Starke Frauen

26. Juli 2013, 19:48
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Schanigarten eines Innenstadtcafés

(Zwei Frauen um die vierzig, Gläser mit Prosecco vor sich. Die erste im "Kurier", die zweite in "Brigitte" blätternd.)

DIE ERSTE (ohne aufzublicken): Das ist einmal eine interessante Biografie! Ich glaub', das Buch kauf' ich mir. Eine echt starke Frau! Sprachgewandt, mit ungeheurem Charme! Sie ist eine jener Personen, sagt die Autorin, die, sobald sie einen Raum betreten, alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wenn sie mit jemandem spricht, gibt sie ihm das Gefühl, der einzige Mensch auf der Welt zu sein, der für sie zählt. Smart, sagt sie, ist sie, eine wirklich moderne Frau, die sich nicht scheut, Hand anzulegen, sich um die Wirtschaft zu kümmern. Eine arbeitende Frau, die Verantwortung für ihre Untertanen übernehmen will.

DIE ZWEITE (ebenfalls ohne aufzublicken): Klingt spannend. Von einer Deutschen?

DIE ERSTE: Von einer Amerikanerin.

DIE ZWEITE: Da schau! Höchste Zeit, dass die einmal jemand anderen würdigen als sich selber.

DIE ERSTE: Wie kommt das, fragt sie, dass diese Frau mit den wichtigsten Machthabern ihrer Zeit auf Augenhöhe sprechen kann? Na ja, ganz einfach, sie hat dieselbe gute Ausbildung, dasselbe intellektuelle Format. Sie ist eine gebildete, kompetente Frau, die neun Sprachen beherrscht, darunter Hebräisch und Troglodytisch, die Sprache der äthiopischen Höhlenbewohner.

DIE ZWEITE (blickt auf): Was, die Merkel?

DIE ERSTE (blickt ebenfalls auf): Wieso Merkel? Ich rede von Kleopatra.

DIE ZWEITE: Kleopatra? Welche Kleopatra?

DIE ERSTE: Na, die Herrscherin von Ägypten!

DIE ZWEITE: Ägypten, ach so. (Wendet sich wieder der Zeitschrift zu.) Das ist gut. Die brauchen ohnehin eine Merkel.

(Vorhang)

(Antonio Fian, DER STANDARD, 27./28.7.2013)

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