Das Geheimnis des Linksbogens

Porträt28. Juli 2013, 17:26
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Marc Girardelli, der Luxemburger aus Lustenau, ist mit fünf Gesamtweltcupsiegen immer noch einschlägiger Rekordmann. Heute veranstaltet er Ski-Events, hält Vorträge und preist medizinisches Gerät

Triesen/Wien - Während des fernmündlichen Gesprächs befindet sich Marc Girardelli (50) in Liechtenstein. Was damit zu tun hat, dass er vor zwei Jahren "dramatische gesundheitliche Probleme" hatte, keine Stiegen mehr steigen konnte, Tabletten nehmen musste, um den Schmerz halbwegs zu ertragen. Kurz gesagt, war es eine magnetische Matte, die mit Impulsen die Mikrozirkulation stimuliert, die Linderung verschaffte.

"Nach zwei Wochen hat sich der Schmerz anders angefühlt, und nach drei Monaten konnte ich wieder 50 Kniebeugen machen", erzählt Girardelli, und erzählt es in Triesen, im Hauptquartier der Firma Bemer, die Geräte für die physikalische Gefäßtherapie entwickelt und herstellt. Seit mehr als einem Jahr ist Girardelli für die Sportabteilung zuständig. Mit dem Gerät, welches er preist, versorgte er beispielsweise Marlies Schild, Christof Innerhofer oder Felix Neureuther, die wie so viele Skisportler immer wieder von Schmerzen geplagt werden.

Organisation, Bier-Export und Schreiben

Girardellis Hauptgeschäft ist das Event-Marketing. Er organisiert Skitage für Firmen wie Banken oder Versicherungen. Weil zu viel Winter auf die Dauer langweilig wird, wie er sagt, hält er, wenn er sich nicht gerade im Schnee befindet, auf Deutsch, Englisch oder Italienisch Vorträge für Firmen und Institutionen, berichtet über seine Erfahrungen im Rennsport und darüber, wie man daraus Nutzen ziehen kann in der Wirtschaft.

Girardelli hat ja allerhand ausprobiert. Beispielsweise verkaufte er Bier nach China. "Zehn Container Pilsner Urquell. Aber ich war zu klein für diesen großen Markt." Er baute mit Partnern eine Skihalle in Bottrop im Ruhrgebiet, arbeitete dort als Geschäftsführer, ehe er seine Anteile verkaufte. Die Geschäfte gingen nicht immer gut. "Wir waren eine Außenstelle des Alpentourismus. Zu den besten Zeiten haben wir 40.000 Skifahrer ausgebildet."

Girardelli schreibt gern, ist Chefredakteur des Magazins alpin aktuell, welches zweimal im Jahr mit einer Auflage von 250.000 Stück erscheint und im Sportfachhandel aufliegt. Mitunter liefert er Fachkommentare. 1999 etwa, bei der WM in Vail, gab er nicht nur den selbst schreibenden Starkolumnisten einer mittlerweile nicht mehr existenten österreichischen Boulevardzeitung, sondern redigierte auch die Texte der Redakteure.

Girardelli lebt mir seiner Frau Andrea und den gemeinsamen Kindern Iman (9) und Tamina (6) im schweizerischen Rebstein im Rheintal. Alexander (20) und Caroline (13) entsprangen einer anderen Beziehung.

Für Luxemburg

Marc Girardelli war einer der besten seines Fachs. Der Lustenauer gewann für Luxemburg 46 Weltcuprennen in allen Disziplinen, fünfmal den Gesamtweltcup, was ihm noch keiner nachgemacht hat, und 13 kleine Weltcupkugeln. Er ist vierfacher Weltmeister (dreimal in der Kombi, einmal im Slalom), holte insgesamt elf WM- und zwei Olympiamedaillen.

Dass er für Luxemburg sportelte, hatte damit zu tun, dass sich Vater Helmut Girardelli mit dem österreichischen Skiverband überwarf und mit seinem Sohn einen eigenen Weg gehen wollte. "Dass es Luxemburg wurde, war Zufall", sagt Marc, "es hätte auch Belgien oder England sein können." Vater Helmut machte den Cheftrainer, dazu kam ein Servicemann, und mitunter wurde auch noch ein anderer Trainer engagiert. "Gesundheitlich geht es meinem Vater gut", sagt Marc, "aber wir sehen uns nur noch selten. Mehr will ich nicht sagen. Wir waren über lange Jahre ein gutes Team." Ein Team, das es mit den großen Mannschaften mit ihren aufwendigen Infrastrukturen aufnahm, allen voran mit der österreichischen, der der Luxemburger so oft zeigte, wo der Bartel den Most holt.

"Ich war immer Außenseiter"

Girardelli krachte schon mit 17 in die Weltklasse. "Ich war immer Außenseiter, ich hatte kein Land, das hinter mir stand, und ich hatte nie einen Fanclub." Nur einmal, sagt er, habe er ein Transparent mit seinem Namen gesehen. Das war in Wengen, und das Transparent eine Serviette, auf die zwei Mädchen aus Oberegg in der Schweiz, wo er damals wohnte, Marc Girardelli draufgeschrieben haben. Es spornte an, Girardelli gewann den Lauberhorn-Slalom. "International kann ich aber schon mithalten, als ich aufgehört hab, hab ich Fanpost aus der ganzen Welt bekommen."

Zum Skisport gehört der Schmerz. 1983, bei einem Abfahrtssturz in Lake Louise, rissen sämtliche Bänder und einige Sehnen im linken Knie, welches um 360 Grad verdreht wurde. Seitdem ist er zu 15 Prozent invalid. "Ich habe Glück, dass ich das Bein noch habe."

Großes Glück

Ende 1990 stürzte Girardelli beim Super-G in Sestriere schwer. Ein Beckenknochen durchdrang rechts die Gesäßmuskulatur. "Ich habe Glück, dass ich nicht querschnittgelähmt bin." 1996 wurde er in der Sierra Nevada zum dritten Mal Kombi-Weltmeister, Ende des Jahres trat er zurück.

Erst Jahre später machte ihn ein Arzt darauf aufmerksam, dass er an genau dieser Stelle keine Muskeln, sondern Fettgewebe habe. "Jahrelang habe ich mir nicht erklären können, warum mein Linksbogen schlechter war als der Rechtsbogen. Jetzt weiß ich es. Ein Wunder, dass ich überhaupt noch Rennen gewinnen konnte." (Benno Zelsacher, DER STANADARD, 29.07.2013)

  • Marc Giradelli vor der Pressekonferenz bei der er seinen Rücktritt bekanntgeben sollte.
    foto: reuters/papi

    Marc Giradelli vor der Pressekonferenz bei der er seinen Rücktritt bekanntgeben sollte.

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