Musik lässt materielle Armut zu geistigem Reichtum werden

Kommentar der anderen26. Juli 2013, 19:19
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Musiklehrer, Instrumente, Orchester für alle - die Demokratisierung von Bildung und Kunst ist unabdingbar, um Gesellschaft und Staat zu verändern

Ausgewählte Auszüge aus der Eröffnungsrede zu den diesjährigen Salzburger Festspielen.

Zum Anlass der Eröffnung der Salzburger Festspiele möchte ich im Namen aller Künstler und Musiklehrenden sprechen, die mich in den vergangenen 40 Jahren begleitet haben. Die hohen Ideale, die sie geleitet haben, sind mit dem Schicksal der Kinder und Jugendlichen Lateinamerikas verbunden. Für die jüngeren Generationen erfüllt die Kunst heute mehr denn je eine Aufgabe, die über die rein schöngeistigen Werte hinausgeht. Sie umfasst immer deutlicher andere zentrale Lebensbereiche: angefangen bei der ganzheitlichen humanistischen Bildung der Persönlichkeit bis hin zu einer künstlerisch geförderten gesellschaftlichen Integration von Kindern und Jugendlichen.

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Lateinamerikas kulturelle Blüte fußt auf seiner Fähigkeit, "neue Welten" zu erschaffen. Die Welt neu zu erfinden ist ein Bedürfnis des Menschen seit seinen Ursprüngen. Unsere präkolumbianischen Vorfahren sahen das Universum als ständig im Wandel begriffen. Das geht bereits aus den Mythen der Maya hervor. Doch auch unsere modernen Schriftsteller wie Miguel Ángel Asturias, Gabriel García Márquez, Jorge Luis Borges und Arturo Uslar Pietri betrachten Amerika als eine sich ständig verändernde Welt. So ist es die Geschichte des Kontinents, aber auch das Wirken seiner Schöpfer, das Amerika dazu gebracht hat, stets nach neuen Horizonten zu suchen.

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Der Begriff von Schönheit lässt sich, objektiv betrachtet, auf bestimmte künstlerische Eigenschaften und Werte anwenden. Doch die persönliche Erfahrung von Schönheit ist etwas Unaussprechliches: eine Ahnung von der Erfüllung durch die Liebe im Akt der Kontemplation. Beim Betrachten von Schönheit als Eingebung und Ekstase strebt der Geist nach dem Werk und verwandelt es unaufhörlich, aus den Tiefen des Unbewussten und bis zu den Grenzen der Vernunft. Das Kunstwerk kann Emotionen und eine Ahnung von Erfüllung hervorrufen, sogar bei Tieren, wie etwa im Mythos des Orpheus, und auch bei Kleinkindern, die eine intensive, rätselhafte Eingebung erleben. Als könnte die Kunst, die vom Endlichen ausgeht, uns bis an die Schwelle des Unendlichen bringen. Im Menschen ist zweifellos ein Trieb angelegt, sich mit großer und geheimer Leidenschaft dem Allerhöchsten, Einzelnen und Unteilbaren zuzuwenden. Dessen göttliche Essenz fließt auf wunderbare Weise in Wahrheit, Güte und Schönheit über. Schönheit ist leuchtende Wahrheit, unendliche Güte und höchste Liebe. Schön ist die Erhabenheit des Parthenons sowie die Einfachheit; schön ist die Nike von Samothrake sowie der Frieden für die Gerechtigkeit; schön ist die Freude sowie die Freiheit, die zum Guten führt: Schön ist der Moses von Michelangelo sowie das Leben der Heiligen Teresa von Kalkutta. Die bildende Kunst verkörpert die Schönheit von Gegenständen im Raum: Die Musik dagegen ist Schönheit, die zeitlich verläuft, und eine Quelle des Unsichtbaren, das so wie Gottes Gnade in die Ewigkeit führt.

