Die Ölkrise des multimedialen Theaters

29. Juli 2013, 08:20
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Die erste Hälfte von Richard Wagners "Ring" wurde vor allem dank des Dirigats von Kirill Petrenko zum Ereignis. Regisseur Frank Castorf jongliert auf multimedialer Ebene gewohnt virtuos

Bayreuth - Die Aufregung war auch schon einmal größer. Mag sein, dass sich der exzeptionelle Anspruch der Bayreuther Festspiele durch die ständige Überbietung von Schocks und Provokationen ein wenig totgelaufen hat. Mag auch sein, dass die Rundherum-Rituale so sehr zur Routine geworden sind wie die Produktion der allgegenwärtigen Wurstmassen.

Jedenfalls unterscheidet sich die Stimmung im Jahr des 200. Geburtstags des Meisters kaum von anderen Sommern. Daran ändern auch die grellen Wagner-Figuren nichts, die massenhaft über die Stadt und den Grünen Hügeln verteilt wurden. Mit beschwörend ausgestreckten Armen, doch ironischerweise in Zwergenformat.

Hoch sind die Erwartungen dessen ungeachtet geblieben, und mit gesetzter Hysterie harrte das Publikum am Beginn des neuen Rings des Nibelungen teils eines musikalischen Großereignisses, teils aber auch eines Ventils dramatischer Erregung - sei es wegen szenischer Anstößigkeiten oder sängerischer Pannen. Auf beides warten manche mit der Bereitschaft zu schlagartiger Entladung angestauten Unmuts, der jederzeit freigesetzt werden kann.

Der Star dieses Bayreuther Festspielsommers - und womöglich auch weit darüber hinaus - könnte jetzt bereits feststehen. Kirill Petrenko, ab Herbst Bayerischer Generalmusikdirektor in München, gelingt nämlich weit mehr als das Kunststück, das bunt zusammengesetzte Festspielorchester zu einem weitgehend homogenen Ganzen zu verschmelzen.

Video statt Audio

Ein derartiger Ausgleich zwischen transparenten Strukturen und glühender Dramatik dürfte seit dem legendären "Jahrhundert-Ring" von 1976 mit Pierre Boulez als Dirigent nicht mehr erreicht worden sein. Alles - und das heißt tatsächlich über die gesamten bisher sechs Stunden Spieldauer - erscheint aufs Genaueste austariert, jede Klangwirkung aus dem Motivgewebe legitimiert und niemals aufgepfropft.

Es gibt keinerlei Klangrausch, der nur um seiner selbst willen angefacht wird, stattdessen berückende Farbwirkungen voller magischer Übergänge, und das im Zusammenspiel mit schärfster motivischer Stringenz und manchmal einer energetischen Wildheit, die im Vorspiel zur Walküre beinahe Strawinsky (!) vorherahnen lässt.

Dass die Sänger mit dem Orchester bloß ausnahmsweise in Gleichklang kommen beziehungsweise so wahrgenommen werden können, hängt dabei weniger vom Dirigenten als von den Ereignissen auf der Bühne ab. Denn die Bilderflut, die Frank Castorf insbesondere im Rheingold entfesselte, machte die Konzentration aufs Zuhören mitunter sehr schwer.

Die Handlung des Rings wird bei ihm zu einer Geschichte des Erdöls, worüber das Programmheft - und nur darüber - informiert. Und so hausen die Rheintöchter (durchwachsen: Mirella Hagen, Julia Rutigliano, Okka von der Damerau) in einem "Golden Motel" an der amerikanischen Route 66, wo Alberich (grimmig und verschlagen: Martin Winkler) das Rheingold aus dem Swimmingpool herausfischt und an der Tanke in seinen schäbigen Wohnwagen verfrachtet.

Der kettenrauchende Wotan (Wolfgang Koch scheint dies ein bisschen auf die Stimme zu schlagen) ist hier eine Art Mafia-Boss inmitten überzeichneter Brutalität, die von den unvermeidlichen Videoprojektionen vergrößert und vergröbert wird. Auf der Drehbühne zeigen diese nicht nur Großaufnahmen, bevorzugt von entsetzten und toten Gesichtern, sondern auch das Geschehen im Innern oder im hinteren Bereich.

Klarer werden die Handlungsstränge dadurch nicht, zumal die verschiedenen Sphären des Personals munter durcheinanderwirbeln. Wer da wem was verkauft oder warum über wen herrschst, bildet sich daher viel zu wenig ab. Vergleichsweise übersichtlicher ist da die Walküre, die sich bei der Ölförderung in Aserbaidschan wiederfindet. Die sparsamer eingesetzten Zuspielungen bringen - in deutlich zu erkennender volksbildnerischer Absicht - sowjetische Propaganda und die Prawda.

Dort, wo sie aussetzen, wird die Szene rasch statisch, sodass vor allem Siegmund und Sieglinde in fast klassischem Rampentheater Raum für große sängerische Leistungen erhalten: Johan Botha nutzte diesen strahlend wie eh und je, Anja Kampe mit lyrischer Eleganz. Und auch Wotan bekam die Mäßigung im Zigarettenkonsum gut: Wolfgang Koch klang rund, markant, deutlich - nicht nur im Vergleich zu Brünnhilde (Catherine Foster), die immerhin nach schrillem Beginn immer kultivierter wirkte.

Trotz des vielen schwarzen Golds ist die Tetralogie bisher also kein glatter Rutscher. Bis auf die große thematische Klammer blieben zu viele ölverschmierte Fäden in der Luft hängen, um eine Deutung erkennbar werden zu lassen. Aber noch ist dieser neue Ring erst halb geschmiedet. Mag sein, dass sich noch eine Perspektive öffnet oder ein Kreis schließt. Mit der Götterdämmerung am Mittwoch wird sich das weisen.   (Daniel Ender aus Bayreuth, DER STANDARD, 29.7.2013)

  • Wo die Bilderflut in der "Walküre" aussetzt, wird Castorfs Regie schnell statisch: Raum für große sängerische Leistungen von Siegmund (Johan Botha) und Sieglinde (Anja Kampe).
    foto: bayreuther festspiele / enrico narwath

    Wo die Bilderflut in der "Walküre" aussetzt, wird Castorfs Regie schnell statisch: Raum für große sängerische Leistungen von Siegmund (Johan Botha) und Sieglinde (Anja Kampe).

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