Oh du schöner Pop!

26. Juli 2013, 18:47
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Alles bleibt besser: Das Wiener Popfest auf dem Karlsplatz entwickelt sich langsam zum Taktgeber der Stadt. In der vierten Ausgabe stimmt neben der Atmosphäre und dem Andrang vor allem eines: die Musik

Wien - Wenn diese Stadt eine Hymne braucht, Anna Müller singt sie uns. In weißer Bluse steht sie fast schüchtern zurückhaltend auf der Bühne im Ententeich, die auf dem Karlsplatz Seebühne genannt wird. Frau Müller säuselt dann charmant ins Mikrofon: "Always like this." Stimmig umreißt sie damit eine wundervolle Atmosphäre. Sie und ihre Stimme zwischen den beiden Beatboys an Schlagzeug und Synthesizer - die Band nennt sich passenderweise Her Voice over Boys (HVOB).

Es war befürchtet worden, dass mit der Ernennung des Techno-Produzenten Patrick Pulsinger zum neuen Kurator des Wiener Popfest die Veranstaltung allzu sehr Schlagseite zum Elektronischen bekommen werde. Tatsächlich befüllen HVOB den Soundpark Karlsplatz zum Ausklang der Freilufteröffnung am Donnerstag mit einem einwandfreien Club-Beat, der sich aber dem Puls des urbanen Lebensgefühls unglaublich nähert. Vor der Bühne wippt sich eine Menschenmenge in den Takt, dahinter tanzt man durch das Wasser oder sitzt auf den überfüllten Stiegen der Karlskirche, an deren Säulen helle Visuals das Treiben illustrieren.

Glück steht in den Gesichtern von Besuchern, Touristen und Passanten. Ein älterer Mann hält seine Sandalen in der Hand, lächelt und fragt so vor sich hin: "Ist das etwa Pop?" Tatsächlich weitet das diesjährige Popfest den Begriff der Popmusik etwas aus. Wenn etwa Wiener Reimmusik von Müßiggang oder improvisierte Jazzmelodien von König Leopold kombiniert werden.

Pop ist, was alle angeht

Neokurator Pulsinger hat sich aber eindringlich mit seinem Auftrag, die Worthülse Pop inhaltlich zu füllen, auseinandergesetzt: "Pop ist ein dehnbarer Begriff!", sagte er nonchalant. Nun steht Pulsinger auf der Bühne, Endure Freedom ist auf seinem T-Shirt zu lesen, "zwanglose Autonomie dem österreichischen Musikschaffen!", soll das wohl fordern. Dass er dann der Menge zuruft, "ihr zeigt, dass österreichischer Pop mehrheitsfähig ist!", entbehrt nicht einer gewissen Ironie, schließlich sollte das Populäre immer das umfassen, was alle angeht. Ein Popfest ohne Besucher (20.000 sind es an diesem Eröffnungsabend) wäre keines.

Eine Alternative zum Mainstream will das Fest bieten, aufzeigen, wie viel Kreativpotenzial in der heimischen Musikszene steckt. Das gelingt, nicht nur auf der Hauptbühne, aber dort am Eindrucksvollsten.

Die melodiösen, etwas zu braven Steaming Satellites und vor allem das nimmermüde Beatbox-Quintett von Bauchklang zeigen, dass sich das heimische Musizieren internationalisiert und vom Austro-Pop emanzipiert hat. Und das ist gut so. Auf dem Karlsplatz fragt man sich eigentlich nur, warum die Bühne nicht gleich in die Mitte des Teichs gewandert ist, um die lohnenswerte Soundkulisse auszudehnen. So gleicht der Klang auf der Rückseite der Bühne eher einem vom Beat überforderten Billigkopfhörer. Ein Auftrag für künftige Verantwortliche. Pulsinger wird im nächsten Jahr nämlich schon wieder abgelöst. Die Kuratoren sollen von nun an jedes Jahr wechseln.

Always like this

Wenn schließlich die Musik vom Platz gewichen ist, die leere Bühne verloren wirkt und sich die Menschen in die U-Bahn oder eine der drei weiteren Locations (brut, TU und Wien Museum) bewegen, bleibt etwas von der Atmosphäre zurück. Anna Müller und ihr Always like this liegt dabei noch im Ohr. Wäre Wien doch immer so, denkt mancher. Dass der Song von den Briten Bombay Bicycle Club entlehnt ist, stört nur absolute Austro-Puristen. Vielmehr unterstreicht es den internationalen Anschluss, den die hiesige Popszene und die Stadt Wien gleichermaßen zu finden strebt. London als Referenzkultur ist dabei ja nicht die schlechteste Wahl. (Simon Weyer, DER STANDARD, 27./28.7.2013)

  • HVOB, Her Voice over Boys, sorgen bei der Eröffnung des Popfests für urbanes Flair.
    foto: simon brugner / theyshootmusic.com

    HVOB, Her Voice over Boys, sorgen bei der Eröffnung des Popfests für urbanes Flair.

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