Der Tod ist ein Schäfermädchen aus Domrémy

26. Juli 2013, 17:16
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Friedrich Schillers "Die Jungfrau von Orleans" hat am Sonntag Festspiel-Premiere im Salzburger Landestheater. Ein alphabetischer Leitfaden durch eine Welt aus Mord, Totschlag und Sendungsbewusstsein

Anfechtung: Das wahre Drama der Jungfrau von Orleans liegt im Verlust des Glaubens an ihre historische Sendung. Jeanne d'Arc wird mitten im Schlachtengewühl von Gefühlen des Mitleids und des Begehrens angewandelt. Mit einem Schlag verliert sie die göttliche "Inspiration" und muss sich von ihren französischen Parteigängern als Hexe verunglimpfen lassen. Johanna ist das Werkzeug einer überpersönlichen Ordnung, die sie wiederherzustellen hofft. Leider ist Karl Valois, der in Reims zum König gekrönt wird, ein für die Machtpolitik wenig geeigneter Zauderer.

Bauernmädchen: Friedrich Schiller (1759-1805) studierte ausgiebig die Quellen, ehe er 1800 das Leben Jeanne d'Arcs zur "romantischen Tragödie" verdichtete. Umso erstaunlicher sind die Freiheiten, die sich Schiller herausnahm. Ein Bauernmädchen aus Domrémy fühlt sich von der Gottesmutter dazu aufgerufen, die Feinde Frankreichs in den Staub zu werfen. Das betrübliche Ende Johannas, die 1431 als Hexe verbrannt wurde, passte dem Weimarer nicht ins Konzept. Bei ihm stirbt Jeanne auf dem Schlachtfeld. "Kurz ist der Schmerz, und ewig ist die Freude!", lauten ihre letzten Worte. Das Stück selbst ist recht lang.

Baum: Ihre Eingebungen werden dem Hirtenmädchen Johanna - in Salzburg wird sie von Kathleen Morgeneyer gespielt - unter einem "Druidenbaum" zuteil. Reste einer vorchristlichen Tradition mengen sich verwirrend in das Heilsgeschehen.

Eros: In der rauen Wirklichkeit des Hundertjährigen Krieges bekleiden Frauen prekäre Rollen. Johannas Weigerung, sich als Hirtenmädchen verehelichen zu lassen, gibt den Grundton vor: Gefühle der Herzenswärme wie der Zuneigung sind für sie nicht vorgesehen. Der Nimbus ihrer Reinheit weckt allerlei unlautere männliche Begehrlichkeiten. Zugleich schildert Schiller meisterhaft die psychosozialen Voraussetzungen für das Kriegsgeschehen. Die Schlacht zerfällt in lauter Duelle; Johanna gerät im Scharmützel mit dem Briten Lionel an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Sie, die kein Erbarmen mit den Feinden Frankreichs kennen darf, verschont sein Leben. Sie lässt sich von ihm das Schwert aus der Hand reißen. Der erotische Unterton ist unüberhörbar.

Kritik: Schillers Die Jungfrau von Orleans ist eines der umstrittensten Werke des Weimarer Klassikers. Ludwig Tieck monierte, dass das historische Schicksal Jeanne d'Arcs bei weitem ausreiche - es hätte der Hinzudichtungen Schillers (Allwissen, magische Gewalt) nicht bedurft. Er benörgelte obendrein die langen Monologe der Heldin. Viele mindere Dichter hätten Schillers "rhetorisierendes Pathos" aufgegriffen, ohne seinen Genius zu haben, um "am Ende nur seine Fehler nachzuahmen".

Schauspielschule: Die weithin schwingenden Deklamationen der Jungfrau eignen sich vortrefflich als Virtuosenstücke. Beinahe jede Schauspielschülerin befasst sich irgendwann mit dem großen Monolog, in dem Jeanne dartut, dass sie nunmehr ihre wollenen Freunde, die Schafe, verlassen werde: "Lebt wohl, ihr Berge, ihr geliebten Triften, / ihr traulich stillen Täler, lebet wohl."

Thalheimer: Michael Thalheimer inszeniert in Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 27./28.7.2013)

Premiere am Sonntag, 28.7., Salzburger Landestheater, 19.30

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    Ein Bauernmädchen aus der Provinz Lothringen gerät in das Schlachthaus des Hundertjährigen Krieges: Johanna (Kathleen Morgeneyer) mit dem Walliser Montgomery (Alexander Khuon). 

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