Als der Lochgott auf das Hirtenmädchen traf

29. Juli 2013, 17:45
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"Die Jungfrau von Orleans" ging als exquisites Deklamationstheater weitgehend ins Leere. Das Premierenpublikum quittierte Michael Thalheimers Konzept der Starrheit mit satten Buhs

Salzburg - Gibt es Gott? Wir wissen es nicht. In Friedrich Schillers Drama Die Jungfrau von Orleans (uraufgeführt 1801) aber gibt es ihn. Zumindest sind ganz deutlich Anzeichen einer übergeordneten Macht vernehmbar. In der "Romantischen Tragödie", so der Untertitel, flüstert Gottes Stimme der jungen Hirtentochter Kriegsappelle ins Ohr. Sie möge ihre Schafe verlassen und das Volk der Franzosen mit einem magisch kräftigen Schwert gegen die englischen Invasoren führen. Der Allmächtige muss ein Franzose sein.

Als Kriegerin, die ihre Legitimation aus dem Himmel bezieht, gehört Die Jungfrau von Orleans zu den wenigen gut gepflegten Titelheldinnen auf deutschsprachigen Bühnen. Johanna ist keine religiöse Missionarin, sondern eine rigorose Patriotin, die den Kampf einer Erleuchteten führt. Dieser unerschütterliche Gehorsam, ihr Fundamentalismus, ist der wunde Punkt, der heute interessiert. Wie kann jemand seinen Willen so sehr dienstbar machen? Zumal der eigene Wille, das vorgeblich frei gestaltende Ich zum höchsten Gut der Gegenwart gezählt wird.

Regisseur Michael Thalheimer, für den tiefen Ernst seiner Klassiker-Aufschnürungen bekannt und geehrt, interessiert sich selbstredend nicht für das Ich (davon gibt es in der zeitgenössischen Theaterliteratur ohnehin zu viele), sondern für den reinen Mechanismus eines Gottesauftrags. Er lässt das Premierenpublikum daran in Form eines exquisiten Deklamationstheaters teilhaben. Mit seinem unverbrüchlichen Ernst ist er die richtige Besetzung für Schillers Drama, und doch scheitert er mit der Salzburger Aufführung.

Thalheimer hat sich verschätzt. Das Stück ist zu entlegen, um es allein mit Formstrenge auflösen zu können. Thalheimer pflanzt die Erleuchtungsfantasie bedingungslos in die Mitte des Salzburger Landestheaters. Umfängt einen anfangs noch anregende Befremdung, so geht das überwiegend stoische Deklamieren alsbald ins Leere.

In die schwarze Weltkuppel, die den finsteren Bühnenraum kaum erkennbar umspannt, hat Olaf Altmann ein kleines kreisrundes Loch gesägt, durch das - die unendliche französische Düsternis erhellend - ein göttliches Licht auf ein Geschöpf im unschuldig weißen Kleid fällt. Die dort im Spotlight strammstehende Johanna (Kathleen Morgeneyer) hat den Hirtenstab gegen ein Schwert getauscht und blickt mit wachen Augen ihrem Auftrag entgegen. Sie wird sich - bis auf eine Ausnahme - zwei Stunden und zwanzig Minuten nicht von diesem Fleck rühren.

Denn alles und jedes kommt zu ihr: Soldaten mit schweren Kettenhauben werden ihr dort im Sterben Blutküsse an den Hals werfen, bis der Sieg errungen ist. Der König platziert sich neben ihr wie eine Witzfigur (Christoph Franken in Wollsocken); dessen Mutter (gespenstisch: Almut Zilcher) wie auch seine Geliebte, eine resche Karrieristin (Meike Droste), sind im Vergleich zu Johanna nur Schattengewächse. Tatsächlich muss manch einer in die Dunkelheit sprechen.

Bewegungsloser Zweikampf

Thalheimer lässt nicht interagieren, sondern verschiebt die Schauspieler umstandslos wie Figuren eines Brettspiels; es handeln keine Menschen, vielmehr Prinzipien. Manchmal dreht sich einer 180 Grad um seine Achse und tritt aus dem Bühnenhintergrund wieder nach vor zur stets erleuchteten Johanna. Sie legt zwangsläufig all ihr Tun in die Stimme, selbst ein Zweikampf auf dem Schlachtfeld bleibt bewegungslos. Morgeneyers Stimme ist auch der Höhepunkt des Abends.

Die Satzenden taucht sie jeweils in dunkle, schwere Töne, sie schickt die Sätze wie dicke Pfeile in die schon abgestandene Luft am Königshof, senkt die Stimme bedeutungsschwer ab, manches Mal sind Kampfeslust und Angst darin gleichermaßen spürbar. Ihre Selbsterklärung am Ende des ersten Aufzugs, in der sie von dem Moment der göttlichen Beauftragung spricht, hat sich allerdings auch an Manierismen bedient.

Den zunehmend zähen Fortgang der Handlung konnte auch diese stark gekürzte Fassung von Sonja Anders und Thalheimer nicht mehr retten. Der Regisseur musste satte Buhs hinnehmen.   (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 30.7.2013)

Bis 7. 8., Premiere in Berlin: 27. 9.

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    Das siegreiche Mädchen Johanna (Kathleen Morgeneyer, re.) lässt die auf Feindesseite stehende Königsmutter (Almut Zilcher) zürnen.

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