Spanien fürchtet um einen seiner letzten Exporthits

28. Juli 2013, 19:17
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Nach dem Zugunfall bei Santiago de Compostela fürchten spanische Unternehmen Auftragseinbrüche

Das schwere Zugunglück bei Santiago de Compostela wird auch für die spanische Wirtschaft zusehends zur Belastung. Die iberischen Hochgeschwindigkeitszüge sowie Schienen- und Trassenbauunternehmen waren bisher weltweit gefragt. Doch nach dem Unfall des Alvia-Schnellzuges vergangene Woche, bei dem insgesamt 79 Menschen starben, wanken zahlreiche Großprojekte. Wie die Onlinezeitung Público berichtete, wird ein Konsortium unter Führung der spanischen Eisenbahngesellschaft Renfe kein Angebot für den Bau und Betrieb der mit etwa 12,5 Milliarden Euro veranschlagten Strecke zwischen Rio de Janeiro und São Paulo unterbreiten.

Auch chinesische Mitbewerber zogen sich nach einem Unglück im Sommer 2011 mit 40 Todesopfern aus dem Auswahlverfahren zurück. Peking ließ Technik und Trassen prüfen und verordnete, Höchstgeschwindigkeiten zu drosseln.

Anders die Spanier, die sich derzeit in Schweigen hüllen. Offizielle Stellungnahmen gab es weder vom Hersteller des Unglückszuges Talgo 250, noch von den Unternehmen, die die Sicherheitssysteme am Abschnitt Santiago-Ourense installierten, darunter Thales und Dimetronic-Siemens. "Die spanische Schienenverkehrstechnik ist die beste der Welt", behauptete dagegen der galicische Regionalpräsident Alberto Núñez Feijóo.

Vorzeigefirmen

Kein Wunder: Renfe, der Gleis- und Infrastrukturbauer Adif und Talgo dienten neben anderen Unternehmen aus der Bahnbranche als Vorzeigefirmen der konservativen Regierung unter Premierminister Mariano Rajoy - sie waren ein Teil der forcierten Imagepolitur der "Marca España".

Für Spanien, das zur Expo 1992 in Sevilla begonnen hat, das wohl ambitionierteste Hochgeschwindigkeitsnetz der Welt über die iberische Halbinsel zu spannen, war der Bahnsektor in den vergangenen Monaten ein Schlüsselelement der Krisenbewältigung. 45 Milliarden Euro hat Madrid binnen zweier Dekaden in den AVE (Alta Velocidad Española) investiert, 25 weitere Milliarden sind bis 2025 veranschlagt. Vom Knoten Madrid spannt sich das hochgeschwindigkeitstaugliche Netz über 3100 Kilometer. Nur China verfügt über ein längeres Hochgeschwindigkeits-Netz. Bei einem Kilometerpreis von bis zu 14,4 Millionen Euro war der Ausbau der Strecken lange eine Goldgrube für Bauträger wie die Alpine-Mutter FCC. Zugleich brachten miserable Auslastungszahlen auf AVE-Verbindungen abseits der Achse Madrid-Barcelona Linienbetreiber wie Renfe budgetär in die Bredouille.

18.000 Menschen beschäftigt der gesamte Eisenbahnsektor in Spanien, selbst im Vorjahr wuchsen die Umsätze um verblüffende 21 Prozent. In Saudi-Arabien errichtet ein spanisches Konsortium die Prestige-Trasse zwischen den heiligsten Städten des Islam, Mekka und Medina. Auch in Kalifornien (San Diego-Sacramento), der Türkei und Russland sind es Iberer, die meist erfolgreich Aufträge angelten. Bauteile, Lokomotiven und Technik wurden 2012 in 21 Staaten - darunter auch nach Österreich - geliefert. Sollte die Nachfrage nach den Produkten 2014 zurückgehen, könnte die prognostizierte Stabilisierung der spanischen Wirtschaft erneut in weite Ferne rücken. (Jan Marot aus Granada, DER STANDARD, 29.7.2013)

  • Rund 45 Milliarden Euro hat Spanien in den vergangenen 20 Jahren in sein Hochgeschwindigkeitsnetz investiert.
    foto: epa

    Rund 45 Milliarden Euro hat Spanien in den vergangenen 20 Jahren in sein Hochgeschwindigkeitsnetz investiert.

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