Beengtes Spiel unter freiem Himmel

29. Juli 2013, 17:50
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Finster: Nestroys "Einen Jux will er sich machen" in der Inszenierung von Bettina Hering

Baden - In Nestroys Einen Jux will er sich machen spürt ein Kaufmannsgehilfe in sich das Zeug zu einem Draufgänger. Sein Abenteuergeist führt Weinberl (Dominik Warta), einen freundlichen Intellektuellen im knitterfreien Arbeitsmantel, nicht besonders weit. Das überschaubare Gewürzgewölbe tauscht er gegen die Hauptstadt und deren Nachtleben ein. Die Fesseln der Berufspflicht, ohnehin gelockert durch die Gutmütigkeit des Prinzipals (Michael Scherff), weichen jedoch bloß dem straffen Eheband.

In der Sommerarena Baden (Bühne: Manuela Freigang) ist die Wahlmöglichkeit keine besonders berauschende. Das Gewölbe ist düster, es gleicht einer Einbaukastenstadt mit Öffnungsschlitzen und Jalousien. Die Welt draußen bleibt finster. Nur dem gestirnten Himmel über Baden obliegt es, wenigstens bis 21.40 Uhr Licht in die ganze Angelegenheit zu bringen. Das Arena-Gebäude im Kurpark bildet nämlich ein allerliebstes Kuriosum. Sein Inneres gleicht einem echten Theaterbauwerk aufs Haar. Nur das Dach steht wie bei einer Sternwarte weit offen.

Regisseurin Bettina Hering, Intendantin des Landestheaters Niederösterreich, hat einen reichlich verspielten Nestroy in der Kasino- und Schwefelwasserstadt abgeliefert. Zunächst hat sie Nestroy dem Wienerischen Idiom vorsätzlich entfremdet. Man spricht in Baden eine raue und etwas umständliche Mundart. Die Figuren werden von Existenzängsten geplagt. Zangler (Scherff) presst sich dann erschauernd an die Wand, als beträfe die nächste Krise allein den Handel mit Gewürznelken.

Allerlei Modewörter

Aber auch Weinberl ist mit jedem Zoll kein Schuftikus. Die von Johannes Schrettle gedichteten Couplets sprechsingt er tapfer. In diesen Strophen mit umschlossenen Reimen begegnet man Reiz- und Modewörtern wie "Zeitausgleich", "Motivation" und "expandieren", ganz zu schweigen natürlich von der "Revolution".

Daraus erhellt nicht viel für den Gang der Handlung. Immerhin bricht Hering für die Frauenfiguren eine Lanze. Ein ganzer Strauß Gewürzblumen gebührt Katharina von Harsdorf, die das Fräulein von Blumenblatt als sehnsüchtige Witwe mit Hang zu viel Schnupftabak anlegt.

Gepflegt amüsieren kann man sich über den Hausknecht Melchior (Helmut Wiesinger), den die Ausstattung als kaiserlichen Fiaker Bratfisch verkleidet hat ("Das ist klassisch!"). Es gibt immer wieder Details zu bestaunen. Der Witz versandet indes gnadenlos. Langsam verfiel auch der Himmel über Baden in nachdenkliches Schwarz.  (Ronald Pohl, DER STANDARD, 30.7.2013)

  • Ein verspielter Nestroy für Baden.
    foto: christian husar (www.christian-husar.com)

    Ein verspielter Nestroy für Baden.

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