-Spitze geholt, dort sollte der Österreicher zunächst den Korruptionsskandal aufarbeiten. Nach einer Reihe von Misserfolgen wandte sich Cromme nun aber von Löscher ab.

Dieser jedoch ließ die Schilderung der SZ, wonach er im Fallen noch Cromme mitreißen wolle, nicht nur durch einen Siemens-Sprecher dementieren, sondern äußerte sich in der Bild-Zeitung auch persönlich. "Es geht mir ausschließlich um das Wohl von Siemens und der 370.000 Siemensianer, die zurecht stolz auf ihr Unternehmen sind", sagt er dort.

Alleine bei der Siemens Österreich AG arbeiten rund 8900 Mitarbeiter, die 2012 einen Umsatz von 2,9 Mrd. Euro erzielt haben. Von Wien aus werden weitere 18 Länder im Raum CEE (Central Eastern Europe) betreut. In diesem Cluster sind etwa 36.200 Menschen beschäftigt. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, 30.7.2013)

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