Nach dem Umsturz in Ägypten: Herbst der Muslimbrüder

Kommentar28. Juli 2013, 18:03
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Überall stoßen die Islamisten an ihre Grenzen – und die ägyptischen Muslimbrüder befinden sich auf einer Zeitreise in die Vergangenheit

Im 85. Jahr ihrer Existenz schien die Bewegung am Ziel: Die 1928 in Ismailiya von einem jungen Lehrer und einigen Mitgliedern der Suezkanalgesellschaft als antikolonialistischer sozialer und religiöser Klub gegründete Muslimbrüderschaft hatte 2012 in Ägypten alle Wahlen auf nationaler Ebene gewonnen. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte waren die Muslimbrüder nicht nur stark, sondern auch erfolgreich, und das betraf nicht nur die Mutterorganisation, sondern auch ihre Filialen in der ganzen Region.

In Tunesien war die Ennahda, die die gleichen ideologischen Wurzeln hat, ebenfalls Wahlsieger, wenn auch nicht so unangefochten wie in Ägypten; in Libyen – einem Land, das so islamisch ist, dass es keine islamistischen Parteien braucht – sind die Brüder die Zweitstärksten im Parlament; in beziehungsweise außerhalb Syriens waren die Muslimbrüder lange die durchsetzungsfähigste Gruppe in der Opposition; im Jemen, einem anderen Land des Arabischen Frühlings, gelten sie als stärkste Partei (Islah), vom Westen geadelt mit einem Friedensnobelpreis für ihr weibliches Mitglied Tawakkul Karman. Auch ein Wahlsieg 2011 in Marokko gehört auf die Erfolgsliste, selbst wenn Abdelilah Benkirane abstreitet, dass seine "Justiz- und Entwicklungspartei"  mit der Bruderschaft etwas zu tun hat.

Nach einer Konferenz, die das Carnegie Middle East Center im Mai 2012 mit all diesen Parteien veranstaltete, stellten Carnegie-Autoren ihnen das Zeugnis aus, eine "ehrlich nationale"  Agenda zu haben. Die vielgefürchtete Muslimbrüder-Internationale gebe es nicht. Die westlichen Teilnehmer hätten mehr über die einzelnen Gruppen gewusst, als diese übereinander, heißt es in einem Konferenzbericht.

Im Juli 2013 nun der große Knick: Überall stoßen die Islamisten an ihre Grenzen – und die ägyptischen Muslimbrüder befinden sich auf einer Zeitreise in die Vergangenheit. Ihr Präsident steht vor einer Anklage mit Androhung der Todesstrafe. Ein wichtiges Element ist die internationale Dimension: die Vernetzung mit der Hamas, der palästinensischen Schwesterorganisation. Die Militärs machen die Hamas für den Zusammenbruch der Sicherheit und staatlichen Ordnung auf dem Sinai verantwortlich – und Mohammed Morsi dafür, das zugelassen zu haben.

Saudi-Arabien und seine Satelliten orten die Verschwörung der Muslimbrüder auch am Golf, dort gegen die Monarchien gerichtet: Die Beseitigung Morsis hat deshalb zumindest mit Billigung Riads stattgefunden, was sich nun in Milliardenhilfe für die neuen Machthaber in Ägypten ausdrückt. Nach Morsis Sturz brach prompt auch die Muslimbrüder-Front in der syrischen Opposition zusammen: Der Weg war frei für den Saudi-Mann Ahmed Jarba, der neuer Oppositionschef wurde.

Man bedauert nicht, dass den Muslimbrüdern die Flügel gestutzt werden, ihr rasanter Aufstieg – und ihre Lust, ihre Macht zu gebrauchen – waren erschreckend. Aber Vertrauen in die Zukunft will angesichts dessen, was in den vergangenen Tagen passiert ist, auch nicht aufkommen. (DER STANDARD, 29.7.2013)

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