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Wenn die Erziehung die Entfaltung der menschlichen Individualität und ihre soziale Harmonisierung anstrebt, kommt in diesem Prozess der ästhetischen Bildung eine zentrale Rolle zu. Es ist ihre Aufgabe, einerseits die ursprüngliche Intensität aller Gefühle und Wahrnehmungen zu bewahren und andrerseits deren Verbindung untereinander und zur Außenwelt aufrechtzuerhalten. Gefühle sollen eine passende Ausdrucksform finden, damit auch all jene geistigen Erfahrungen verständlich gemacht werden können, die sonst ganz oder teilweise unbemerkt blieben.

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Die Trias von Schönheit, Wahrheit und Güte beschreibt den ästhetischen Zustand des individuellen und kollektiven Menschen - und verkündet gleichzeitig die ästhetische Dimension des Lebens selbst. Wenn Kinder dank eines angeborenen ästhetischen Sinns ihre Erfahrungen ordnen lernen, sollte die Erziehung diesen Sinn nachdrücklich pflegen. Bereits für Plato waren die Harmonie des Lebens und sogar die moralische Veranlagung von einem ästhetischen Sinn für Rhythmus und Wohlklang bestimmt. Beide dringen tief in die Seele ein, bemächtigen sich ihrer, und schenken dem Menschen Grazie, Besonnenheit und Würde. Dies jedoch nur, wenn die Erziehung den Weg dafür bereitet hat.

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Émile Jaques-Dalcroze hat zu Recht darauf hingewiesen, dass die Elemente, die den Rhythmus ausmachen, der Raum und die Zeit, nicht voneinander zu trennen sind. Das gilt in der Musik wie auch in einer als Kunstform verstandenen menschlichen Existenz. In der künstlerischen Erziehung hängt deswegen das beste Ergebnis weder vom Lehrsystem noch von der fachlichen Fähigkeit des Dozenten ab, sondern vor allem von der Schaffung einer Atmosphäre der Freiheit und echten Zuneigung. Hier kann das Ideal der "schönen Seele" entstehen, die sinnlichen Instinkt und moralisches Bewusstsein verbindet.

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Von einer anderen Warte aus gesehen wird Kunst, die Wiege der intuitiven Erkenntnis, vor allem als Ausdruck, insbesondere als sprachlicher Ausdruck, betrachtet. Für Gadamer verewigt sich das Kunstwerk in der Eloquenz, das heißt im sinnerfüllten Wort, und bei Benedetto Croce bilden Linguistik und Ästhetik eine unteilbare Dimension. Schiller sah in der Schönheit ein Vorbild für den zwischenmenschlichen Umgang, das gemeinsame Kulturerbe par excellence. Heute, da man mehr denn je den Dialog sucht, muss unsere Gesellschaft unbedingt eine passende Sprache finden, die Versöhnung ermöglicht und bewahrt. Ästhetik und Linguistik haben gemeinsame Grundlagen; daraus folgt, dass die Sprache der Demokratie den Anspruch erheben muss, vornehmlich eine ästhetische Sprache zu sein.

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Die Demokratisierung eines Bildungssystems, das allen Kindern Zugang zu Literatur und Kunst, zur Philosophie und zum gemeinschaftlichen Leben gewährt, ist unabdingbar, um die zivile Gesellschaft und den Staat tiefgehend zu erneuern.

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Mozarts Kunst muss heute mehr denn je Kinder und Jugendliche zu einer neuen Gesellschaft inspirieren, die wir uns wie ein wundervolles und strahlendes Orchester vorstellen und wie ein solches entwerfen und aufbauen müssen. Vor diesem Hintergrund ist für das weltweit agierende 'Sistema' der Jugend- und Kinderorchester von Venezuela nicht die künstlerische Ebene vorrangig. Vielmehr zählen der globale Kontext sowie die zukunftsträchtige Einbeziehung der Kinder und Jugendlichen in soziales Engagement und Integration, Förderung und Entfaltung durch die Kunst.

