Umkämpfte Hauptstadt der Protestwähler

28. Juli 2013, 18:38
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In keinem anderen Bundesland leben so viele Wechselwähler wie in Wien. Das macht die Hauptstadt vor allem für Oppositionsparteien interessant. SP und Grüne versuchen, sich nicht in die Quere zu kommen

Wien - Ein paar Exemplare des Modells "Regierungsshirt" gibt es noch im Shop der grünen Landespartei in der Lindengasse. Eine Neuauflage des roten Leiberls mit grünem Herz-Aufdruck ist aber nicht geplant - auch wenn gerade wieder ein Wahlkampf ins Haus steht.

Weder die kleine noch die große Wiener Koalitionspartei macht sich für Rot-Grün als wählbare Alternative im Bund stark. Nicht nur, weil man fürs österreichweite Regieren rein rechnerisch eine dritte Partei bräuchte.

Die Rathaus-Roten setzen alles daran, die Basis bei Laune zu halten. Und die Funktionäre in den Flächenbezirken sind nach wie vor von den grünen Einsprengseln im Rathaus mäßig begeistert. Ein Gutteil der Genossen ist der Ansicht, dass sich Vassilakou und Co zu sehr auf Kosten der SP profilieren und sieht - vor allem in Verkehrsfragen - die rote Kernpolitik in Gefahr.

Murrende Parteifreunde in der Hauptstadt wären für Kanzler Werner Faymann fatal. Und so umschifft der rote Dampfer das grüne Beiboot, so gut es geht. Aber auch beim Juniorpartner hat das rot-grüne Projekt an Strahlkraft verloren. "Wir unterstützen die Linie unserer Bundespartei", sagt Grünen-Gemeinderat Christoph Chorherr, "ein rot-grüner Lagerwahlkampf ist nicht geplant."

Feindbild Nummer eins

Die Rathausopposition hat hingegen kein Problem damit, Rot-Grün zu trommeln - wenn auch aus anderen Gründen. "Das wird sicher unser Hauptthema in Wien", sagt VP-Landesgeschäftsführer Alfred Hoch, "denn die Stadtregierung ist unser erklärtes Feindbild." Abgrenzen müssen sich die Schwarzen diesmal aber auch anderweitig. Denn die Neos, die sich als bürgerliche Alternative positionieren wollen, könnten die ÖVP in der Hauptstadt wertvolle Stimmen kosten (siehe auch Artikel links). In Wien hat die LIF-Nachfolgepartei laut Umfragen die besten Chancen, die Vier-Prozent-Marke zu überspringen. "Der Frust bei ÖVP-Wählern ist sehr groß", sagt die Wiener Neo-Spitzenkandidatin Beate Meinl-Reisinger.

Wien ist zwar das Bundesland mit der höchsten Bevölkerungszahl, wegen des hohen Zuwandereranteils ist die Zahl der Wahlberechtigten allerdings geringer als im benachbarten Niederösterreich. Und eine weitere Besonderheit unterscheidet die Stadt vom flachen Land: Wien gilt als Hauptstadt der Protestwähler. In keinem anderen Bundesland leben so viele Wechselwähler.

Stronach gegen Strache

Ein Umstand, der inzwischen nicht nur Rot und Schwarz zu schaffen macht. Seit Frank Stronach auf der politischen Bildfläche erschienen ist, muss auch Heinz-Christian Strache um Gefolgschaft fürchten - selbst im "zweiten blauen Kernland", wie der FPÖ-Chef seine Geburtsstadt regelmäßig nennt.

Wobei, sagt Politikberater Thomas Hofer, Stronach bisher zu einem Gutteil im Nichtwählerteich gefischt habe. Hofer: "Es wird gerade in Wien sehr spannend, wie das Match Stronach gegen Strache ausgeht."

SPÖ und ÖVP hoffen auf ein eher unspannendes Ergebnis in ihrem Sinne. Die Großparteien peilen in Wien ein ähnliches Ergebnis wie 2008 an: Oberstes Ziel der SPÖ ist laut Landesgeschäftsführer Christian Deutsch, erneut stimmenstärkste Partei zu werden. Die ÖVP will, so Deutschs schwarzes Pendant Alfred Hoch, den 16,8 Prozent vom letzten Mal zumindest nahezukommen. (Martina Stemmer, DER STANDARD, 29.7.2013)

  • Wie die Wiener wählen - bei Landes- und bei Bundeswahlen
    grafik: der standard

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