Kriegsstillstand in Korea

28. Juli 2013, 08:35
89 Postings

Seit 60 Jahren ruhen die Waffen auf der koreanischen Halbinsel. Der Norden begeht fürchterliche Gräuel an seiner Bevölkerung, der Süden würde den Konflikt am liebsten vergessen.

Wenn die Nacht anbricht, wird es taghell in Gangnam. Millionenfach leuchten Reklametafeln auf. Samsung, Suppenküchen, Starbuck's und Cocktailclubs - alles funkelt, flackert, flimmert. Junge Damen tragen ihre Sommerkleidchen spazieren, die Burschen führen polierte BMWs und Audis vor. "Heeeey, sexy lady!", grölt PSY aus den Bars. Der Drumcomputer drischt Beats unter das Bürovolk, das seine Tagschicht vergessen mag. "Hey! Ja, du! Lass uns bis zum Ende gehen! Op op oppan Gangnam Style, Gangnam Style!"

Korea-Pop. Die "Koreanische Welle" rollt über ihr Epizentrum Gangnam, den schicksten aller Stadtteile Seouls. Ausgelassen und lebenslustig, wohlhabend und gleißend modern. So sehen sich die Südkoreaner gern. Der Krieg, der ist weit entfernt. Die seltsamen Cousins im Norden mit all ihren Raketen und Atomsprengsätzen passen nicht zur Abendgestaltung. Wer immer hier nach dem Konflikt und den jüngsten, krachenden Drohungen fragt, bekommt ein gelangweiltes "interessiert mich nicht" oder "kein Grund zur Besorgnis" zu hören - "Gangnam Style, Gangnam Style!"

Wir machen uns keine Sorgen, es klingt wie eine emsig eingeübte Universalsprachregelung für ganz Seoul. Auch Zeon Nam-jin, der Vizepräsident der Korea Foundation, sagt das mit Blick auf die Korea-Krise im Frühjahr und das wüste Kriegsgetrommel von Nachwuchsdiktator Kim Jong-un: "Sie versuchen uns zu bedrohen, aber unser Militär ist stark. Und die Koreaner beschäftigen sich sowieso nicht damit, es gab keine Hamsterkäufe von Nahrung oder Wasser." Dann schwenkt er auf die südkoreanische Erfolgsgeschichte um. Eine Geschichte, die sich bei ihm in Automodellen widerspiegelt.

Erfolg im Hyundai

Mitte der 1980er-Jahre sei er als Diplomat in Nigeria auf Posten gewesen mit einem Hyundai Pony, bei dem mitunter die Türgriffe abfielen. Dann kam ein Hyundai Sonata in Norwegen und den USA ("ein sehr guter Wagen") und schließlich ein Hyundai Santa Fe auf Fidschi - "den habe ich dort dann einem Minister verkauft".

Nach dem Autokorso sagt Herr Zeon: Sein Land sei aus dem Nichts aufgebaut worden, mit Blut und Schweiß. Früher sei Korea auf Hilfe von außen angewiesen gewesen, heute ist es ein großes Geberland. Barack Obama vergleiche manchmal die zwei Ks - Korea und Kenia. Beide Länder hätten in den 1950er-Jahren gleiche Startbedingungen gehabt, Kenia sei immer noch auf einem ähnlichen Niveau und Korea inzwischen zu einer führenden Industrie- und Technologienation aufgestiegen. Ende der 1980er-Jahre schließlich habe man auch die Diktatur abgestreift, Korea sei heute eine lebendige, blühende Demokratie.

Das macht die Südkoreaner - zu Recht - sehr stolz. Und Zeon Nam-jin von der Korea Foundation hat die Aufgabe, dieses große Selbstbewusstsein weltweit bekanntzumachen. Dass dabei gelegentlich Herausforderungen für das Land aus dem Blick geraten, kann leicht passieren.

Korea hat ähnliche Probleme wie viele andere Industrieländer: Die Geburtenrate etwa ist mit durchschnittlich 1,23 Kindern pro Frau sehr niedrig, der Inlandsmarkt abgereift, die Wachstumsraten schrumpfen. Dazu kommt, dass trotz des westlichen Einflusses auf das asiatische Land der soziale Druck sehr hoch und das Bildungssystem äußerst rigide geblieben sind - Korea hat die zweithöchste Selbstmordrate weltweit (WHO 2009) und ist Weltmeister bei Schönheits-OPs pro Kopf. Und die Demokratie, die endet manchmal auch an den weiten Einflusssphären der großen Industriekonglomerate (sogenannter Chaebols) wie Samsung oder eben Hyundai.

