"Sie möchte in die Schlacht. Sie möchte töten"

Interview26. Juli 2013, 17:07
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Michael Thalheimer inszeniert bei den Salzburger Festspielen Friedrich Schillers "Die Jungfrau von Orleans"

Der deutsche Regisseur über Glaube, Nationalismus, Schwächlinge sowie zerstörte Welt- und Frauenbilder.

STANDARD: Zuletzt "Medea" beim Berliner Theatertreffen, jetzt "Johanna von Orleans": Täuscht der Eindruck, oder kann man bei Ihnen eine Vorliebe für starke Frauen am Theater feststellen?

Michael Thalheimer: Stimmt, ich habe eine Affinität zu starken Frauenfiguren. Vielleicht, weil sich das Frauenbild in den letzten Dekaden extrem gewandelt hat, das Männerbild eher nicht - das macht die Frau in der Gesellschaft per se spannender als den Mann.

STANDARD: Wie sehen Sie Johanna: als Heldin, Kriegerin, Kind- oder Mannfrau?

Thalheimer: Das ist ganz schwierig zu beantworten. Die Inszenierung folgt genau dieser Frage: Was macht diese Johanna d'Arc so besonders. Sie haben ja schon einige Stichworte genannt: Natürlich ist sie eine Heldin, hat eine ungeheure Kraft und ein Potenzial. Natürlich ist sie auch ein Mannweib, das sich in einer Männerdomäne - im Krieg - als Führungsfigur etabliert. Das ist anmaßend, schafft Probleme.

STANDARD: Und ihr Glaube, dass sie einen göttlichen Auftrag erfüllt?

Thalheimer: Das macht sie stark. Spannend ist, dass sie glaubt, dass die Stimmen ihr auftragen, alles Persönliche, Individuelle, die Eigeninteressen zu negieren. Keine Liebe, keinen Mann, sondern einen Auftrag blind erfüllen. Schiller lässt sie ja die unglaubliche Frage stellen: "Ist Mitleid Sünde?" Darüber stolpert man, denn in unserem Bewusstsein sind Mitleid und Sünde weit voneinander entfernt.

STANDARD: Die historische Johanna widerrief aus Angst vor dem Scheiterhaufen ihr Geständnis. Warum stirbt sie bei Schiller den Heldentod am Schlachtfeld?

Thalheimer: Das ist gerade bei Schiller erstaunlich, er war ja Historiker, kannte und liebte Gerichtsakten, denken Sie nur an "Maria Stuart"; und er liebte Scheiterhaufen, denken Sie an "Don Carlos". Ausgerechnet dort, wo der Scheiterhaufen geschichtlich immanent ist, negiert es Schiller, weshalb man sich fragen muss, ob der Scheiterhaufen nicht doch in dem Stück auftaucht und Schillers Partitur so zu lesen ist, dass das Ganze ein einziger Gerichtsprozess ist, in dem Johanna alles noch einmal durchlebt. Und dass das Ende bei Schiller, wo sie aus dem Turm entflieht und auf dem Schlachtfeld stirbt, vielleicht nur ein visionärer Gedanke, ein Traum Johannas ist. Vielleicht ist sie auf dem Scheiterhaufen und fantasiert sich die letzte Schlacht herbei.

STANDARD: Sie werden mir jetzt nicht sagen, wie Sie das Ende inszenieren ...

Thalheimer: Nein. Nur so viel: Es wäre heute albern, eine Frau in einem Turm anzuketten; und dann schafft sie die Flucht und zieht in die Schlacht. Ich denke, das ist bei Schiller assoziativ gedacht.

STANDARD: Bei Schiller verliebt sich Johanna, anders als die historische Figur - noch dazu in einen englischen Soldaten. Wird damit nicht ihr gesamtes Weltbild und all das, woran sie vorher geglaubt und was sie gemacht hat, infrage gestellt?

Thalheimer: Mehr als das, es zerstört sie als Individuum, sie zerfällt in ihre Einzelteile, scheitert an dem eigenen Anspruch. Vorher hören wir Sätze von ihr wie: "Du stirbst, weil eine englische Mutter dich zeugte. Tod allen Engländern!" Und jetzt liebt sie einen Feind! Damit negiert sie sich als Werkzeug Gottes.

STANDARD: Johanna, Begründerin des Nationalismus, legitimiert durch Gott: Ist das aus heutiger Sicht nicht unerträglich?

Thalheimer: Absolut. Sie fragt sich ja nie, warum ihr Gott die Franzosen so sehr liebt und die Engländer so sehr hasst. Sie negiert auch die Momente der Diplomatie, der Waffenruhe, vielleicht sogar eines Friedensabkommens. Sie möchte in die Schlacht. Sie möchte töten. All dies - die Sperrigkeit bis hin zum Nationalismus, die Rolle des Glaubens, die Tatsache, dass sie Jungfrau ist - sind hochinterressante Fragen. Diese alten Texte können uns über die heutige Zeit mitunter mehr vermitteln und erzählen als zeitgenössische Texte. Schiller schrieb ja das Stück unmittelbar nach der Französischen Revolution, er erlebte Napoleons Russland-Feldzug; all dies hat er in seiner Partitur versteckt. Wir betrachten die Geburtsstunde Europas, die Geburtsstunde unserer Gesellschaftsform.

