"Wie nach einem Flugzeugabsturz"

29. Juli 2013, 17:52
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Ein voll besetzter Reisebus stürzte nahe der süditalienischen Metropole Neapel über eine Brücke 30 Meter in die Tiefe. Von den fast 50 Passagieren konnten nur zwölf lebend geborgen werden, die Hälfte von ihnen sind Kinder

Avellino/Rom - Ein folgenschweres Busunglück mit 38 Toten hat in Italien Entsetzen und Trauer ausgelöst. Zu dem Unfall kam es am Sonntag kurz nach 20.30 Uhr auf der Autobahn Neapel-Bari, als ein mit 48 Personen besetzter Reisebus von einem Viadukt rund 30 Meter in eine unwegsame Schlucht stürzte.

Bei den 48 Insassen handelte es sich um eine Reisegruppe, die das Wochenende in der Provinz Benevento verbracht und dort ein Thermenhotel in Telese und das Geburtshaus des italienischen Volksheiligen Padre Pio in Pietrelcina besucht hatte. Der Bus kam auf einer abschüssigen Strecke bei Monteforte Irpino, auf der sich in den letzten Jahren bereits mehrere Unfälle ereignet hatten, aus bisher ungeklärten Gründen ins Schleudern und rammte sechs Fahrzeuge, die sich am Ende eines Staus befanden. Auf dem Viadukt durchbrach der Bus die Begrenzungsmauer mit den Leitplanken und stürzte in die Tiefe, wobei er in zwei Teile gerissen wurde.

"Meinen Männern bot sich im Licht der Scheinwerfer ein Bild des Grauens, das sie nie mehr vergessen werden", schilderte der Feuerwehrhauptmann von Avellino, Alessio Barbarula, die Szene. "Es sah aus wie nach einem Flugzeugabsturz. Überall lagen Wrackteile, Trümmer, Leichen und Gepäckstücke." Um an die meisten Verletzten heranzukommen, mussten die Rettungsmannschaften das Dach des zertrümmerten Busses mit Metallsägen abtrennen. Zwei der zwölf Überlebenden starben kurz nach ihrer Einlieferung in die Krankenhäuser von Avellino und Neapel. Mehrere schwebten am Montag weiter in Lebensgefahr.

Kinder unter den Opfern

Erschütternde Szenen spielten sich in der Turnhalle von Monteforte Irpino ab, wo die 38 Opfer aufgebahrt und identifiziert wurden. Die Angehörigen wurden dort von Priestern, Psychologen und Rotkreuz-Helfern betreut. Unter den Toten sind auch Kinder. Zwei junge Passagiere schwebten am Montag zudem in Lebensgefahr, eine Dreijährige wurde in Neapel notoperiert.

Die Reisegruppe stammte aus dem Großraum Neapel, die meisten aus der Gemeinde Pozzuoli. Sie hatten schon oft gemeinsam Ausflüge unternommen, die ein Kaufmann aus der Region organisiert hatte, und kannten einander persönlich.

Premier Enrico Letta zeigte sich "tief erschüttert über die furchtbare Tragödie", Staatspräsident Giorgio Napolitano sprach von einem "nicht hinnehmbaren Unglück". Staatsanwaltschaft und Straßenpolizei haben die Ermittlungen zur Unfallursache aufgenommen. Eine Überlebende schilderte, der linke Vorderreifen sei mit einem lauten Knall geplatzt. Der Fahrer habe vergeblich versucht, den Bus unter Kontrolle zu bringen. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Bilder von zwei Überwachungskameras in unmittelbarer Nähe des Viadukts wertvolle Aufschlüsse über die Unfallursache geben können. Auch ein Versagen der Bremsen wird nicht ausgeschlossen.

Die Polizei gab an, am Unfallort keine Bremsspuren festgestellt zu haben. Eine Blutprobe des ums Leben gekommenen Fahrers soll auf Alkohol und Drogen untersucht werden. Der Unglücksbus war erst im März einer Revision unterzogen worden. Die Autobahn ist derzeit nur einspurig befahrbar. (Gerald Mumelter, DER STANDARD, 30.7.2013)

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    Die Bergungsarbeiten gestalteten sich schwierig, die Decke des Reisebusses musste für die Bergung Überlebender abgesägt werden. Gegen den Busfahrer wird nun wegen fahrlässiger Tötung ermittelt.

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