Über all dem aber schwebt der anhaltende Kriegszustand mit dem Norden, der kein Problem sein soll und das Land doch seit Jahrzehnten prägt wie sonst nichts anderes - am 27. Juli jährt sich der Waffenstillstand zwischen Nordkorea und der Uno zum 60. Mal (siehe Grafik auf Seite A2).

Ein gutes Beispiel dafür sind die neun U-Bahn-Linien in Seoul. Sie bewegen nicht nur 2,5 Milliarden Menschen pro Jahr, sondern sind auch das Hauptschutzraumsystem für die Bevölkerung der 24-Millionen-Metropole, die nur rund 40 Kilometer von der Waffenstillstandslinie entfernt und damit in Reichweite der nordkoreanischen Artillerie liegt.

Kim Sang-hun trabt im Laufschritt aus der U-Bahn-Station Myung-Dong im Zentrum der Stadt. Wir haben einen Treffpunkt vor dem Sejong-Hotel vereinbart. Ein kurzer, fester Händedruck, dann geht es im Spurt in ein unscheinbares, graues Haus in einem nahen Hinterhof. Ein Sicherheitsmann in schwarzer Uniform bewacht den Eingang. Dritter Stock, Suite 301, kein Lift. Herr Kim (81) läuft nach oben, als ob es darum ginge, Rekorde zu brechen. Er hat keine Zeit zu verlieren. Ihm geht es um nichts weniger als um Wahrheit und Gerechtigkeit.

Bis Mitte der 1990er-Jahre hat er im Ausland für das World Food Programme gearbeitet. Dann kam er zurück in seine Heimat, zurück in den Krieg. Er hörte alle die Geschichten über Nordkorea und wollte sie nicht glauben. "Ich bin ins Flugzeug gesprungen, nach China geflogen und habe nordkoreanische Flüchtlinge getroffen. Sie haben mir alles bestätigt: die Hungersnöte, die unmotivierten Verhaftungen, die Folter, alles." Herr Kim beschloss, dieses alles zu dokumentieren und gründete sein Database Center for North Korean Human Rights. "Und weil ich die Zeugenaussagen auch in breiter Öffentlichkeit publik machen wollte, musste ich die Zeugen nach Südkorea bringen", sagt er.

Inzwischen hat er ganze Hundertschaften nordkoreanischer Flüchtlinge aus China über abenteuerliche Wege in Laos und Kambodscha nach Südkorea gebracht. Tausende Interviews hat er mit ihnen geführt. Unter den Flüchtlingen waren einfache Arbeiter, ehemalige Leibwächter der Diktatoren, Professoren und auch Parteibonzen. Und für einige von ihnen hege er großen Groll, sagt Herr Kim. "Denn sie sind nicht aus moralischen Gründen geflohen, sondern weil sie Probleme im nordkoreanischen System bekommen haben. Sie sprachen immer darüber, wie mächtig sie und ihre Familien waren, Reue dagegen war da keine zu spüren."

Babys zertreten

Kim Sang-hun hat trotzdem tausende Seiten an Informationen von ihnen bekommen, schockierende Informationen, die kaum zu glauben sind. Die Flüchtlinge erzählten über furchtbare Zustände in den Gefangenenlagern. Darüber, dass die Internierten Insekten, Schlangen und Ratten fangen und essen, um überleben zu können. Sie berichteten über Versuche mit chemischen Kampfstoffen an Menschen. Über willkürliche Morde, zu Tode geprügelte oder von Wachhunden zerfleischte Arbeiter, extreme Demütigungen und Folter. Über Frauen, die über die Grenze nach China geflohen waren, schwanger zurückgeschickt wurden, deren Babys zwangsabgetrieben oder neugeboren von Wachposten vor den Augen der Mütter zertreten wurden.

