Gemeinschaftsgärtner in Wien-Hernals bangen um ihre Beete

7. August 2013, 05:30
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Durch ein neues Fluktuationsmodell droht Gärtnern der Verlust ihrer Beete - nicht alle sind glücklich damit

Ein eigenes Fleckchen Grün mitten in der Stadt wünschen sich viele Wienerinnen und Wiener. Darum erfreuen sich auch Gemeinschaftsgärten, in denen man eigenes Gemüse anbauen und ernten kann, immer größerer Beliebtheit. Dort wird aber nicht nur gemeinsam gegartelt, sondern auch einfach Zeit mit der Nachbarschaft verbracht. So auch im "Gemeinschaftsgarten Rosenberg" im Josef-Kaderka-Park im 17. Wiener Gemeindebezirk.

Erzwungene Fluktuation

Doch nun droht einigen Gärtnerinnen und Gärtnern nach der Saison der Verlust ihres Beetes: Damit auch andere Hernalser die Chance auf ein Stückchen Grün haben, wurde ein Fluktuationsmodell für die Vergabe der Parzellen entwickelt. Dieses war vonseiten des Bezirks seit Gründung des Gemeinschaftsgartens Voraussetzung, um diesen zu ermöglichen.

"Die Bewerber haben von Anfang an gewusst, dass sie kein Recht auf eine dauerhafte Nutzung ihres Beetes haben", sagt Peter Sas (SPÖ), stellvertretender Bezirksvorsteher von Hernals. Zudem sei es seiner Ansicht nach nicht fair, dass jene, die bei der ersten Auslosung Glück hatten, ewig eine Parzelle bewirtschaften dürfen.

33 Gärtner auf 150 Quadratmeter Anbaufläche

Der 1.100 Quadratmeter große Gemeinschaftsgarten im Kaderka-Park wurde im September 2011 eröffnet. 150 Quadratmeter sind als Anbaufläche nutzbar. Diese bewirtschaften im Moment 33 Gärtnerinnen und Gärtner. Einige der 39 Beete werden einem Kindergarten, einer Schule sowie einem Altersheim zur Bepflanzung überlassen. Außerdem gibt es Gemeinschaftsflächen, die kollektiv gehegt und gepflegt werden.

Selbstorganisierter Garten

Ermöglicht wurde das Projekt  durch den Verein Gartenpolylog, dem wohnpartner für die Bezirke 17, 18 und 19 (Nachbarschafts-Service im Wiener Gemeindebau) und der Bezirksvorstehung Hernals. Per Losentscheid wurden die Gärtner, die sich zuvor in einer Bewerbungsliste eingetragen hatten, ausgewählt. Schließlich gründete die Gartengemeinschaft im Jahr 2013 einen eigenen Verein mit dem Namen "Gemeinschaftsgarten Rosenberg" und ist seitdem selbst für den Garten verantwortlich.

Vergabe nach Gemeindebauschlüssel

Das besondere an dem Gemeinschaftsgarten im Kaderka-Park ist die Vergabe von Beeten nach einem festgesetzten Gemeindebauschlüssel. Das heißt, ein gewisser Prozentsatz der Gärtner muss im Gemeindebau wohnen. "Dadurch ist die Gärtnerschaft hier anders als in vielen innerstädtischen Gemeinschaftsgärten so bunt wie die Hernalser Bevölkerung", sagt Angelika Neuner vom Gartenpolylog, die das Projekt koordiniert hat.

Das weiß auch der Pensionist Manfred Müller zu schätzen. Er ist selbst Gemeindebaubewohner und seit Anfang an Gärtner im Gemeinschaftsgarten. "Das soziale Gefüge hier ist sehr divers und jeder ist hier herzlich willkommen." Das Problem: Die Nachfrage nach Beeten übersteigt mittlerweile bei Weitem das Angebot.

Großer Andrang auf den Garten

"Durch den großen Andrang mussten wir uns etwas überlegen", sagt Christian Haderer von wohnpartner. Bis zu 80 Personen seien zu Höchstzeiten auf der Warteliste gestanden, im Moment sind es 40. "Ich verstehe, dass einige damit nicht glücklich sind, aber so kommen auch andere zum Zug", so Haderer.

"Außerdem darf man nicht vergessen, dass es sich hier anders als bei einem Schrebergarten um einen öffentlichen Grund handelt." Zu der Abstimmung über das Fluktuationsmodell seien alle aktiven Gärtner eingeladen worden. Dort sei es von allen angenommen worden.

Ein Drittel muss das Beet räumen

Nach dem derzeitigen Fluktuationsmodell ist nun vorgesehen, dass jedes Jahr bis zu zehn Personen - also ein Drittel der Gruppe - ihr Beet räumen müssen. Zehn neue Bewerber von der Warteliste haben dann die Chance per Losentscheid aufzurücken. Ehemalige Gärtner können sich aber nach ihrem Ausscheiden wieder auf die Liste setzen lassen.