STANDARD: Welche Figur ist der von der Mutter verstoßene Dauphin, dessentwegen Johanna in den Kampf zieht? Ein Schwächling?

Thalheimer: So könnte man es sehen. Aber es wäre eine zu einfache Interpretation. Die Mutter hasst ihn und setzt an seiner Statt den englischen Dauphin auf den Thron; der Vater 30 Jahre im Wahnsinn, die drei Brüder vom Tod hinweggerrafft: Das ist schon mehr als ein Trauma, in dem er aufwächst. Das macht ihn schwach. Aber er sagt mitunter wunderbare Dinge: "Ist die Krone ein so hohes Gut, dass man nicht einfach davon scheiden kann?" Ich wünschte mir, dass sich Politiker diese Frage stellen. Oder er sagt über sich, in Friedenszeiten wäre er ein begabter König gewesen, im Krieg sei er nicht tauglich. Das macht ihn sympathisch und menschlich - wenngliech für die politische Situation unbrauchbar. Man fragt sich, warum der göttliche Auftrag an Johanna lautete, für diesen Mann in den Krieg zu ziehen.

STANDARD: Wie begegnet man als Regisseur Johannas fanatischem Glauben? Heute wird Fanatismus meist in einer anderen als der katholischen Religion verortet.

Thalheimer: Wir sehen ihn, um es zu benennen, bei den radikalen Moslems, aber ich halte es für falsch, nur dorthin zu blicken. Der Gott, an den Johanna glaubt, ist ein christlicher, das müssen wir akzeptieren. Natürlich ist sie auch schizophren, aber das wäre die banalste Deutung. Johanna glaubt daran, Stimmen zu hören, die ihr einen Auftrag erteilen. Das muss ich als Regisseur erst einmal so akzeptieren. Es geht um Glauben. Wenn es Wissen wäre, wäre es kein Glaube mehr.

STANDARD: Wie ist es mit Ihrem Glauben?

Thalheimer: Die Frage ist mir fast zu intim. Aber Religion lässt mich nicht ruhen, ich bewundere Menschen, die sagen können, sie glauben. Das kann ich nicht, aber ich würde den Teufel tun und sagen: Ich glaube nicht.

STANDARD: Sie haben früher auch gespielt. Nie mehr Lust dazu gehabt?

Thalheimer: Nein. Ich bin da sehr radikal im Umgang mit mir selbst: Ich möchte nur einen Beruf haben. Man kann sich nur auf eine Sache konzentrieren. Und während meiner zwölf Jahre als Schauspieler dachte ich bei manchen Regisseuren oft, das kann ich besser. Regieführen ist ja auch eine Anmaßung.

STANDARD: Sie gelten als Perfektionist. War auch das einer der Gründe, die Seiten zu wechseln?

Thalheimer: Mit Sicherheit! Dass man die Verantwortung für den gesamten Abend übernimmt, bis hin zu Bühnenbild, Licht, Maske, Musik: Als Perfektionist sehnt man sich nach dieser Verantwortung.

STANDARD: Sie inszenieren auch Opern. Erfordert das noch mehr Präzision? Was ist der Unterschied zum Sprechtheater?

Thalheimer: Der große Unterschied - das hört sich jetzt banal an, bitte lachen Sie nicht: In der Oper wird gesungen. Im Theater müssen wir unsere eigene Partitur finden, die Musikalität des Werkes - da ist nichts vorbestimmt, weder die Länge des Abends noch die Pausen oder das Tempo. In der Oper ist all das, jede Klangfarbe, jede Zäsur, vorgegeben. Ich liebe es, Opern zu inszenieren, weil das Gefängnis mir auch die Freiheit zeigt. Ich fühle mich in der Oper unglaublich frei, weil es so einengend ist. (Andrea Schurian, DER STANDARD, 27./28.7.2013, Langversion)

Michael Thalheimer, 1965 in Frankfurt am Main geboren, war als Schauspieler an vielen deutschsprachigen Theatern engagiert. Seit 1997 erarbeitete er sich mit Inszenierungen von Schiller und Schnitzler (v. a. für das Hamburger Thalia-Theater) einen exzellenten Ruf als Regisseur.

  • "Die alten Texte können uns über die heutige Zeit mitunter mehr vermitteln und erzählen als zeitgenössische Texte": Michael Thalheimer.
    foto: standard/corn

    "Die alten Texte können uns über die heutige Zeit mitunter mehr vermitteln und erzählen als zeitgenössische Texte": Michael Thalheimer.

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