Jeder verdient eine zweite Chance

26. Juli 2013, 12:09
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Herr Arch fliegt auf ein Finale, welches die Herren Calaycay und Fatah gewinnen wollen. Der eine erhofft sich das abschließende Meisterstück, der andere will seine zweite Chance nutzen.

"Keiner redet hier von einer Perfect Season", sagt Raiffeisen Vikings Head Coach Chris Calaycay und so recht glauben mag man ihm das nicht. Aus seiner Sicht gab es eine solche noch nie für seine Wikinger. 1999 gelang ihnen schon einmal das Kunststück, kein einziges Spiel in der Austrian Football League zu verlieren, sie traten damals aber nicht international an. 2005 gewannen sie dann alle AFL und EFL-Spiele in einem Jahr, mussten sich aber in der Charity Bowl – damals ein reines Freundschaftsspiel - geschlagen geben. Offiziell gelten die Saisonen 99 und 05 als Perfect Seasons, für Calaycay zählt das aber alles nicht. Er will einen sauberen zu Null-Record am Ende einer Saison haben, aber trotzdem jetzt nicht darüber sprechen.

2004 setzten die Wiener übrigens schon mal zu einer makellosen Saison an, bis ihnen im letzten Spiel, in der Austrian Bowl XX, ein Team einen Strich durch die Rechnung machte: Die Raiders, die damals krasser Außenseiter waren.

Auch 2013 finden sich die Herren aus Innsbruck in der Rolle des Underdogs wieder. Man beherrschte in der Bundesliga und international alle Gegner, eben bis auf die Vikings. Diese bekam das Team von Shuan Fatah heuer gar nicht zu greifen. Drei Spiele gab es, die jeweils klar zu Gunsten der Wiener endeten (Gesamtscore: 109:33), darunter zuletzt auch die Euro Bowl XXVII. Mit fünf Titeln international und elf national sind die Wikinger Doppel-Rekordmeister.

Maximale Fehlerminimierung

Ernüchternd beim internationalen Meeting war die Dominanz der Vikings Defense. Die Raiders konnten zwar einen US-Amerikaner mehr als der Gegner einsetzen, aber weder Talib Wise, noch Jayclen Spears konnten sich entscheidend durchsetzen. Das lag nicht alleine an einer Überlegenheit an der Line, die es auch gab, sondern an profaneren Dingen. Outside. Dustin Illetschko läuft schneller als Wise. Simon Blach schneller als Spears. Das konnte man mehrfach beobachten und das war dann schon eine Überraschung, ist der eine ein bezahlter Profi, der andere ein zahlender Amateur. Nicht nur die Linebacker, sondern die gesamte Front 7 der Wikinger bietet dem Gegner derzeit ein Bild des Schreckens. Auch die Raiders können mit diesem Druck nicht umgehen, was bei ihrem Quarterback Kyle Callahan stets zu einer erklecklichen Anzahl an Hasard-Würfen führt. Der Spielmacher der Tiroler ist alles andere als fehleranfällig. Wenn ihm Fehler unterlaufen, dann gerne gegen Wien. Und das ist natürlich kein Zufall.

Da liegt vermutlich auch einer der Schlüssel für einen Erfolg der Raiders begraben, Callahan die Zeit und am Ende auch die Sicherheit zu geben, einen wirkungsvollen Passangriff zu etablieren. "Wir dürfen nicht dieselben leichtfertigen Fehler machen wie im Eurobowl. Wir müssen hochkonzentriert spielen, um den Wienern Paroli bieten zu können.", meint dazu Raiders Head Coach Shuan Fatah.

Neben abzustellender Leichtfertigkeit sollten die Vikings ein Mal einen etwas schwächeren Tag haben, den man bisher soweit vermisst hat. Beim 24:6-Heimsieg über ein Raiders B-Team (es ging um nichts mehr) stellten sie sich zumindest recht umständlich an, hätten das Spiel weit höher gewinnen müssen. Dass das Ergebnis keine Auswirkungen auf den weiteren Verlauf haben wird, war dann aber beiderseits so. Konnten die Tiroler noch hoffen, nachdem sie mit dem zweiten Anzug gegen Wien noch gut aussahen, mit dem A-Team die Euro Bowl zu attackieren, fand am Tivoli der Spaß ein rasches Ende. Da war nichts zu holen.

Chancen für einen Außenseitersieg?

