Befreiungsschlag vom Fließband

30. Juli 2013, 07:00
30 Postings

In ihrem Video "We can´t stop" verwechselt "Hannah Montana"-Star Miley Cyrus wie schon viele vor ihr standardisierten Porno-Pop mit Selbstbestimmung

Miley Cyrus war eine klassische Auflage eines perfekt vermarkteten Kinderstars. Als biedere "Hannah Montana" eroberte sie Kinderherzen und goss in ihrer Rolle als High School-Schülerin Miley Stewart, die heimlich auch der Popstar Hannah Montana ist, so manchen Tagtraum in Serienform. Mit dem Ende der Disney-Serie 2011 ist Miley Cyrus nicht nur 120 Millionen Dollar schwerer, sie will auch nicht mehr die herzige Kleine sein. Sie möchte als eigenständig agierende Künstlerin ernstgenommen werden und versucht nun einen Befreiungsschlag mit ihren neuen Video "We can’t stop".

Die Basic-Instinct-Nummer

Die Transformation von der niedlichen Show-Marionette zur/zum erstzunehmenden eigenständig agierenden KünstlerIn machte schon vor Miley Cyrus einigen zu schaffen. Sex, oder was sich postadoleszente Popstars oder ihr Management darunter vorstellen, gilt da als relativ sichere Sache. Britney Spears gibt die Basic-Instinct-Sharon-Stone-Nummer und klettert ohne Unterhose aus ihrem Wagen. "High School Musical"-Star Venassa Hutgens hielt sich erst gar nicht mit partieller Nacktheit auf und "bedauerte", dass ihre "privaten" Nacktfotos im Internet landeten. Miley Cyrus muss das Rad also nicht neu erfinden und so griff auch sie kürzlich für eine Club-Nacht in L.A. zu derart knappen Shorts, dass die Klatschpresse freudig jene Stellen abfotografierte, um sie später durch Verpixelung als entblößt preiszugeben. All das dient freilich nur als Unterbau eines neuen Images, den es für die fortan produzierten Video-Clips des Stars braucht, um die Kehrtwende auch authentisch aussehen zu lassen.  

Authentisch sein, genauso wie alle anderen

"It's my mouth, I can say what I want", "It’s our party we can do what we want to", singt Cyrus in ihrem neuen Video "We can´t stop", "This is our rules" und dann noch: "Doing whatever we want". Wir haben verstanden: Miley Cyrus lässt sich mit ihren 20 Jahren nichts mehr vorschreiben und will zeigen "wie sie ist", wie sie in einem Interview sagt. Doch nach einem Blick in ihr neues Video "We can´t stop" würde das bedeuten: "Ich bin wie alle anderen". Die Zunge ein bisschen raus-, den Hintern in die Kamera reinstrecken, die Hüften lasziv rauf und runterbewegt, eine Frisur Marke "wild Girl" und der abgemagerte Standard-Body steckt im klassischen American Apparel-Outfit.

Das interessante daran: Die hinlänglich bekannte Sex-Vermarktung wird von den jeweilig flügge gewordenen hartnäckig als Aneignung, Entdeckung des Selbst, als Empowerment inszeniert.

Ein bisschen Porno-Pop hier

Es ist ein Jammer, dass Versatzstücke von emanzipatorischen Botschaften wie "Our Bodies our Selves" als Forderung nach der Selbstbestimmung über den eigenen Körper nun schnöden Werbekampagnen für aufgesexte Kinderstars dienen müssen. Ein bisschen Porno-Pop hier und da, ein paar für "crazy" befundene Video-Clips und knalliges Make Up – so billig wollen sich die einstigen Teenie-Stars ihre Autonomie erkaufen. Doch ernsthaft glauben wird ihr diesen Befreiungsschlag vom Fließband wohl hoffentlich keiner mehr. (Beate Hausbichler, dieStandard.at, 30.7.2013)

  • Miley Cyrus - ganz wild.
    foto: epa/boris roessler

    Miley Cyrus - ganz wild.

Share if you care.