Drei Finger in ökonomischen Verhältnissen

29. Juli 2013, 17:49
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Vom Verhindert- und Behindertsein: Ivo Dimchev im Kasino am Schwarzenbergplatz und Jérôme Bel im Akademietheater

Wien - Gefährlich ist ein Staat, wenn ihm seine Bürger - etwa Menschen mit Behinderungen - lästig sind und er sie verdrängt. Auch Kunst kann dem Staat "lästig" sein. Dieses Spannungsfeld machen Jérôme Bel und Ivo Dimchev bei Impulstanz sichtbar. Bel stellt mit elf Darstellern des Zürcher Theaters Hora ein Disabled Theater auf die Bühne des Akademietheaters, und Dimchev hat in seiner Vier-Personen-Performance Fest eine institutionskritische Arbeit ins Kasino am Schwarzenbergplatz gebracht.

In Stücke gegossene Kritik an den Strukturen hat im Tanz keine große Tradition. Umso würziger kommt Fest daher. Dimchev selbst tritt als Künstlerdiva vor die effektverliebte Kuratorin eines Festivals. Ein masochistischer Bühnentechniker und eine besserwisserische Zuschauerin sind ebenfalls beteiligt. Erst ziert sich der Künstler. Eigenwillig wird der Preis verhandelt: "Darf ich noch einen vierten Finger in ihre Vagina schieben?" - "Nein." - "Dann kostet das Stück 3.000 Euro."

Sobald aber der Künstler vor Ort ist, sitzt er in der Falle. Das Bühnenbild ist kaputt. Der Techniker weigert sich zu arbeiten, bevor der Künstler ihn schön erniedrigt. Die Kuratorin will nur mit dem Namen des Künstlers glänzen.

Kunst und Kompromiss

Die ökonomischen Verhältnisse werden über zum Teil sehr offenherzige sexuelle Aktivitäten abgerechnet. Der Künstler wird zu Kompromissen gezwungen, die ihn verrückt machen. Es kommt schlimmer: Kaum hat er zu performen begonnen, springt eine Zuschauerin zu ihm und greift ein. Eigentlich, wird sie gegen Ende sagen, sei sie Kritikerin.

Alle sind bis in die Knochen korrupt. Bis hin zum Künstler, der zwar leidet, aber auch an den Brüsten der Kuratorin hängen bleibt. Starke Spannungen liegen in der Luft und zerren an und in den Körpern der Darsteller. Fest ist keine Anklage, sondern eine saftige Satire auf das Festivalsystem im Tanz. Der berühmte Konzeptualist Jérôme Bel arbeitet zwar anders als Dimchev, aber auch bei Disabled Theater kann gelacht werden. Denn die Performer der Hora-Gruppe sind nicht nur von einem gloriosen Charme, sondern auch selbstbewusst witzig. Diesen Witz können sie bei Bel ausleben.

Grundlagen des Stücks sind sechs Anweisungen des Choreografen für die Darsteller. Dazu gehört: Einer nach dem anderen stellt sich für eine Minute auf die Bühne und tut nichts. Stellt sich mit Namen, Alter und Beruf vor. Tanzt ein Solo. Sagt, was er von dem Stück hält. Verbeugt sich.

So erhält das Publikum in unerwartet kurzweiligen eineinhalb Stunden Gelegenheit, sich an diese ungewöhnlichen Menschen zu gewöhnen und einen Blick für das von ihnen Gebotene zu gewinnen. Dafür werden die Darsteller "ausgestellt". Ohne mitgelieferte Rezeptionsanleitungen, Mitgefühlsmaße und Verhaltensregeln.  (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 30.7.2013)

  • Lorraine Meier ist 42, Profi-Schauspielerin und hier in Jérôme Bels brillantem Stück "Disabled Theater" die "Dancing Queen" vom Zürcher Theater Hora.
    foto: ursula kaufmann

    Lorraine Meier ist 42, Profi-Schauspielerin und hier in Jérôme Bels brillantem Stück "Disabled Theater" die "Dancing Queen" vom Zürcher Theater Hora.

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