Semmeringbasistunnel höhlt Weltkulturerbe aus

26. Juli 2013, 17:47
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Eine Klage legt offen, wie flexibel die Republik Österreich im Umgang mit dem Welterbe Semmering verfährt

Semmering – Das Schreiben ist unauffällig und ging am 12. Juni 2013 beim Verwaltungsgerichtshof ein. Auf schlanken zweieinhalb Seiten legt das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur dar, warum das Höchstgericht die Einsprüche gegen die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) für den Bau des Semmeringbasistunnels und das teilkonzentrierte Genehmigungsverfahren des Landes Niederösterreich abweisen möge.

Kulturlandschaft schutzwürdig

Der Argumentation der Abteilung Denkmalschutz folgend, wäre eine Ablehnung Formsache, weil "nur die Semmeringbahn denkmalgeschützt ist", nicht aber die umgebende Landschaft. Daher gehe der Rekurs der Umwelt- und Landschaftsschutzorganisationen Alliance for Nature (AFN) ins Leere.

Auf Österreichs Umgang mit dem Unesco-Welterbe wirft dieser amtliche Standpunkt ein grelles Schlaglicht. Sind Welterbestätten, wie sie auf der Unesco-Welterbeliste eingetragen sind, doch per se schutzwürdig. Im Fall der von Carl Ritter von Ghega vor 165 Jahren erbauten Scheitelstrecke über den Semmering befand die UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur (Unesco) nicht nur die Ingenieurleistung der Gebirgsbahn zwischen Gloggnitz und Mürzzuschlag mit ihren Doppelstock-Viadukten für schutzwürdig, sondern auch die um die Bahn entstandene Kulturlandschaft mit Villen, Hotels, Tourismus, Landschaft.

Opportuner Schwenk

Zumindest war das bis vor wenigen Jahren so. Sowohl in von der Unesco autorisierten Dokumenten und Büchern als auch Info- und Unterrichtsmaterial des Ministeriums in Wien war stets die "Semmeringbahn mit umgebender Landschaft" als Welterbe ausgewiesen – obwohl der Antrag Österreichs auf Aufnahme in die World Heritage List Interpretationsspielraum eröffnet: Damals, 1995, am Höhepunkt des innerösterreichischen Streits um den Semmeringtunnel, nominierte die Alpenrepublik die "The Semmering Railway (Semmeringbahn) – Cultural Site."

Den Spielraum könnte man auch als Hintertür sehen, die sich Österreich für einen weiteren Anlauf zur Durchbohrung des Semmerings offenließ. Der wurde 2005 unternommen, derzeit laufen Umwelt- und Wasserrechtsverfahren für die Tunnelvariante Pfaffensattel. Und siehe da: Nun legt neben dem Ministerium auch die österreichische Unesco-Kommission Wert darauf, dass 1998 in Kioto nicht die Kulturlandschaft zum Unesco-Welterbe geworden sei, sondern lediglich die Ghega-Bahn – "als Kulturstätte".

"Bei der Entscheidung zur Aufnahme wurde der Argumentation gefolgt, dass der (...) außerordentliche universelle Wert durch die Eisenbahnstrecke gebildet wird und die umgebende Landschaft eine Referenz auf die Bedeutung der Bahn darstellt", teilt die Generalsekretärin der österreichischen Unesco-Kommission, Gabriele Eschig auf Standard-Anfrage mit.

Pufferzone

Als glücklicher Zufall erweist sich nun auch, dass das einst unter Schutz gestellte 8861,66 Hektar große Territorium rund um die Ghega-Bahn nicht spezifiziert wurde. Zwar verlangt die Unesco von ihren Mitgliedern Pläne und Maßnahmen für Erhaltung und Entwicklung, Österreich kam dem aber zehn Jahre lang nicht nach. Als es 2008 ernst wurde mit dem zweiten Tunnelbau, ließen die im Verein Freunde der Semmeringbahn versammelten Anrainergemeinden von Gloggnitz bis Mürzzuschlag einen solchen Managementplan erstellen. Seither ist das Gebiet zerteilt: "Kernzone" ist die Ghega-Bahn mit schlanken 156 Hektar Fläche, der große Rest ist "Pufferzone", die teilweise untertunnelt werden soll.

Österreichs Unesco-Kommission sah das übrigens noch 2009 differenziert: Im Handbuch zur Umsetzung der Welterbekonvention in Deutschland, Luxemburg, Österreich und der Schweiz ("Welterbe-Manual") schrieb Eschig: "Pufferzonen wurden früher noch nicht als ein Bereich betrachtet, aus welchem dem Welterbe Gefährdungen erwachsen könnten." (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, 27.7.2013)

  • Mit Feuer, Pomp und Trara wurde 1998 vor der "Kalten Rinne" an der Semmeringbahn die Aufnahme in die Welterbeliste der Unesco gefeiert.
    foto: alliance for nature/schuhböck

    Mit Feuer, Pomp und Trara wurde 1998 vor der "Kalten Rinne" an der Semmeringbahn die Aufnahme in die Welterbeliste der Unesco gefeiert.

  • Beim Spatenstich 2012 dabei. ÖBB-Chef Christian Kern (zweiter von links), Steiermarks Landeshauptmann Franz Voves, Verkehrsministerin Doris Bures, Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll und EU-Vertreterin Desirée Oen. Ganz links protestiert ein Aktivist gegen den Tunnel, was man den Politikern kaum anmerkt.
    foto: apa/hochmuth

    Beim Spatenstich 2012 dabei. ÖBB-Chef Christian Kern (zweiter von links), Steiermarks Landeshauptmann Franz Voves, Verkehrsministerin Doris Bures, Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll und EU-Vertreterin Desirée Oen. Ganz links protestiert ein Aktivist gegen den Tunnel, was man den Politikern kaum anmerkt.

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