Bundesheer im Ausland: Bedingt einsatzfähig

Kommentar der anderen29. Juli 2013, 17:50
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Die österreichische Blauhelm-Mission sei stets "hochprofessionell" gewesen, heißt es. Nach zwei Monaten Einsatztraining sieht das ein Beinahe-Blauhelm anders

Es ist Tag der Verabschiedung im Bundesheerzentrum für Internationale Einsätze in Götzendorf, Niederösterreich: Das Undof-Kontingent ist angetreten. Die 1. Kompanie steht im Halbkreis um einen Unteroffizier, der Richtlinien für den Umgang mit Medienvertretern vorliest. Denn die haben sich an diesem 24. Mai auf dem großen Antreteplatz der Kaserne zahlreich eingefunden. Dass es zu einem Abzug vom Golan kommen könnte, ist bereits ruchbar. Der erste Punkt, den der Unteroffizier deshalb vorträgt, lautet: "Die Soldaten sind gut ausgebildet und vorbereitet."

Kollektives Gelächter bricht aus. Die Stimme des Kommandierenden geht zwischen den Soldaten unter. Ich bin einer davon. Keiner der Anwesenden stimmt dem Verlesenen zu - und das leider zu Recht: Bis auf zwei Mann besteht das gesamte Ersatzkontingent der ersten Kompanie aus Miliz oder Soldaten des Reservestandes wie mir selbst. Es sind Zivilisten in Uniform, wo manch einer seit zehn Jahren keine Waffe mehr in der Hand gehalten hat. Und auch am Ende einer fast zweimonatigen Ausbildung waren wir dem Ziel, wieder zu einsatzbereiten Soldaten zu werden, nur bedingt nähergekommen.

Eines der obersten Ziele einer jeden Einsatzvorbereitung des Bundesheeres ist es, einen bunt zusammengewürfelten Haufen von Soldaten unterschiedlichen militärischen Ausbildungsstandes auf ein gleiches Niveau zu bringen. Dieses Ziel wurde während meiner Vorbereitung für den später abgeblasenen Einsatz am Golan bei weitem nicht erfüllt. Und zwar so sehr, dass ein erfahrener Berufssoldat, den ich nach seiner Bewertung der Einsatzvorbereitung auf einer Skala von eins bis zehn fragte, nüchtern zur Antwort gab: minus fünf.

Ernstfall statt Sonnenschein

UN-Beobachtermissionen werden von Soldaten und nicht von Zivilisten erfüllt, eben um in einer Krisensituation den Fortbestand der Mission und den Selbstschutz mit der Waffe zu gewährleisten. Dies birgt selbstverständlich Risiken. Die österreichischen UN-Soldaten am Golan wurden im Anbetracht des syrischen Bürgerkriegs deshalb mit der höchsten Gefahrenzulage aller zurzeit stattfindenden Auslandsmissionen des Bundesheeres finanziell entlohnt. Es gilt daher, die Soldaten in der Tat auf den Ernstfall, zum Beispiel ein Feuergefecht, vorzubereiten - auch wenn das nach der 39-jährigen Geschichte der "Sunshine Mission" am Golan abwegig erscheinen mag.

Auf diesen Ernstfall allerdings wurden wir nicht vorbereitet. Viele militärische Verhaltensweisen wurden uns nie oder nur mangelhaft im Zentrum für Internationale Einsätze beigebracht. Wir wurden unter anderem unzureichend an den Waffen ausgebildet: Ich musste etwa einen Berufsunteroffizier ersuchen, mir die Handhabe des Maschinengewehrs nochmals näherzubringen (ich wäre als Maschinengewehrschütze nach Syrien geschickt worden). Mit einem Militärpolizisten habe ich auf Eigeninitiative die richtigen Pistolengriffe wiederholt.

Auf militärisches Auftreten, das wichtig ist für den Gemeinschaftsgeist und die Disziplin, wurde ebenfalls wenig Wert gelegt. Bis heute weiß ich nicht, wie man den neuen Kampfanzug, der aus mehreren Einzelteilen besteht, korrekt zusammensetzt. Und es gab in der Ausbildung zudem kein einziges Mal gemeinsamen Sport, obwohl der Grundstein jedes Soldaten in jeder Armee der Welt die ausgezeichnete körperliche Fitness ist.

Die Ausbildung an den Waffen war viel zu kurz, um im Ernstfall richtig damit umzugehen - die erste Kompanie schoss nur an einem einzigen Tag mit scharfer Munition. Wir hatten sehr lange Dienstzeiten während der Vorbereitung, aber die Zeit wurde oft mit unnötigen Rauchpausen oder zu langen Sitzungen im Lehrsaal verschwendet. Der Drill - das Um und Auf, um in Krisensituationen zu bestehen - war mit wenigen Ausnahmen komplette Fehlanzeige.

Sicher, Teile unseres Trainings waren gut. Wir genossen eine exzellente Erste-Hilfe-Ausbildung (obwohl wir auf dem Golan bei einer Verwundung von Evakuierungszeiten von bis zu sechs Stunden rechnen mussten). Und es gab auch eine hervorragende Ausbildung zu Minen und IEDs (Improvised Explosive Devices) sowie einen fundierten Unterricht im Verhandeln mit Geiselnehmern und im Umgang mit einer möglichen Gefangenschaft. Auch die Ausbildung im Gebirgskampfzentrum des Bundesheeres in Saalfelden war ausgezeichnet. Eine Woche lang wurden wir von einem hochmotivierten Offizier und vier Unteroffizieren effektiv trainiert. Diese Erfahrungen zeigen die Vielfalt in der Qualität der österreichischen Armee.

Aber: Das Bundesheer als Kollektiv gibt es nicht. Es hat exzellente Berufssoldaten, hochmotivierte Waffenträger in den einzelnen Milizbataillonen und professionelle Ausbildner. Wir müssen den internationalen Vergleich nicht scheuen. Dennoch war die Ausbildung für den Ernstfall in Götzendorf unzureichend.

Was macht den Unterschied zwischen einen guten und schlechten Soldaten im Ausland im Ernstfall aus? Erfahrungen aus vergangenen Konflikten zeigen, dass die Handlungsfähigkeit in Extremsituationen am allerwichtigsten ist. Diese wird nur erreicht durch Drill, Drill und noch einmal Drill. Und zwar gleichgültig, ob es dabei um den einsatzmäßigen Umgang mit der Schusswaffe, die Erstversorgung von verwundeten Kameraden oder das Führen von Untergebenen geht.

"You train as you fight!" Das ist ein oft genanntes Mantra in der militärischen Ausbildung. Beim Training des letzten österreichischen Golankontingents in Götzendorf muss man froh sein, dass es niemals zu einem Fight gekommen ist. (Franz-Stefan Gady, DER STANDARD, 30.7.2013)

Franz-Stefan Gady ist Reservist des österreichischen Bundesheeres. Im zivilen Leben arbeitet er als Senior Fellow am EastWest-Institute in New York.

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    Franz-Stefan Gady: Nur einmal scharf geschossen.

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