Herr Kim berichtet ruhig und sachlich über die größten Gräuel. Seine Protokolle vertragen keine zusätzliche Emotion. Sie sind voll von unfassbaren Barbareien, die nur schwer auszuhalten sind. Mehrere Bücher hat er dazu herausgegeben, in einem haben ehemalige Gefangene auf kindlich wirkenden Bildern dargestellt, was sie etwa im berüchtigten Chongke-ri-Gefängnis gesehen und erduldet haben.

Um die 25.000 nordkoreanische Flüchtlinge leben heute im Süden. Manche haben sich den Geheimdiensten als Informanten angedient, andere schreiben für Zeitungen. Cheong Mae-jung (40) arbeitet für den Tourismusveranstalter PTC, der Tagesausflüge an die Waffenstillstandslinie organisiert - "Das ist die einzige Tour mit Flüchtling im Programm, sie haben Glück!", schwärmt der Reiseführer unserer Gruppe, als der Bus in Seoul losfährt.

Cheong Mae-jung hat sich da lange schon unauffällig durch den Bus geschlichen und in die letzte Reihe gesetzt. Niemand hat bemerkt, dass sie die eigentliche Attraktion dieser Tour ist. Auch nach acht Jahren im Süden beherrscht sie noch immer die Überlebensstrategie, starr auf den Boden zu sehen und sich möglichst unsichtbar zu machen.

Acht Jahre lang sei sie vom nordkoreanischen Militär eingezogen gewesen, erzählt die Frau. Die Einheit und ihren richtigen Namen könne sie aus Rücksicht auf ihre Verwandten, die noch im Norden lebten, nicht sagen. Die Nordkoreaner seien ständiger Gehirnwäsche ausgesetzt, 2005 habe sie dennoch ihr Erweckungserlebnis in Form einer illegal eingeschmuggelten südkoreanische Soap-Opera-Folge gehabt. "Genau so wollte ich leben. Ein halbes Jahr später bin ich geflohen."

Mit einer Freundin und deren Kleinkind sei sie aus Cheongjin im Nordosten Nordkoreas über den Tumen-Fluss nach China geschwommen. Das Kind ihrer Freundin sei dabei ertrunken. In der Volksrepublik habe sie dann einen "Broker" angeworben, der sie für eine "Gebühr" nach Südkorea geschleust habe.

"In Pjöngjang wissen sie, dass ich weg bin, aber sie wissen nicht, wo ich bin", sagt Cheong Mae-jung. Inzwischen habe sie es sogar geschafft, ihrer Familie über einen Vermittler zweimal 1000 US-Dollar zukommen zu lassen. Dass sich unter dem neuen "Obersten Führer" Kim Jong-un etwas ändern könnte, bezweifelt sie sehr: "Zuerst gab es neue Hoffnung, aber nun wiederholt er all das, was zuvor schon geschehen ist."

Der Bus hält am "Vereinigungsobservatorium" an. Von hier aus kann man mit Fernrohren über die südlichen Grenzflüsse in Richtung Norden spähen. Wenig später muss Frau Cheong aussteigen. Sie darf sich nicht zu nahe an die Waffenstillstandslinie begeben, auch die meisten anderen Südkoreaner brauchen eine Sondergenehmigung dazu. Die demilitarisierte Zone und Panmunjom, der gemeinsame Sicherheitsbereich für den Norden und die Uno, ist nur etwas für die rund 100.000 meist internationalen Gäste jährlich, die hier eine Art Kalter-Krieg-Disneyland vorgeführt bekommen.

Im Süden weht die südkoreanische Flagge auf einem 100 Meter hohen Masten, im Norden flattert das Pendant auf 160 Metern Höhe. Soldaten unter dem Kommando der Vereinten Nationen und jene der nordkoreanischen Volksarmee stehen einander an der Waffenstillstandlinie gegenüber, sie beobachten und fotografieren sich gegenseitig. Touristen werden in einen der Verhandlungssäle geführt, dort dürfen sie auch auf nordkoreanisch kontrollierten Boden treten - zumindest drei Meter weit. Es wird fotografiert, was die Kameras hergeben. die wachhabenden Militärpolizisten zucken mit keiner Wimper und geben ein geduldiges Motiv ab. Dann darf die Gruppe in den Souvenirshop. Der noch schaudernde Kriegskiebitz kann dort vom nordkoreanischen Wildtraubenwein, der aussieht, als wäre er frisch in der Kanalisation von Pjöngjang abgefüllt worden, bis US-Tarnuniformen alles käuflich erwerben.

