Eine ungestillte Sehnsucht nach Wirklichkeit

29. Juli 2013, 17:46
1 Posting

Das Leben als große Inszenierung des Falschen: In "Nacht ist der Tag" des Schweizer Autors Peter Stamm verliert eine Frau ihr Gesicht und findet - vielleicht - ein richtiges oder richtigeres Leben

Wien - Am Ende dann, oder zumindest ganz kurz davor, heißt Gillian jetzt der Einfachheit halber Jill und hört einen alten und notwendigerweise traurigen Fado: Aus dem Autoradio klingt Amália Rodrigues' Estranha forma de vida. "Was für eine sonderbare Art zu leben hat mein Herz", übersetzt Fahrer Marcos, "einsames Herz, unabhängiges Herz, über das ich nicht befehle. Wenn du nicht weißt, wohin du gehst, wieso willst du dann unbedingt laufen."

Und dann haben wir plötzlich ein paar Sätze in der Hand, die wie eine Summe von Peter Stamms neuem Roman Nacht ist der Tag (Fischer-Verlag) wirken. Hier, so könnte man meinen, zieht sich der Roman zusammen, verdichtet sich zu einer Stimmung, die vorher lose den Roman durchzog.

Die Hauptfigur Jill hört das Lied auf dem Weg zu einer herzlich unpassenden Veranstaltung, einem Goa-Rave mitten im Engadin. Auf diesem nimmt sie noch irgendeine Pille und löst sich vollends ab von dem, was wir auf den 240 Seiten zuvor gelesen haben. Vielleicht liegt es an der Divine Amália, wie sie genannt wurde, jedenfalls blickt Jill hernach mit neuer Nüchternheit auf ihr Leben.

Über drei Akte, die jeweils eine Katastrophe oder einen Zusammenbruch aussparen, sind wir zu Rodrigues und in das Engadin gekommen: Jill startet noch als Gillian und liegt im Krankenhaus. Die Fernsehmoderatorin hat - anders als ihr Mann - einen Autounfall überlebt und schwere Gesichtsverletzungen davongetragen. Jetzt braucht sie eine neue Nase, und ihr dämmert eine Erkenntnis: "Das Leben vor dem Unfall war eine einzige Inszenierung gewesen. Ihr Job, das Fernsehstudio, die schönen Kleider, die Städtereisen, die Essen in guten Restaurants, die Besuche bei ihren Eltern und bei der Mutter von Matthias. Es musste falsch gewesen sein, wenn es so leicht zu zerstören war, durch eine Unachtsamkeit (...). Das Unglück hatte früher oder später kommen müssen, als plötzliches Ereignis oder als langsamer Verschleiß, aber es war unausweichlich."

Verratene Ansprüche

In Nacht ist der Tag schneidet Stamm Rückblenden in Gillians Heilungsprozess, aber die werfen auch kein besseres Licht auf die Rekonvaleszente: Während sie und Ehemann Matthias sich im Schaum des Medienvolks zu halten versuchten und so Anspruch und Intellekt längst verraten hatten, rieben sie vor lauter Imponiergehabe auch ihre Ehe dünn.

Gillian fordert darauf den geschwätzigen Künstler Hubert zu einer Affäre heraus, die er in einer überraschenden Wendung ablehnte: Seine Freundin sei kurz vor der Niederkunft. Gillians Unfall war also vielleicht dem schleichenden Abstieg zuvorgekommen, das Problem "Ehe mit Matthias" ist auf jeden Fall gelöst.

Im zweiten Teil vergehen die nächsten Jahre nun aus Huberts Sicht, wir folgen einem Prozess der Verbürgerlichung. Hubert wird Professor, und während er seiner Produktionsblockade so den gnädigen Schleier des akademischen Betriebes überwirft, schreitet seine Frau Astrid zur nächsten Etappe der neuen Bürgerlichkeit: Sie wird Esoterikerin.

Huberts Schwung und Ehe zerbröseln in Einzelteile aus Trägheit und Orientierungsschwäche. Und so macht er sich auch auf in das Engadin und trifft hier - keine wirkliche Überraschung - Gillian wieder, die jetzt eben Jill heißt und als Oberanimateurin in einem Hotel wirkt.

Wenngleich die Dramaturgie am Ende ein wenig grob geschnitzt wirkt, hat Jill schon ihren ersten Schritt zu einem unmittelbaren Menschen gemacht, zu einem also, der mit Dostojewski vielleicht etwas "dumm" ist, aber sein Glück in der Tätigkeit findet. Hubert hat es nicht so einfach, er entwickelt ein Ausstellungskonzept, von dem er einer Lokaljournalistin im Standardvokabular jedes Kurators vorschwadronieren kann: "Der einzige Antrieb für seine Arbeit sei das Begehren, eine Sucht nach Wirklichkeit, nach Präsenz, auch nach Intimität im Gegensatz zu Öffentlichkeit."

Kargheit der Sprache

Solche Grausamkeit ist immer amüsant zu lesen, der Spott über Fernsehen, Kunst und Literaturbetrieb sind subtil und wohldosiert. Das bürgerliche Leben Zentraleuropas legt sich wie Mehltau über Abenteuerlust und Vorstellungskraft der Personen. Stamms Sprache stellt nie etwas aus, sie bleibt karg.

Wie schon in den früheren Romanen gibt es keine größere Katharsis, sondern eher ein mühsames Strampeln: Den Figuren hängt der Mühlstein der Zeit und der eigenen Geschichte um den Hals. Deshalb bleibt nach dem Ende von Nacht ist der Tag eher der Geschmack einer Kurzgeschichte übrig - was bei Peter Stamm alles andere als ein Vorwurf ist. Etwas bricht da plötzlich ab und wirkt als Rätsel zurück auf die Erzählung. In diesem Fall ist es Jill. Wer allerdings nach Amália Rodrigues auf eine Goa-Party geht, dem kann wohl nicht mehr geholfen werden.  (Lennart Laberenz, DER STANDARD, 30.7.2013)

  • Ist seinem verknappten lakonischen Stil auch in seinem Roman "Nacht ist der Tag" treu geblieben: Peter Stamm.
    foto: claudia below

    Ist seinem verknappten lakonischen Stil auch in seinem Roman "Nacht ist der Tag" treu geblieben: Peter Stamm.

Share if you care.