Thomas Sautner: Warum schreiben? Warum lesen?

28. Juli 2013, 17:00
19 Postings

Das ist vielleicht der hehrste gemeinsame Nenner von uns Lesenden und Schreibenden: dass uns bewusst ist, dass wir unserem Unwissen nie entkommen können

Mein Leben besteht aus nichts als Schreiben.
Ist mein Schreiben nichts, so bin ich nichts.
 
(Franz Kafka)

Die Krux ist ja die: Schreiben ist zugleich großartig und irrelevant - wie das Leben. Dem Schreiben (wie dem Lesen) die allerhöchste Bedeutung beizumessen ist ebenso naheliegend und geradezu selbstverständlich wie ihm heillose Lächerlichkeit zu attestieren.

"Bücher", fand der georgische Schriftsteller Otar Tschiladse, "sind die einzige Welt, in der der Mensch sich mit sich selbst trifft und er sich selbst erkennt. Wo er versteht, was mit ihm vor sich gegangen ist und was mit ihm vor sich gehen kann." So kommt es, dass in Glücksmomenten das Schreiben (und das Lesen) dem Kern des Lebens derart nahe ist, dass es dafür gehalten werden kann. Und da Realitäten bekanntlich nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben müssen, mag es ja auch wahrhaft so sein.

Umso dramatischer deshalb, aber irgendwie auch schön, wenn einer der ganz großen gegenwärtigen Autoren sagt: "Besser kann's nicht werden" - und das Schreiben sein lässt. Der US-Amerikaner Philip Roth (80) tat das nach 31 Romanen. Alles andere als Romane zu schreiben, Romane zu denken, Romane zu lesen sei für ihn lebenslang zweitrangig gewesen, erzählte er vor bald einem Jahr dem französischen Kulturmagazin Les Inrockuptibles. Diesen Fanatismus bringe er nun nicht mehr auf, da er das Schreiben als dauerhaftes Scheitern empfinde. Für diesen Satz haben ihm gewiss unzählige Autoren im Stillen gedankt, sprach er damit doch vermutlich den meisten aus dem Herzen: Schreiben - ein ewiges Scheitern. Allerdings ein ewiges alternativloses Scheitern. Wie das Leben selbst? Vor weit mehr als zweihundert Jahren stand es schon im Urfaust:

Dass ich nicht mehr mit saurem Schweiß
rede von dem, was ich nicht weiß.
Dass ich erkenne, was die Welt
im Innersten zusammenhält.
Schau alle Würkungskraft und
Samen
und tu nicht mehr in Worten
kramen.

Wortwörtlich so erkannte es Goethe - und schrieb dennoch weiter ... zu unser aller Vorteil. Auch ihm war das Schreiben ein notwendiger Zwang, ein Prozess höchster Freude, ja Euphorie, gefolgt von Ernüchterung und Zweifel, ja Hoffnungslosigkeit. Bis gegen jede Annahme am nächsten Morgen doch wieder die Sonne aufstieg und täglich aufsteigt und der Kreislauf erneut beginnt. Gnadenvoll. Unerbittlich. Lebensgleich.

Das Wort, es macht den Menschen aus. Wie sich der Mensch die Welt erklärt, wie er sich sein Leben erklärt, so lebt er, so fühlt er, so ist er. Neutestamentarisch klingt das so: Am Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott ... Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts. Sprache und Schrift als Schöpfungsinstrument.

Die Deutung der Wirklichkeit mittels Wort, Satz und Sprache beginnt von Geburt an. Bald wird diese Deutung zur empfundenen Realität. Das ist der Zeitpunkt irgendwann im Kindesalter, da sich das Wort der Wirklichkeit bemächtigt hat. Und mehr noch: Es hat sich derart nachhaltig in unseren Verstand eingeschrieben, dass es zur ausschließlichen Wirklichkeit geworden ist. Einer Wirklichkeit aber, von der wir nur allzu oft spüren, dass sie uns etwas vorenthält, dass sie zudem Verwirrung stiftet, nicht rund, nicht vollständig zu sein scheint. Und so ist es ja auch.

Am Anfang war das Wort. Dann wurde das Wort unverständlich, fügte der italienische Autor Ennio Flaiano hinzu. Schriftsteller sind sich der Unzulänglichkeit des Worts freilich bewusst, es ist ja mit Ursache des ewiglichen Scheitern-Müssens. Was tun sie also, die vermeintliche Exaktheit des Worts, die sich so oft als sinnverfehlend erweist, zu retten? Sie feilen dem Wort die Kanten ab, machen es also scheinbar weniger exakt, runder, mundgerechter, auf dass seine Bedeutung nicht nur in einem Satz gelesen, sondern auch: gefühlt werden kann. Ist nackter Wortinhalt dürr, leer und nichts sagend, vermögen Stil, Melodie und Komposition ihn sprechend zu machen. Zumindest ein Musikinstrument müssen Schreibende deshalb beherrschen: den Fluss der Zeilen und der Wörter. Prosodisch und melodisch muss er gespielt sein, der Text. Sonst macht das Zuhören keine Freude, keinen Sinn, auch nicht das Lesen und das Schreiben.

