Die zwiespältige Bilanz zum olympischen Jahrestag

25. Juli 2013, 18:47
4 Postings

Viele Hoffnungen der Briten erfüllten sich nicht

Rechtzeitig zum einjährigen Jubiläum der Sommerspiele haben die Londoner Verantwortlichen die Olympiastätten für eine Feier hergerichtet. Übers Wochenende treten bei einem Leichtathletik-Fest im Olympiastadion Sprinter Usain Bolt, Siebenkämpferin Jessica Ennis und Langstreckenläufer Mo Farah an. Im neuerdings nach Queen Elizabeth II. benannten Park gibt es ein Popkonzert und andere Volksbelustigungen - schöne Erinnerung an die fröhliche Ausgelassenheit, mit der die Briten vor Jahresfrist die Athleten feierten.

Im Rest des Landes liegt die Olympiabegeisterung darnieder. Der Schulsport kämpft mit Kürzungen, der erhoffte Masseneffekt blieb aus. Es gebe keine gemeinsame Strategie für den Breitensport, kritisiert Keith Mills, Vizechef des Londoner Organisationskomitees. "Die Regierung sollte einen landesweiten Plan erstellen, der Gesundheitsbehörden, Kommunalverwaltungen, Schulen und Sportklubs zusammenbringt. Die machen alle ihren eigenen Stiefel, was für eine Verschwendung."

Der "Olympia-Effekt" für den Breitensport gehörte zu den erklärten Zielen der Bewerbung, mit der London 2005 den Zuschlag des IOC erhielt. "Inspire a generation", die junge Generation begeistern, lautete das Motto. Das ist bisher nicht gelungen, im Gegenteil. Im Olympia-Jahr trieben laut Regierungsstatistik weniger junge Briten zwischen 16 und 25 Jahren einmal pro Woche Sport als 2005.

In einzelnen Sportarten gibt es unbestritten positive Entwicklungen. Die Leichtathletik, die traditionell auf der Insel eher ein Mauerblümchendasein fristet, verzeichnete einen Zuwachs von 28 Prozent. Zusätzlich joggen knapp zwei Millionen Briten mindestens einmal pro Woche. Jüngsten Zahlen des Dachverbands Sport England zufolge schwimmen in diesem Sommer immerhin 100.000 mehr Menschen regelmäßig als im Vorjahr.

Kein Schneeballeffekt

Die Hoffnung auf mehr Mädchen und junge Frauen in Sportvereinen hat sich nur punktuell erfüllt. Viele der schönsten Medaillenmomente von London 2012 aus britischer Sicht betrafen Frauen. Die Ruderin Helen Glover hoffte deshalb auf "einen Schneeballeffekt". Lediglich vier Sportarten verzeichneten erheblichen Zuwachs, am eindrücklichsten das Frauen-Boxen mit 71 Prozent, nachdem Nicola Adams aus Leeds Gold geholt hatte.

Dreisprung-Olympiasieger Jonathan Edwards macht sich Sorgen über die mangelnden Zuwendungen an Kommunalverbände. "Für die Reparatur der örtlichen Sporthalle oder zusätzliche Trainer für junge Leute ist kein Geld da." Tatsächlich haben allerorten Klubs und Kommunen ihre Trainer entlassen, an Schulen wurde das Budget für Turnstunden gekürzt. Die Inaktivität hat schlimme Folgen. Schon heute gelten 30 Prozent aller Elfjährigen als übergewichtig.

Die Regierung und Bürgermeister Boris Johnson haben rechtzeitig zum Jahrestag ein fetziges Video und Berichte produzieren lassen, denen zufolge neue Investitionen aus dem Ausland die Kosten für das Kommerzspektakel mit angehängtem Sportfest bereits wieder eingespielt hätten. Umstritten ist dabei die Berechnungsgrundlage. Während die Regierung die Gesamtkosten mit umgerechnet 10,3 Milliarden Euro veranschlagt, haben die unabhängigen Stadtplanungsexperten der London School of Economics rund 17,4 Milliarden errechnet.

Zudem lassen sich die Regierungsangaben schwer nachprüfen, wie selbst der zuständige Wirtschaftsminister Vincent Cable zugibt. In der Rechnung sind Projekte wie der Umbau des berühmten Kraftwerks Battersea enthalten, die ohnehin verwirklicht worden wären. "Da wird viel kreative Buchführung betrieben", urteilt Sportökonom Stefan Szymanski. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 26.7.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die gedoubelte Queen landete mit dem Fallschirm, als vor einem Jahr die Olympischen Spiele eröffnet wurden.

Share if you care.