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Chor und Orchester bilden eine Gemeinschaft, die sich ständig aufeinander abstimmt: Mehr noch als eine künstlerische Einrichtung sind sie ein Vorbild, ein Spiegel und eine unübertreffliche Schule des gesellschaftlichen Lebens.

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Je nach ihren persönlichen Begabungen fördern die Aktivitäten von Orchestern und Chören bei Kindern und Jugendlichen einen solidarischen Gemeinschaftssinn. Sie erhöhen ihr Selbstwertgefühl und festigen ethische und ästhetische Werte, die die Beschäftigung mit Musik mit sich bringt. Eine aktuelle Studie, die die soziale Bedeutung des venezolanischen 'Sistema' der Kinder- und Jugendorchester untersuchte, beschreibt dessen Präsenz im gesamten öffentlichen Raum: auf Plätzen, in Theatern, Schulen, Kirchen und Parkanlagen konnte man die schöpferischen Höhepunkte der Kinder- und Jugendorchester verfolgen. Die hohe Kunst der Musik ist kein sozialer Luxus mehr. Die materielle Armut wird durch geistigen Reichtum überwunden, der dank der Musik entsteht.

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Lasst uns zur Kunst finden, nicht mehr nur in Museen und Konzerthallen, sondern bei den Menschen und im Alltag, gegen die Verlockungen der Freizeit, gegen Drogen und Gewalt.

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In Schillers Gedanken über die Schönheit wird ein Begriff von legitimer Freiheit entworfen: eine nie endende Befreiung von Ketten, in denen Notwendigkeit und unstillbarer Wille verflochten sind. Jener Wille, den bei Schopenhauer nur Liebe und Katharsis des Mitleids überwinden können, die Fundamente der Ethik.

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In dem Maße, wie wir Erzieher mit noch leidenschaftlicher Überzeugung an die immensen Möglichkeiten einer Kunst glauben, die nicht mehr ein anachronistisches Bollwerk von Pseudoeliten ist, sondern Schwelle hin zu einer neuen Welt, Tor zu einem Neuen Himmel, werden wir endlich den Teufelskreis der Armut durchbrechen können. Hier ist endlich ein engagiertes Konzept, das Erziehung und Kultur nicht getrennt sieht, sondern zusammenbringt.

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Die Musik Mozarts birgt eine unsagbare kosmische Kraft, die imstande ist, große Gegensätze zu versöhnen: Sensibilität und Intellekt, Form und Inhalt, Kampf und Glaube, Schmerz und Hoffnung, Hölle und Firmament, Apokalypse und Apotheose.

Die Hand Mozarts führt unsere Kinder und Jugendliche. Selbst jene, die aus ärmlichsten Verhältnissen kommen, haben geistigen Reichtum erworben. Sie haben, verschanzt in ihren Chören und Orchestergräben, gekämpft und gesungen und sind heute imstande, sich mit ihrem Selbstbewusstseins und künstlerischen Engagement der Welt zu bemächtigen. Ihr Leben ist immer mehr von Liebe und Sinn erfüllt.

Mögen die Salzburger Festspiele sie auf ewig begleiten in dieser so wunderbaren Unternehmung. Davon hängt die Güte und Würde aller Zukunft ab, sowie die Möglichkeit, der künstlerischen Herausforderung - als höchster Kunst des Lebens - auf freie und würdige Weise gerecht zu werden. (José Antonio Abreu, DER STANDARD, 27./28.7.2013)

José Antonio Abreu (74) ist venezolanischer Komponist, Ökonom, Politiker, Erzieher und Gründer des Jugendsymphonieorchesters Simón Bolívar. Auf seine Initiative geht ein System von Jugend- und Kinderorchestern (El Sistema) in Venezuela zurück.

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    Pauken in den Slums von Caracas: José Antonio Abreu (unten) bietet mit seinem System von Musikschulen (El Sistema) Kindern eine sichere und gewaltfreie Umgebung in Venezuela.

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