Natürliche Abgänge

Zehn Personen müssen den Garten auch nur dann verlassen, wenn es keine natürliche Fluktuation gibt. Das heißt, wenn niemand seine Parzelle freiwillig aufgibt. Nach dem derzeitigen Stand müssen nach der heurigen Gartensaison zwei Personen ihr Beet verlassen.

Eine von ihnen ist Manfred Müller. "Es macht einen schon irgendwie traurig, aber ich werde trotzdem weiterhin hier her kommen," sagt er. Zudem hätten ihm schon einige Gärtner angeboten, auf ihren Beeten etwas anzusetzen. Das Fluktuationsmodell findet er grundsätzlich fair. "Es ist alles demokratisch abgelaufen und schließlich hat jeder eine Chance, wieder auf die Liste zu kommen."

Die Gemeinschaft bleibt

"Unabhängig davon, ob jemand sein Beet abgeben muss, bleibt die Gemeinschaft bestehen", ist auch Bezirksvorsteher-Stellvertreter Sas überzeugt. "Wir wollen einfach auch maximale Zufriedenheit für jene herstellen, die auch gern ein Fleckchen hätten."

Drei Jahre fix garteln

Langfristig soll durch das Fluktuationsmodell gewährleistet werden, dass alle Gärtner zumindest für drei Jahre ein fixes Beet bepflanzen dürfen. Zu kurz, meinen viele der Gärtner. Eine aktive Gemeinschaft brauche mehr Zeit, um sich kennenzulernen und zusammenzuwachsen, sind sie sich einig.

Die Gemeinschaftsgärtner wollen nun versuchen, Bezirksvorsteherin Ilse Pfeffer (SPÖ) von einem anderen Modell zu überzeugen. "Bei einer Fluktuation im Fünf-Jahres-Rhythmus ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass einige Gärtner ihr Beet von sich aus wieder abgeben", sagt die Obfrau des Gemeinschaftsgartens, Dagmar Jenewein.

"Schwierig in der Umsetzung"

Auch Angelika Neuner steht dem Modell gespalten gegenüber: "Es ist sicher legitim, aber schwierig in der Umsetzung." Zudem sei eine erzwungene Fluktuation in Gemeinschaftsgärten keinesfalls üblich. "Mir ist kein einziger Fall bekannt, wo das so gemacht wird", sagt Neuner. Das Problem in Wien sei prinzipiell, dass es zu wenig Grünflächen für Gemeinschaftsgärten gibt.

Oft würde es aber auch an der Genehmigung durch die Bezirksvorstehung scheitern. "Unsere Hoffnung ist, dass die Leute die rausfallen Selbstinitiative ergreifen und einen eigenen Garten gründen", sagt Neuner. (Elisabeth Mittendorfer, derStandard.at, 5.8.2013)

  • Im "Gemeinschaftsgarten Rosenberg" ist jeder herzlich willkommen. Die Nachfrage nach Beeten übersteigt aber bei Weitem das Angebot.
    foto: derstandard.at/elm

    Im "Gemeinschaftsgarten Rosenberg" ist jeder herzlich willkommen. Die Nachfrage nach Beeten übersteigt aber bei Weitem das Angebot.

  • Durch ein Fluktuationsmodell sollen auch andere Interessenten die Chance auf eine Parzelle bekommen. Den aktiven Gärtnerinnen und Gärtnern droht dadurch aber der Verlust ihres Beetes.
    foto: derstandard.at/elm

    Durch ein Fluktuationsmodell sollen auch andere Interessenten die Chance auf eine Parzelle bekommen. Den aktiven Gärtnerinnen und Gärtnern droht dadurch aber der Verlust ihres Beetes.

  • Die Gärtnerinnen und Gärtner des "Gemeinschaftsgarten Rosenberg" beim Gartentreffen.
    foto: derstandard.at/elm

    Die Gärtnerinnen und Gärtner des "Gemeinschaftsgarten Rosenberg" beim Gartentreffen.

  • 33 Gärtnerinnen und Gärtner bewirtschaften im Moment rund 150 Quadratmeter Anbaufläche.
    foto: derstandard.at/elm

    33 Gärtnerinnen und Gärtner bewirtschaften im Moment rund 150 Quadratmeter Anbaufläche.

  • Im Bild: Der Fruchthügel (vorne) und die Kräuterschnecke (hinten). Sie dürfen von allen Gärtnerinnen und Gärntnern abgeerntet werden.
    foto: derstandard.at/elm

    Im Bild: Der Fruchthügel (vorne) und die Kräuterschnecke (hinten). Sie dürfen von allen Gärtnerinnen und Gärntnern abgeerntet werden.

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