Die Üblichen: Any given sunday. In dem Fall ist es halt ein Samstag. Fürs Schwein der Phrasen kann man noch Briefe, die man nicht aufgeben will, anführen, die Eiform des Balles beschwören, oder auf einen schwarzen Tag des Gegners hoffen. Sind die Vikings jedoch nur halbwegs in der Lage, ihr Spiel wie gewohnt aufzuziehen, sehe ich derzeit überhaupt keine Mannschaft in Europa, die dagegen ein wirksames Rezept parat hat. Für die Bundesliga wäre ein Sieg der Raiders natürlich Balsam. Zu sehen, dass man diese Vikings Mannschaft auch knacken kann, würde Hoffnung für 2014 geben. Zu „befürchten“ ist nämlich, dass dieses Kollektiv noch gar nicht am Zenit angekommen ist, sondern überhaupt erst am Anfang ihres Wirkens steht. Man erinnert sich: 2011 erst konnten sie das erste Mal wieder mithalten mit dem Rest, davor setzte es Niederlagen in Serie u.a. gegen die Danube Dragons. Zwei Jahre später kann man sich nicht mehr vorstellen, dass die Donaudrachen noch ein Mal eine Blue River Bowl in die Höhe stemmen werden, bevor sie endgültig in einer Vitrine in Simmering verschwinden wird. Da stand ein langfristiger Plan dahinter, der jetzt aufgeht. In den kommenden Jahren wird die Ballsportakademie der Wikinger erst so richtig zu Tragen kommen und vermutlich noch bessere Spieler in die Kampfmannschaft spülen. Der Ärger der Raiders über die Beschränkung der Imports und damit der Protektion des heimischen Nachwuchses, der wird vermutlich anwachsen. Darüber mehr dann in der Off-Season bzw. vor der NFL-Saison.

Arch überfliegt Mikrokosmos Mini-Superbowl

Gäbe es nicht die Krone, dann wäre ich heute um einen Begriff ärmer. Die Austrian Bowl ist eine Mini-Superbowl, schrieb der von mir geschätzte Rainer Bortenschlager. Ich arbeite zum zweiten Mal in der Organisation mit und meine, trotz einer reflexartigen Ablehnung zuerst: Ja, das ist eine doch eine recht treffliche Bezeichnung. Man versucht die Kopie, dabei aber auch Original Europa und Österreich zu bleiben, denn es ist klar, dass beim Football der Event mehr in den Vordergrund rückt als bei vielen anderen Sportevents. Ebenso klar ist: Ich werde nie Bono Vox auf die Bühne bitten.

Ich besuche derzeit regelmäßig die gerade in Wien stattfindende Baseball B-EM, die mich stark an die Football C-EM 2007 in Wolfsberg erinnert. Zarte Versuche, beherzt auf die Pauke zu hauen.

Nicht das Bemühen, ja nichts falsch und alles möglichst amerikanisch zu machen steht im Vordergrund, sondern den Besucher ein für sich einzigartiges Sportfest zu bieten. Das bekommen die Baseballer gerade richtig gut hin und bringt mich auch wieder auf andere, erdbezogenere Gedanken. Die große Welt des US-Sports, aber bitte mit Käsekrainer und richtigem Bier. Das finde ich zumindest sehr sympathisch, wenn die Zuschauer zum Spiel ihre eigene Campingausrüstung mitbringen und machen sie einen Baseball-Halbgebildeten aus, dann wird der alsbald mit Informationen zugeschüttet. Das hat was und das wäre auch ein schönes US-Sport in Österreich-Marathon-Programm für den Samstag: 14 Uhr Baseball EM-Finale im Wiener Prater, 20:30 Uhr Austrian Bowl in St. Pölten.

Zum ersten Mal gastiert der heimische Football nämlich in der noch jungen NV Arena. Ein ideales Stadion für Football den Feld- und Tribünendimensionen nach. 8.000 passen rein, es sind 35 Grad angesagt und daneben befindet sich auch noch ein großer Badesee. Das ist ein Angebot. Und weil Football in Österreich auch ein Mikrokosmos ist, werden (zum Glück) nicht Stealth-Bomber vor dem Spiel übers Stadion düsen, sondern der wilde Kunstflug-Hero Hannes Arch mit seiner Maschin'. Auch zum ersten Mal wird wegen eines Footballspiels in Österreich kurzfristig ein kleiner Teil unseres Luftraums gesperrt. Das amüsiert mich zumindest, denn vor 15 Jahren hätte man wegen einer Austrian Bowl nicht mal einen einzelnen PKW-Parkplatz absperren dürfen.

Pre Game-Show, Essen & Trinken, Anreise/Abreise, Öffis usw. findet man hier zusammengefasst.

Wer die Reise nach St. Pölten nicht antreten kann, bekommt das Spiel live auf ORF Sport+ und auf raidersTV (hier mit Live-Ticker) serviert, Eurosport2 zeigt am Sonntag eine Aufzeichnung. (Walter Reiterer; derStandard.at; 26.7.2013)

CHEVROLET Austrian Bowl XXIX

Raiffeisen Vikings Vienna vs. Swarco Raiders Tirol

27. Juli 2013 20:30 Uhr, NV Arena St. Pölten

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