Treffen mit Gavrilo Princip in Sarajevo

26. Juli 2013, 18:37
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Vor 99 Jahren erklärte Österreich Serbien den Krieg, nachdem Gavrilo Princip Franz Ferdinand erschossen hatte: Ein Besuch beim Nachfahren

"Als ich geboren wurde, müssen alle ziemlich betrunken gewesen sein", erzählt Gavrilo Princip. Zehn oder fünfzehn Männer sollen damals, an diesem 2. Mai 1952, zusammengesessen sein, als sein Vater, Marko Princip, beschloss, dem Sohn den berühmten Namen zu geben. Damals hatten Marko und Dragica bereits vier Jahre auf ein Kind gewartet. Marko war bereits 45, und als Dragica schwanger wurde, war das tatsächlich ein Grund zu feiern. "Die Idee war, mich, als Vertreter der dritten Generation, wieder Gavrilo Princip zu nennen", erzählt der 61-jährige Gavrilo Princip der Dritte. Der Mann mit den hellen Augen und dem freundlichen Lächeln sitzt in seinem Motel "M3" unweit des Flughafens von Sarajevo.

1952 war das Jahr, in dem auf einem Kongress in Zagreb die Partei zum "Bund der Kommunisten Jugoslawiens" umbenannt wurde, der Autor Miroslav Krleza ein Referat über das "Ende des Realsozialismus" hielt, 300 jugoslawische Dinar einen Dollar wert waren und der erste Kinderfilm in Jugoslawien produziert wurde. Es war das Jahr, in dem ein Belgrader Magazin gegen die "animalischen Einflüsse" der Jazzmusik wetterte, der Stephansdom in Wien wieder eingeweiht wurde und Winston Churchill bekanntgab, dass Großbritannien eine Atombombe produziere. Und es war das Jahr, in dem in einem Krankenhaus in Sarajevo der kleine Gavrilo, zu Deutsch Gabriel, zur Welt kam.

Heimlich vorbereitet

Seine Eltern hatten sich in jenem Haus in Hadzici, einem Vorort von Sarajevo, kennengelernt, in dem auch der Attentäter Gavrilo Princip einen Teil seiner Jugend verbracht hatte und heute das Gemeindeamt untergebracht ist. "Das Haus in Hadzici war ein Familientreffpunkt", erzählt Gavrilo Princip, den hier alle "Bato" nennen. Die Familie Princip stammt eigentlich aus dem Dorf Obljaj, einem Ortsteil von Bosansko Grahovo, ganz nahe an der kroatischen Grenze im Westen des Landes. "Früher gab es nur dort den Familiennamen Princip", erzählt die 92-jährige Dragica Princip, Mutter von Gavrilo dem Dritten. "Obljaj, das war das Epizentrum der Familie", sagt auch ihr Sohn. Die Princips seien keine vermögende Familie gewesen, dennoch habe man ganz gut in Obljaj gelebt, erzählt Frau Princip. Es gab drei Söhne: Jovo, Nikola und eben Gavrilo, den späteren Attentäter. Der älteste Bruder Jovo verließ Obljaj und baute Anfang des vergangenen Jahrhunderts in Hadzici ein Sägewerk und ein Holzexportunternehmen auf. Er belieferte den heimischen Markt und exportierte bis nach Italien. Jovo Princip wurde zum Patriarchen der Familie, der für die anderen sorgte, und so kam auch der jüngste Bruder, Gavrilo, zu ihm nach Hadzici. "Der war ein Dorfkind, aber von Natur aus sehr intelligent und ein Streber", erzählt Dragica Princip über Gavrilo Princip den Ersten, "er hatte viele Ambitionen."

Sägewerk des Bruders

Als 1918 der Cousin der Princip-Brüder, Stojan, und dessen Frau an der Spanischen Grippe verstarben und drei Kinder hinterließen, nahm Jovo eines der Kinder auf: Marko. Onkel Jovo erzog Marko wie seinen eigenen Sohn. "Er hat meinem Vater eine Ausbildung ermöglicht, und als er fertig studiert hatte, durfte er sein Geschäft übernehmen", erzählt Gavrilo der Dritte. Jovo selbst hatte einen seiner Söhne nach seinem verstorbenen Bruder Gavrilo genannt. Doch dieser verstarb im Zweiten Weltkrieg. "Er wollte nach Serbien fliehen", erzählt Gavrilo der Dritte. "Keine weiß, wo seine Überreste sind. Er hat kein Grab."

