"Grenzen zu Syrien müssen offen bleiben"

26. Juli 2013, 18:25
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Der Libanon mit seinen 4,5 Millionen Einwohnern bleibt erster Zufluchtsort für Syrer. Salyne El Samarany von Teach for Lebanon beschreibt die Schwierigkeiten, tausenden Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen

STANDARD: Seit Ausbruch des Bürgerkriegs im benachbarten Syrien sind laut Schätzung der Uno bis zu 1,5 Millionen Menschen in den Libanon geflohen, die Hälfte von ihnen ist unter 18 Jahren. Gibt es überhaupt Möglichkeiten, sie in das Schulsystem einzugliedern?

El Samarany: Wir versuchen das, aber es ist wie eine offene Wunde zu verarzten, es fehlt an langfristiger Planung. Viele der Kinder tun sich sehr schwer, die meisten wurden in einem komplett anderen Lehrplan unterrichtet und können dem Unterricht im Libanon nur schwer folgen. Zum Beispiel werden Naturwissenschaften in Syrien meist auf Arabisch unterrichtet, bei uns aber auf Englisch. Das zweite Problem sind die Kosten für das Schulgeld und die Unterlagen. Sie dürfen öffentliche Schulen besuchen, allerdings ist die Qualität des öffentlichen Schulsystems im Libanon sehr schlecht.

STANDARD: Wie sieht es damit aus?

El Samarany: Vor allem am Land ist das ein Riesenproblem: In den Klassen werden alle Altersstufen zusammengefasst, oft gibt es nicht einmal Schreibtische. Das Durchschnittsalter der Lehrer ist 58, junge kommen kaum nach, weil das Gehalt von umgerechnet 400 oder 500 US-Dollar nicht zum Leben reicht.

STANDARD: Findet Ihre Organisation überhaupt engagierte junge Leute, die für zwei Jahre unterrichten? Und dann ausgerechnet in sozial besonders konfliktbeladenen Regionen?

El Samarany: Im kommenden Jahr haben wir 24 Fellows an 13 Schulen, das ist gut. Wir zahlen 1000 US-Dollar im Monat, die Differenz stocken wir mit Spenden auf. Das meiste Geld kommt von Libanesen aus dem Ausland. Die Fellows unterrichten viele Kinder zusätzlich am Nachmittag und geben Nachhilfe. Unser Ziel ist es, die Bildungschancen vom Einkommen der Eltern zu entkoppeln.

STANDARD: Warum gibt es im Libanon keine Schulpflicht?

El Samarany: Ich weiß es nicht, die Analphabetenquote liegt bei erschreckenden 14 Prozent. Jedes zweite Kind verlässt mit 14 Jahren die Schule. Es gibt kaum öffentliche Gelder für Bildung. Deswegen sind 50 Prozent der Schulen in privater Hand, das Schulgeld liegt zwischen 2000 und 15.000 US-Dollar. Das kann sich ein Großteil der Libanesen nicht leisten, ganz zu schweigen von tausenden Familien aus Syrien, die alles zurücklassen mussten.

STANDARD: Wie beeinträchtigt der Syrienkrieg das Leben im Libanon?

El Samarany: Enorm, wir sind ein kleines Land. Viele der Kinder haben Schreckliches erlebt und sind traumatisiert, zudem werden sie nicht selten gemobbt. Wir haben keine langfristige Strategie. Aber die Grenzen müssen offen bleiben, alles andere wäre inhuman.

STANDARD: Wie ist die Situation der rund 450.000 palästinensischen Flüchtlinge, die zum Teil seit Jahren in Camps im Libanon leben?

El Samarany: In den Camps gibt es oft eigene Schulen, die aber sehr schlecht ausgestattet sind. Ab 2014 starten wir ein Projekt an zwei Schulen, an denen wir palästinensische Kinder unterrichten. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 27./28.7.2013)


Salyne EL Samarany (30) ist Programmleiterin von Teach for Lebanon. Die Organisation, die 2008 gegründet wurde, ist eines von 23 Mitgliedern im globalen Verband von Teach For All. Ziel der Initiative ist es, die Bildungschancen von sozial und finanziell benachteiligten Schülern zu verbessern. Dafür werden Absolventen, die nicht auf Lehramt studieren, vorbereitet, um für zwei Jahre an sogenannten Brennpunktschulen zu unterrichten. 

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