Genau das ärgert Herrn Kim in Seoul. So sehr, dass er hinter dem Schreibtisch in seinem kleinen, vollgeräumten Büro hektisch zu gestikulieren beginnt: Die herrschende Clique in Pjöngjang brauche diesen groß inszenierten Konflikt notwendig, um zu überleben. Und die USA und Südkorea verstärkten diesen verlässlich. Die sogenannte Sonnenscheinpolitik der vorsichtigen Annäherung Anfang des Jahrtausends habe gewirkt, auch wenn der Norden vor zwei Jahren wieder auf den Konfrontationskurs zurückgekehrt sei: "Das Nordkorea vor der Sonnenscheinpolitik ist nicht das Nordkorea nach der Sonnenscheinpolitik. Der Punkt ohne Wiederkehr wurde passiert. Es gibt fürchterliche Machtkämpfe in Pjöngjang. Es würde mich nicht wundern, wenn das Regime heute Nacht zusammenbricht", raunt der 81-Jährige. Man dürfe das nordkoreanische Regime nicht einfach gleichwertig behandeln, es sei fatal inkompetent und in tiefer Konfusion verstrickt. Vielmehr müsse man es wie ein trotziges Kind behandeln.

Für den Status quo

Die Interessenlagen auf und um der Halbinsel schließen aber genau das aus: China will eine Pufferzone zur US-Einflusssphäre behalten, Nordkorea den Regimeerhalt, und Südkorea hat Sorgen wegen möglicher Wiedervereinigungskosten - sie alle wollen den Status quo behalten. Die USA und Japan wollen ihn dagegen - Stichwort Nuklearbedrohung - ändern. Kim: "Zumindest das Geldargument Seouls zählt nicht. Wir geben Unsummen für Waffen und Propaganda aus, damit ließe sich auch die Wiedervereinigung finanzieren, die sich auf längere Sicht auch wirtschaftlich bezahlt machen wird. Aber es wird nichts unternommen gegen den Konflikt. Stattdessen rennen die Südkoreaner lieber in die Kirche: Beten, beten beten - und nicht handeln. Das reicht ihnen. Im Norden leiden die Menschen inzwischen Höllenqualen."

Da ist er wieder, der alles bestimmende Krieg, den niemand ernst nehmen will. Ein paar Wochen vor dem Gedenktag an den Waffenstillstand vom 27. Juli 1953 ließ Pjöngjang wissen, dass es Angriffspläne wälze, sollten die USA nicht bis zu diesem Wochenende aus dem Süden abziehen. Zuletzt wollte der Norden Wiedereröffnungsgespräche über den Industriekomplex Kaesong platzen lassen.

In Gangnam nahm niemand Anstoß am Kriegsstillstand. (Christoph Prantner, DER STANDARD, 27./28.7.2013)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Reise des Autors nach Südkorea wurde von der Korea Foundation ermöglicht.


Buchtipp: Blaine Harden, "Flucht aus Lager 14: Die Geschichte des Shin Dong-hyuk, der im nordkoreanischen Gulag geboren wurde und entkam". 256 Seiten / 20,60 Euro. DVA, 2012

Weiterlesen:

  • Kalter-Krieg-Disneyland Panmunjom: In der Mitte die betonierte Waffenstillstandslinie. Beide Seiten belauern sich, Touristen dürfen zusehen.
    foto: epa/jeon heon-kyun

    Kalter-Krieg-Disneyland Panmunjom: In der Mitte die betonierte Waffenstillstandslinie. Beide Seiten belauern sich, Touristen dürfen zusehen.

  • Artikelbild
  • Kim Sang-hun beschreibt die Gräuel, die Gulag-Flüchtlinge erzählen und aufzeichnen.
    foto: prantner

    Kim Sang-hun beschreibt die Gräuel, die Gulag-Flüchtlinge erzählen und aufzeichnen.

  • Zeichnung : Ratten fangen und essen, um zu überleben
    foto: epa

    Zeichnung : Ratten fangen und essen, um zu überleben

Share if you care.