Graz: Goldene Steine als späte Würdigung für NS-Opfer

28. Juli 2013, 17:53
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75 Jahre nach Beginn des Nazi-Terrors in Österreich bekam Graz die ersten 18 "Stolpersteine". Insgesamt liegen mehr als 38.000 in den Gehsteigen Europas vor einstigen Häusern von NS-Opfern. In Graz zahlen das Private

Graz - "Lieber Erich! Ich setze mein vollstes Vertrauen in Dich, enttäusche mich nicht", schreibt der Grazer Josef Neuhold im Dezember 1941 aus der Haft an seinen 16-jährigen Sohn. Josef Neuhold wurde von den Nazis verhaftet, weil er gemeinsam mit anderen eine weitverzweigte kommunistische Widerstandsgruppe aufbaute. Auch Tochter Elfriede und Sohn Erich waren im Widerstand.

Josef schrieb an seinen Sohn, er solle durchhalten, damit man künftig wieder gemeinsam Weihnachten feiern könne. Und: "Vor mir im Spiegel stecken Eure Bilder, die ich tausendmal betrachte." (Zitiert aus Heimo Halbrainers: In der Gewissheit, dass Ihr den Kampf weiterführen werdet. Briefe steirischer WiderstandskämpferInnen aus Todeszelle und KZ, Clio-Verlag 2000). Man feierte nie mehr zusammen. Josef Neuhold wurde zum Tod verurteilt und starb vor der Vollstreckung an den Folgen der Folter in Haft.

Sohn Erich ist jetzt 88. Er stand am Samstag in der brütenden Hitze mit Dutzenden anderen in Graz auf der Straße, um die ersten 18 Stolpersteine zu verlegen. Die goldenen Pflastersteine mit eingravierten Namen und Daten erinnern an von den Nazis Vertriebene, Gefolterte und Getötete. Erichs Sohn, Thomas Neuhold, STANDARD-Redakteur und Initiator der Stolpersteine in Salzburg, hielt die Rede vor dem einstigen Haus des Großvaters: Er hoffe, dass die Steine in Graz, wie die 217 in Salzburg, Teil von Fremdenführungen werden.

Die Stolpersteine sind eine Idee des Künstlers Gunter Demnig, der seit 1997 schon mehr als 38.000 der Steine verlegte. In Österreich neben Salzburg und Graz auch in Wels, Wiener Neustadt und der Region Braunau. In Wien kupferte man Demnigs Idee ab und verlegte Gedenksteine ohne ihn.

In Graz initiierten die Verlegung die grüne Gemeinderätin Daniela Grabe und die Vorsitzende des Komitees für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Sabine Maurer, die 2012 gemeinsam den Verein für Gedenkkultur gründeten. Die ersten 18 Steine erinnern an alle Opfergruppen: Menschen, die durch Euthanasieprogramme getötet wurden, Widerstandskämpfer, Juden und Roma.

Beschluss aller Fraktionen

Private Paten zahlen in Graz die in Gehsteige eingelassenen Steine, die durch einen einstimmigen Gemeinderatsbeschluss möglich wurden. Tafeln direkt an den Häusern waren in vielen der Fälle nicht möglich, weil das einzelne Bewohner blockierten.

Die vielen berührenden Momente am Samstag zeigten, wie wichtig die späte Würdigung ist. Etwa als Thomas Lachs vor den allerersten beiden Grazer Stolpersteinen für seine Großeltern Melanie und Adolf Lachs, die beide im KZ ermordet wurden, sagte: "Mein Vater hat den Tod seiner Eltern nie überwunden" - und zu weinen begann. Viele taten das hinter ihren Sonnenbrillen mit ihm, während die Sängerin Rivka Saltiel sephardische Lieder anstimmte. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 29.7.2013)

  • Die zwei ersten Steine, die verlegt wurden, erinnern in der Afritschgasse/Ecke Volksgartenstraße an das Ehepaar Lachs.
    foto: der standard/schmidt

    Die zwei ersten Steine, die verlegt wurden, erinnern in der Afritschgasse/Ecke Volksgartenstraße an das Ehepaar Lachs.

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