Ein Sumpf, der viel Geschichte birgt

29. Juli 2013, 16:58
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Ein Teil der ehemals ganz ungarischen Baranja gehört heute zu Kroatien. Dort befindet sich der Naturpark Kopački rit. Im Sumpf liegt eine Brücke von Süleiman dem Prächtigen

"Bei uns gibt es einen Spruch: Du bist entweder verrückt, oder du kommst aus Osijek", sagt Bojan und klatscht sich auf Wangen, Stirn und Arme. Er simuliert, Mücken zu erschlagen. Tatsächlich schaut das ein wenig verrückt aus. Aber tatsächlich gibt es in Osijek und Umgebung auch sehr viele Mücken. Genau genommen 21 Moskitoarten, wie Bojan, der Touristenführer, weiß, der uns mit einem Boot über das Kopački Rit, eine Wasserlandschaft in Slawonien führt.

Außerdem gibt es 298 Vogelarten, fünf verschiedene Wasserschlangen und 50 verschiedene Säugetiere. Auf den Seen, die sich im 23.000 Hektar großen Ried gebildet haben, liegen Seerosen. Weiden hängen ins Wasser. Und auf den Bäumen dahinter sitzen große schwarze Kormorane. Unter ihnen sind die Äste kahl. Weshalb? "Ihr Kot ist ätzend", erklärt der 22-Jährige. "Sie sind auch sehr gierig und fressen ganz viel Fisch und dann speiben sie den wieder raus." Die Fischer hier sehen die Kormorane gar als Konkurrenz.

Allerdings muss man sich in der Baranja keine Sorgen machen, dass man zu wenig Fisch bekommt. An den Wasserkanälen der Drau und der Donau sitzen Männer und Frauen und halten ihre Angel hinein. Ab Mittag stehen in den Gasthäusern Kessel mit "fiš paprikaš", einem Fischgulasch, auf dem Tisch. Währenddessen gleiten Seeadler über den Himmel, als würde er ihnen gehören. "Wir haben hier außerdem acht Biberfamilien", sagt Bojan, so als würde es sich um seine Verwandten handeln.

Nachschauen, was los ist

Haubentaucher stecken ihre Köpfchen unter Wasser, als wollten sie nur schnell nachschauen, was da unterhalb so los ist. Seit 1967 ist das Kopački Rit ein Naturpark. Wer von Osijek aus über die Draubrücke hinüberfährt zum Ried, kommt bei einem Sumpfgebiet vorbei, über das Süleiman der Prächtige 1566 eine acht Kilometer lange Brücke bauen ließ. Sie galt damals als Weltwunder und wichtigstes Bauwerk der Osmanen in Südosteuropa. Süleiman wollte auf der hölzernen Straße schneller Richtung Wien ziehen.

1687 nahmen die Habsburger wieder Osijek ein und bauten die Barockfestung Tvrda. Später entstand an der Evropska Avenija eine Reihe detailreicher Jugendstilbauten, Domizile des österreichischen Beamtenadels. Bis 1918 sprachen in Osijek viele Menschen Deutsch. Kroaten, Serben, Juden, Ungarn und Deutschsprachige lebten hier zusammen.

Die Habsburger besaßen in der Baranja das Jagdschloss Tikves. Hier residierte Isabella von Habsburg, die offenbar eine ähnlich pathologische Jagdleidenschaft hatte wie Franz Ferdinand und damit prahlte, an einem Tag 146 Stück Hirsche erledigt zu haben. Später residierte Tito in Tikves und jagte hier mit Leonid Iljitsch Breschnew. Auf dem Weg zur Donau taucht nun eine Herde von Hirschen auf, die dem Wald zuläuft. Viele Dutzend hellbraune Tierrücken im Galopp. Die Baranja ist hier wie die Serengeti.

Sumpf trockengelegt

Sie ist ein Stückchen Land zwischen der Drau und der Donau, wo der Himmel schon ungarisch weit ist und die Wolken in barockem Rosarot erscheinen. Und sie war eigentlich ein Sumpf, der von Eugen von Savoyen (1663-1736) trockengelegt wurde. Noch heute gibt es Dörfer, in denen Ungarisch gesprochen wird – die Baranja gehörte bis 1918 zu Ungarn.

Einer der schönsten Orte ist Kopacevo mit langgezogenen Gehöften in Pastelltönen und geschwungenen Fassaden, denen eine Veranda mit Säulen vorgebaut ist. Die Dorfstraße ist hier mehr sozialer Treffpunkt als Verkehrsweg. Hier gibt es auch eine calvinistische Kirche. In der Baranja hat der Calvinismus auch Spuren im Wirtschafts- und Gesellschaftsverständnis hinterlassen.

Im Kroatienkrieg (1991-1995) waren in der Baranja pakistanische Blauhelme stationiert, das Terrain war von serbischen Truppen besetzt und wurde mit dem Abkommen von Erdut erst 1998 wieder zur Gänze Kroatien eingegliedert. Ökonomisch "beherrscht" wird die Baranja heute von Ivica Todoric, dem reichsten Kroaten und Chef des Unternehmens Agrokor, das kürzlich den slowenischen Mercator gekauft hat. Bei dem ehemaligen kleinen Blumenhändler aus Zagreb arbeiten etwa 10.000 Leute.

Die Erde ist so schwarz wie fruchtbar hier. Trotzdem ist Slawonien arm. Zumindest die Schlachten sind aber vorbei. Das Schloss Eugen von Savoyens ist zu verkaufen. (Adelheid Wölfl aus Osijek, DER STANDARD, 30.7.2013)

Link: www.kopacki-rit.com

foto: josef kirchengast


-> Die Bootsfahrt in Bildern gibt's in einer Ansichtssache.

  • Der Kopački rit, ein Ried beim Zusammenfluss von Donau und Drau im letzten Winkel Kroatiens, in Slawonien, ist ein Naturparadies.
-> Die Bootsfahrt in Bildern gibt's in einer Ansichtssache.
    foto: josef kirchengast

    Der Kopački rit, ein Ried beim Zusammenfluss von Donau und Drau im letzten Winkel Kroatiens, in Slawonien, ist ein Naturparadies.

    -> Die Bootsfahrt in Bildern gibt's in einer Ansichtssache.

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