Marko Princip entschloss sich auch als Ehrerweisung gegenüber dem Onkel, der so gut für ihn gesorgt hatte, seinem Sohn den Namen von dessen verstorbenem Bruder und verstorbenem Onkel zu geben. Onkel Jovo selbst wollte nicht über seinen Bruder Gavrilo sprechen. "Sein Leben war ja so früh zu Ende gegangen", erklärt Gavrilo Princip der Dritte. Gavrilo Princip starb am 28. April 1918 im Gefängnis in Theresienstadt im heutigen Tschechien an Tuberkulose. Weil er minderjährig war, war er nicht zum Tode, sondern zu zwanzigjähriger Haft verurteilt worden. Hätte er ein paar Monate länger gelebt, wäre er wahrscheinlich als Held ins Königreich Jugoslawien zurückgekehrt.

"Keiner aus der Familie hat ihn mehr gesehen. Es durften auch keine Briefe geschrieben werden. Er ist unter sehr schwierigen Verhältnissen gestorben", sagt Dragica Princip. In der Familie erzählt man sich, dass sich nur ein Wärter in Theresienstadt erinnern konnte, wo der Attentäter begraben worden war, und dieser die menschlichen Überreste später ausfindig machte. Diese sollen dann auf den Friedhof Kosevo nach Sarajevo gebracht worden sein. Heute befindet sich dort an einer Kapelle eine Gedenkschrift für Gavrilo Princip und die anderen Mitglieder der Organisation Mlada Bosna, Junges Bosnien.

Mlada Bosna hatte das Ziel, Bosnien-Herzegowina von der österreichisch-ungarischen Besatzung zu befreien. Die jungen Männer wollten einen Zusammenschluss der südslawischen Provinzen, sie forderten mehr Bildungsmöglichkeiten für die Armen und politische und ökonomische Partizipation in der österreichischen Quasi-Kolonie Bosnien-Herzegowina.

Nachdem Jovo seinen Bruder Gavrilo nach Hadzici geholt hatte, kam dieser mit Mitgliedern von Mlada Bosna in Kontakt. Von den Attentatsplänen hätten Jovo und die Familie aber nichts gewusst, erzählt Dragica Princip. "Das war ja sehr heimlich vorbereitet", erklärt sie. "Gavrilo kam damals auch im Geheimen ein paar Tage vor dem Attentat von Belgrad nach Sarajevo zurück. Er hatte sich bei Freunden versteckt." Gleich nach dem Attentat wurde Bruder Jovo verhaftet. "Die ganze Familie war unter enormem Stress und Druck", so Dragica Princip.

Verwandte verhaftet

Zeljko Przulj, ein Bekannter von Gavrilo Princip dem Dritten, hat ein Buch über die Attentäter geschrieben, für das er noch keinen Verlag gefunden hat. Er erzählt, dass viele Familienmitglieder der Attentäter damals von den österreichischen Behörden inhaftiert wurden. Die Brüder von Gavrilo, Jovo und Nikola, seien einige Zeit in einem Lager in Arad im heutigen Rumänien gewesen.

Nach dem Ersten Weltkrieg galten die Attentäter von Sarajevo im Königreich Jugoslawien bereits als Helden. Im Zweiten Weltkrieg bedeutete der Name wiederum Gefahr. Der mittlere der drei Princip-Brüder, Nikola, ein Arzt, "wurde 1941 von den Ustascha erschossen, bloß weil er den Namen Princip trug", erzählt Dragica Princip. Im sozialistischen Jugoslawien wurde dann aber ein regelrechter Princip-Kult aufgebaut. "Gavrilo Princip war sehr beliebt, und die ganze Familie war stolz auf den Attentäter und seine Tat", erzählt Frau Princip. Der Name Princip habe Türen geöffnet. "Da gab es schon Privilegien für die Familienmitglieder." "Mein Sohn hatte allerdings keine Vorteile, aber auch keine Nachteile mit dem Namen", sagt die Frau, die im ostbosnischen Bratunac neben einem Holzherd und vor einer Schüssel mit Brombeeren sitzt.

Ihr Sohn sieht das ähnlich. "Die Leute haben immer gelacht, wenn sie meinen Namen gehört haben." Auch deshalb, weil er selten sei. Natürlich hätten in der Schule alle gewusst, dass er mit dem Attentäter verwandt sei. "Manche haben mich nach ihm gefragt." Am Anfang seien alle meist überrascht gewesen, doch dann sei es normal gewesen, dass er so heiße.

Früher sei er immer am Sankt-Veits-Tag, dem 28. Juni, also an dem Tag, an dem sein Großonkel Gavrilo Princip, Franz Ferdinand im Jahr 1914 erschossen hatte, zur orthodoxen Kirche ins Zentrum Sarajevos gefahren. "Dort haben wir dann Blumen hingelegt, um an das Attentat zu erinnern." Heute mache das aber keiner mehr. Nur sein Freund Przulj geht am 28. April zu Princips Grab in Kosevo. "Es weiß ja niemand, dass das Princips Todestag ist", schmunzelt Przulj.