Es ist der ewige Wunsch der Schriftsteller: ein Buch ohne Inhalt. Gespeist aus nichts als Rhythmus und Ton. Ein geläutert Werk, wie Schiller es erträumte, komponiert aus dem Reinen, bestehend aus Licht und Freiheit, ohne platonischen Schatten eines vermeintlich die Realität widerspiegelnden Inhalts. Rettung wäre dieses Buch, machte alles gut, was das Leben nicht gut zu machen vermag und wäre pures Glück, hübe die Welt, wie Kafka es ersehnte, ins Reine, Wahre, Unveränderliche. Und die Handlung wäre bloß eine scheinbare, also keine. Wäre nichts als Stil, ganz wie Flaubert es hoffte, bestünde nur aus Stimmen des Inneren, und dieses unmögliche Buch hätte nichts, nichts, nichts mit der äußeren Welt zu tun, doch alles mit dem Sein.

Dieser unstillbare Wunsch, dem Kern der Dinge nahe zu kommen, treibt im Übrigen auch einen Gutteil jener Maler an, die sich vom Realismus abgewandt haben. Realität ist Täuschung, sagen sie. Realität ist Ablenkung. Realität ist: die beste Tarnung der Wirklichkeit. Und zu finden sei die Wirklichkeit ausschließlich durch Abstraktion, mittels Eintauchen in die Dinge also, und deren Absorption. Es ist dieselbe Idee, die Romanciers und Lyriker keine Sachbücher schreiben lässt.

Freilich gibt es auch profanere, doch deshalb nicht weniger akzeptable Motive fürs Schreiben. Das Schreiben etwa, weil man mit dieser Welt nicht zurechtkommt und sich eine andere erschreibt/erliest. Oder das Schreiben und Lesen, weil man mit dieser Welt nicht nur nicht zurechtkommt, sondern vielmehr nicht zurechtkommen will; sie in dieser unfertigen, ungerechten, groben Form einfach nicht zu akzeptieren bereit ist.

Zudem ist Schreiben eine elegante Art, wie andernfalls Flüchtiges festgehalten, ja bewahrt und am Leben erhalten werden kann. Und dann ist das Schreiben ebenso wie das Lesen freilich auch noch ein probates Mittel für ein Gewahrwerden und ein Erkennen, das sich andernfalls nicht eingestellt hätte. Stefan Zweig etwa erkannte das Schreiben als beste und fruchtbarste Möglichkeit, etwas Unerklärbares sich zu erklären. Hermann Hesse hätte ihm da vermutlich widersprochen, stellte er für sich doch fest, dass Worte dem Verständnis nicht gut tun. Es werde immer alles gleich ein wenig anders, wenn man es ausspräche, ein wenig verfälscht, ein wenig närrisch.

Natürlich falsch, natürlich närrisch, wäre Joseph Roth nun launig eingefallen, schließlich gingen Schriftsteller demselben Handwerk nach wie Hochstapler, nämlich jenem der Formulierung. Die reine Wahrheit sei nun einmal nicht auszusprechen. Exakt, ergänzte an dieser Stelle womöglich Antoine de Saint-Exupéry: Die Sprache ist die Quelle aller Missverständnisse.

Man kann, formulierte Joseph Roth gewiss bedeutungsschwer und höbe das Glas, man kann nur schweigen. Zum Glück hielt auch er, der Wunderbare, sich nie lange an diese Maxime, denn stets fiel ihm aufs Neue etwas ein, das ja doch niedergeschrieben werden musste, etwa das: Niemand muss schreiben. Ich würde auch nicht schreiben, wenn ich nicht so eitel wäre und so unwissend, schrecklich unwissend.

Das ist vielleicht der hehrste gemeinsame Nenner von uns Lesenden und Schreibenden: dass wir uns unwissend wissen. Und dass uns bewusst ist, diesem Unwissen niemals entkommen zu können. Umso größer aber ist unsere Sehnsucht - nicht wahr? - nach einem Buch oder auch nur einem Wort, das uns für einen unendlich schönen Moment in eine höhere Dimension mitnimmt. Immer und immer wieder lockt die Realisierung des Fantastischen: In Worten wollen wir wissen, was wir vermeinen, immer schon gefühlt zu haben. (Thomas Sautner, Album, DER STANDARD, 27./28.7.2013)

Thomas Sautner studierte Politikwissenschaften und Zeitgeschichte und arbeitete zunächst als Journalist. Heute ist er als Essayist, Romanschriftsteller und Maler tätig, er arbeitet im nördlichen Waldviertel und in Wien. Mitte August erscheint sein neues Buch "Waldviertel steinweich" bei Picus. Sautner liest am 6. September um 19 Uhr in Gmünd (Palmenhaus) und am 2. Oktober um 19.30 Uhr "Im Ersten" in der Sonnenfelsgasse 3, 1010 Wien.

  • "Auch Goethe war das Schreiben ein notwendiger Zwang, ein Prozess höchster Freude."
    foto: christian fischer

    "Auch Goethe war das Schreiben ein notwendiger Zwang, ein Prozess höchster Freude."

  • Thomas Sautner.
    foto: standard/urban

    Thomas Sautner.

Share if you care.