Przulj würde gern anlässlich des Gedenkjahres 2014 eine Statue für Gavrilo Princip errichten. Er begrüßt, dass der serbische Präsident Tomislav Nikolic dies angeblich vorhat. Und er ärgert sich, dass es Leute gibt, die in Sarajevo wieder ein Denkmal für Franz Ferdinand und Sophie aufstellen wollen. "Die Muslime und die Kroaten wollen heute die Geschichte ändern", sagt auch Princip. Tatsächlich ist Bosnien-Herzegowina heute, auch was die Beurteilung vieler historischer Ereignisse betrifft, geteilt.

Gestritten wird nicht nur über den letzten Krieg von 1992 bis 1995, sondern auch über den Zweiten und den Ersten Weltkrieg. Und die Ereignisse des letzten Kriegs werden mit dem Ersten Weltkrieg in Verbindung gebracht. So sind im serbisch dominierten Landesteil, in der Republika Srpska, einige Straßen nach Princip benannt: Banja Luka, Bijeljina, Pale, Bosanska Gradiska, Teslic und Derventa. Nicht jedoch in der Föderation, dem von Bosniaken und Kroaten dominierten Landesteil. Diese distanzieren sich von dem jugoslawischen Helden. Das Attentat-Museum in Sarajevo heroisiert Princip gar nicht.

Als serbischer Held stilisiert

Von anderen wird mit Gavrilo Princip aber Politik gemacht. Insbesondere vor dem Gedenkjahr 2014. Bereits im Vorjahr hat der Präsident der Republika Srpska, Milorad Dodik, etwa in der von Regisseur Emir Kusturica erdachten Filmstadt Andricgrad - benannt nach Ivo Andric, der auch mit Gavrilo Princip in Kontakt stand - eine Straße nach dem Attentäter benennen lassen. Die Filmstadt in Visegrad soll zum Sankt-Veits-Tag 2014, also dem Tag des Attentats, fertig gebaut sein.

Princip wird in diesen Tagen also als serbischer Held neu stilisiert. Die gemeinsame Geschichte des Widerstands von Bosniaken und Serben gegen die österreichisch-ungarische Okkupation ist nicht Teil dieses Narrativs. "Hundert Jahre erzählt man nun von ihm als Held, und jetzt auf einmal soll er ein Terrorist gewesen sein?", fragt sich Dragica Princip. "Früher haben die Muslime ihn auch gefeiert. Doch seit dem letzten Krieg ist alles anders", meint sie. "Ich bin jedenfalls absolut stolz, dass mein Sohn Gavrilo heißt", sagt Frau Princip. In ihrer neuen Heimat Bratunac, wo tausende Serben nach dem Kriegsende 1995 hinzogen, erweise man der Familie Princip Ehre. "Wir verlangen aber auch nichts Großartiges."

Ihr Sohn, Gavrilo Princip der Dritte, ist ohnehin ein bescheidener Mensch, obwohl er eine Tankstelle und ein Motel besitzt, in das ausgerechnet viele Österreicher kommen. Er und sein Freund Przulj rätseln aber manchmal, warum es wirklich zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs gekommen ist und welche Rolle Gavrilo Princip der Erste wirklich spielte. Im Grunde aber findet Gavrilo Princip aus Ostsarajevo, dass der Erste Weltkrieg nur schrecklich war, weil so viele Menschen zu Tode kamen. "Das war für gar nichts. So wie jeder Krieg einfach für gar nichts gut ist", sagt der Mann, der am liebsten nur "Bato" genannt werden möchte. (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, 27.7.2013)

  • Gavrilo Princip, genannt "Bato", lebt in Ostsarajevo.
    foto: adelheid wölfl

    Gavrilo Princip, genannt "Bato", lebt in Ostsarajevo.

  • Mit dieser Waffe, die im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien aufbewahrt wird, soll Gavrilo Princip am 28. Juni 1914 in Sarajevo Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Frau Sophie erschossen haben.
    foto: roland schlager

    Mit dieser Waffe, die im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien aufbewahrt wird, soll Gavrilo Princip am 28. Juni 1914 in Sarajevo Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Frau Sophie erschossen haben.

  • Kein Kontakt mehr zur Familie: Gavrilo Princip aus Obljaj.
    foto: reuters

    Kein Kontakt mehr zur Familie: Gavrilo Princip aus Obljaj.

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